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Die OP-Überwachung beschränkt sich auf sehr einfache Mittel, das Operationsprotokoll wird handschriftlich geführt.

Geduldig warten die Patienten vor der Ambulanz, oft den ganzen Tag.

Station mit 22 Betten: das Essen bringen die Angehörigen mit.

© (4) Die Ärzte für Afrika

OP-Saal im St. Anthony’s Hospital in Dzodze

 
Urologie 26. Februar 2014

Urologie in einem Entwicklungsland

Soziale Verantwortung und eine Portion Abenteuerlust können unter anderem Beweggründe für eine Reise als Arzt nach Afrika sein.

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“ Der berühmte Satz von Erich Kästner ist gleichzeitig auch Leitspruch der „Ärzte für Afrika“, dessen Mitglieder sich aus Urologen, Pflegekräften und Technikern zusammensetzen. Schwerpunkt des Vereins ist die urologische Direkthilfe in Ghana in Westafrika. „Weil es uns hier so gut geht, spüren manche die Verpflichtung, auf diese Art und Weise etwas der menschlichen Gesellschaft zurückzugeben“, erklärte Prof. DDr. Christian Kratzik, von der Universitätsklinik für Urologie, Medizinische Universität Wien.

Das Ziel des Vereines „Die Ärzte für Afrika“ ist die medizinische Versorgung bedürftiger Menschen in Afrika. 2007 gegründet, zählt der Verein heute 207 ehrenamtliche Mitarbeiter. Pro Jahr werden zwischen zwölf und 14 Teams für rund zwei Wochen an die sechs betreuten Missionskrankenhäuser in Ghana entsendet. Der Verein wird fast ausschließlich durch Sach- und Geldspenden finanziert. Alle Mitglieder arbeiten ehrenamtlich, auch in der Verwaltung, sodass die Verwaltungskosten nahezu gegen Null laufen.

Passives Mitglied kann man für mindestens 30 Euro jährlich werden, eine aktive Mitgliedschaft erfolgt in Form von Kurzeinsätzen.

Informationen einholen

Bevor man eine Reise in ein neues Land, in diesem Fall nach Ghana, macht, sollte man sich auch über die Zahlen und Fakten informieren: Ghana liegt in Westafrika und hat rund 25 Millionen Einwohner. Es werden 79 eigenständige Sprachen gesprochen. Die Population ist sehr jung: 40 Prozent sind unter 16 Jahre alt. Die Rate der Analphabeten ist hoch, ebenfalls 40 Prozent. Für 25 Millionen Ghanaer stehen nur zehn einheimische Urologen zur Verfügung. Zum Vergleich: In Österreich gibt es mit rund acht Millionen Einwohnern derzeit 602 aktive Urologen.

In Ghana werden zwei bis dreimal pro Jahr und Krankenhaus regelmäßige Kurzeinsätze durch „Die Ärzte für Afrika“ durchgeführt. Im ganzen Land verteilt gibt es insgesamt sechs Spitäler, die regelmäßig von den Urologen des Vereins betreut werden. Deutsche, österreichische und Schweizer Urologen und Krankenschwestern arbeiten dabei in kleinen Teams zusammen. Ein Team besteht in der Regel aus zwei Urologen und einer Krankenschwester.

Die Einsätze werde ehrenamtlich im Urlaub durchgeführt. Auch die Flugkosten sind selbst aufzubringen. „Nachdem man am internationalen Airport angekommen ist, führen einfache, unasphaltierte Landstraßen, voll mit Schlaglöchern, teilweise Hunderte Kilometer zum Einsatzort“, berichtet Kratzik. Das komplette endourologische Instrumentarium ist in Kisten verpackt und muss an einem bestimmten Ort abgeholt werden. Spüllösungen werden von einer örtlichen Firma bereitgestellt, die Instrumente wie Katheter und Urinbeutel sind nicht immer von optimaler Qualität („Made in China for Ghana“).

Großes Einzugsgebiet

Die Patienten kommen aus einem großen Einzugsgebiet zu den urologischen Eingriffen, auch die Nachsorge von Operationen aus Voreinsätzen muss durchgeführt werden. Die Wartesäle sind meist mehr als voll. Vorab wird die Bevölkerung via Radio und Kirchen über den Einsatz informiert.

Da Ghana auch einmal eine deutsche Kolonie war, sprechen ganz wenige Menschen auch Deutsch. Viele können zwar Englisch, beim Screening wird jedoch meist ein Dolmetscher hinzugezogen. Es werden Anamnese, die körperliche Untersuchung und eine Sonographie durchgeführt, anschließend erfolgt die Aufklärung über die Operationsindikation und schließlich die Terminisierung. Bedingt durch die hohe Analphabetenrate erfolgt die Operationseinwilligung oftmals mittels Fingerabdruck – eine legale Form der Zustimmung. Die Diagnostik wird ergänzt durch ein Röntgen, das praktisch in jedem Krankenhaus zu finden ist. Eine Computertomographie gibt es jedoch nur in der Hauptstadt Accra und in der Stadt Kumasi. Für die Patienten ist dies oft eine unüberwindliche Distanz.

Die Lokalanästhesie wird meist von einem einheimischen Pfleger durchgeführt, die dazu – im Gegensatz zu den Infusionsnarkosen – sehr gut ausgebildet sind. Auch Kleinkinder werden ohne viel Aufhebens operiert, jedoch ist es schon vorgekommen, dass während einer Operation das Kind zu weinen anfängt, weil die Narkose nicht ausreichend durchgeführt wurde. „Als nicht ausgebildeter Anästhesist bleibt einem nichts anderes übrig als weiterzumachen“, sagt Kratzik.

Im Operationsraum werden oft zwei Operationen gleichzeitig durchgeführt, z. B. eine Sectio caesarea und ein urologischer Eingriff. Die Überwachung beschränkt sich auf sehr einfache Mittel, das Operationsprotokoll wird handschriftlich in englischer Sprache geführt.

Improvisationstalent ist gefragt

Die sonstige Diagnostik erfolgt mit Ultraschall, Röntgengerät und eben mit der physikalischen Untersuchung. Selten wird eine Laparoskopie oder transurethrale Sektion durchgeführt. Das Prostatakarzinom ist oft ein Zufallsbefund, Histologien werden meist ins Ausland geschickt. „Gefragt ist ebenso Improvisationstalent und man sollte sich für keine Arbeit zu gut sein“, so Kratzik. Die Ärzte werden gefordert und müssen etwa selbst bei der Lagerung oder Sterilisierung mithelfen. Eine Herausforderung ist es auch, dass man mit sehr wenigen Instrumenten auskommen muss.

Bei seinem letzten Einsatz war Kratzik in der Stadt Dzodze. Dort gibt es zwei Stationen, die in der Nacht mit je zwei Schwestern besetzt sind. Das Essen muss beispielsweise von den Angehörigen mitgenommen werden. Ghana hat zwar ein Versicherungssystem, wobei man 200 Cedi (1 ghanaischer Cedi sind etwa 50 Cent) im Jahr zahlen muss. Trotzdem gibt es Menschen, die sich das nicht leisten können und somit auch nicht versichert sind.

Große Eingriffe, wie z. B. Herz- oder Nierentransplantationen, werden vom ghanaischen Versicherungssystem nicht gedeckt. Bei gewissen Operationen muss der Patient noch etwas zu seiner Versicherung aufzahlen, was für manche aber so schwierig ist, dass notwendige Operationen oft lange hinauszögert werden. Kleinere Eingriffe, wie etwa die Blinddarmentfernung, werden auch vom praktischen Arzt durchgeführt.

Bis es tatsächlich zur Operation kommt, kann viel Zeit verstreichen. Begründet ist dies unter anderem in der Mentalität der Ghanaer. So lautet ein bekanntes ghanaisches Sprichwort: „Zeit ist uninteressant, denn es kommt immer welche nach, und es ist genug für alle da.“ Für den ausländischen Arzt bedeuten jedoch diese zwei Wochen Zeit im ghanaischen Spital hauptsächlich Arbeit – Freizeit gibt es so gut wie keine.

Lernprozess induzieren

Kann man denn auch Lernprozesse induzieren, wenn immer nur die Fachärzte aus dem Ausland kommen? „Wir arbeiten nicht an einer europäischen Universitätsklinik, sondern in einem afrikanischen Landkrankenhaus, insgesamt gibt es in Ghana nur etwa zehn Urologen, wobei die Bevölkerung fast dreimal so groß ist wie in Österreich“, erklärt Kratzik.

Beständig wird aber an der Verbesserung der Pflege gearbeitet, etwa mit Schulungen für das einheimische Personal. „Da ich das schon einige Jahre mache, bemerke ich schon eine Weiterentwicklung bzw. einen Umdenkprozess, auch wenn diese langsam von statten gehen. Von einer ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ zu sprechen wäre aber zuviel, da die Nachhaltigkeit kaum gegeben ist“, so der Urologe.

Die Bilanz des zweiwöchigen Einsatzes kann sich jedenfalls sehen lassen: Unter den Schnittoperationen waren 15 SPE, zwei vesiko-vaginale Fisteln, eine Nephrektomie, eine Probelaparotomie, drei sukapsuläre Orchiektomien, ein Blasenfistelverschluss, eine Blasendivertikelabtragung, drei Kryptorchismus-OPs und eine Urachusfistel. Endourologisch wurden 17 TUR-Prostata, vier Blasenlithotrypsien, neun Urethrotomia interni und vier diagnostische Zystoskopien durchgeführt. Insgesamt gab es 192 ambulante Begutachtungen.

„Trotz des durchgehend anstrengenden Dienste handelt es sich um eine befriedigende Tätigkeit, ich habe in Ghana sehr viel dazu gelernt“, sagt Kratzik. Man wird meist mit großer Dankbarkeit und Freude willkommen geheißen und verabschiedet. Vieles ist Improvisation und „learning by doing“. Aber wie sagt ein weiteres Sprichwort aus Ghana: „Live is a teacher, the more you live, the more you learn.“

Nähere Informationen und Kontakt: www.die-aerzte-fuer-afrika.de

Quelle: Fortbildungstagung der Österreichischen Gesellschaft für Urologie und Andrologie, 15. bis 16. November 2013, Linz

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