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Allgemeinmedizin 11. November 2005

Wie viel Testosteron braucht der Mann?

Im Mittelpunkt des steigenden Interesses am männlichen Hypogonadismus steht PADAM, das partielle Androgendefizit des alternden Mannes. Kenn­zeichen des Syndroms: verminderte ­Libido, nachlassende Potenz, Antriebsarmut, Schweißausbrüche.

Die normale Testosteronproduktion beim gesunden Mann beträgt 4–8 mg/d, der Testosteronspiegel im Blut liegt über 12 nmol/l und der freie Androgenindex über 40 Prozent. Werden diese Werte unterschritten, liegt ein Testosteronmangel vor. Je nach Lokalisation der Ursache wird ein primärer, sekundärer oder tertiärer Hypogonadismus (Tabelle 1) unterschieden. Die häufigste Ursache eines primären Hypogonadismus ist das Klinefelter-Syndrom. Etwa einer von 500 Männern ist betroffen. Charakteristisch sind hypotrophe Hoden, eine spärliche bzw. weibliche Sekundärbehaarung, ein eunuchoider Hochwuchs mit Stammfettsucht, verminderte Libido und depressive Verstimmung. Seltener sind Funktionseinschränkungen der Hoden durch La­geanomalien, eine Orchitis oder schwere Varikozelen bedingt.

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Sekundärer und tertiärer Hypogonadismus

Beim sekundären Hypogonadismus liegt eine Störung der Gona-dotropinsekretion, beim tertiären Hypogonadismus der GnRH-(Gonadotropin releasing Hormon)-Freisetzung vor. Ursache können angeborene Störungen, zum Beispiel Kallmann-Syndrom mit Anosmie und GnRH-Mangel, oder erworbene Erkrankungen, zum Beispiel Hypophysentumor, sein. Angeborene Störungen manifestieren sich meist in der Pubertät. Trotzdem sollte man auch bei älteren Männern daran denken. „Es kommt immer wieder vor, dass Patienten nicht zum Arzt gehen oder nicht gründlich untersucht worden sind und die Diagnose erst im höheren Alter gestellt wird“, be­tont der Endokrinologe Prof. Dr. Klaus von Werder, Schlosspark-Klinik, Berlin.

Verweiblichung durch Adipositas

Darüber hinaus können chronische Erkrankungen wie Diabetes, Herzinsuffizienz, chronisches Nierenversagen, chronisch obstruktive Lungenerkrankungen usw. verschiedene Medikamente (Tabelle 2) und auch eine Adipositas den Testosteronspiegel vermindern. Als Mechanismus bei Adipositas wird eine vermehrte Umwandlung von Testosteron in Östradiol im Fettgewebe disku­tiert. Die erhöhten Östrogenspiegel führen dabei zu einer Suppression der Gonadotropinausschüttung. Im Bereich zwischen physiologischem Altern und krankhafter Störung bewegen sich Diagnosen wie „Andropause“, „Climacterium virile“ oder „Partielles Androgendefizit des alternden Mannes (PADAM)“. Die Patienten klagen über nachlassende Libido und Erektionsfähigkeit, depressive Stimmung, abnehmende Muskelkraft und Knochendichte, Zunahme des viszeralen Fetts und Veränderungen an Haut und Haaren. Kritiker bemängeln, dass diese Symptome unspezifisch und variabel sind und auch ohne Hypogonadismus vorkommen können. Und der Testosteronspiegel liegt zudem meist nicht unter 12 nmol/l, sondern im „niedrig-normalen“ Bereich. Dennoch kann laut von Werder auch in diesen Fällen ein Zusammenhang mit einem absin­kenden Testosteronspiegel bestehen. „Hormone unterliegen einer starken individuellen Variabilität, und der Abfall eines hohen Testosteronspiegels auf einen niedrig-normalen Wert kann Beschwerden verursachen“, so der Endokrinologe. Ein Therapieversuch mit Testosteron ist daher gerechtfertigt, sofern keine Prostataerkrankung vorliegt.

Unter Testosteron: Regelmäßiger Prostata-Check

Besteht bei einem Patienten der Verdacht auf einen Androgenmangel, sollten Testosteron und das SHBG (Sexualhormon bindendes Globulin) an zwei verschiedenen Tagen morgens bestimmt werden. Liegt der Testosteronspiegel unter 12 nmol/l, gilt der Hypogonadismus beziehungsweise Testosteronmangel als nachgewiesen. Goldstandard bei der Testosteronsubstitution war früher 250 mg Testosteron intramuskulär alle drei bis vier Wochen. Seit kurzem gibt es ein Testosterongel, das auf die Haut aufgetragen wird, sowie ein Testosteron-Depotpräparat, das nur noch alle drei Monate gespritzt werden muss. Alle drei Applikationsformen führen zu adäquatem Hormonspiegel und letztendlich zu einer Zunahme der fettfreien Masse, der Muskelkraft und der Libido sowie zu einer Besserung der erektilen Dysfunktion und Stimmung. Negative Folgen der Therapie können eine Polyglobulie auf dem Boden einer gesteigerten Erythropoese sowie eine geringfügige Zunahme des Prostatavolumens sein. „Es gibt keinen Hinweis, dass Testosteron ein Prostatakarzinom auslöst“, sagte von Werder, empfahl aber dennoch regelmäßige Prostatauntersuchungen inklusive PSA-Bestimmung. Eine Testosteronüberdosierung führt zu Gynäkomastie, Hodenverkleinerung und deutlichem Hämatokritanstieg.

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