zur Navigation zum Inhalt
© B. Mlineritsch
Doz. Dr. Brigitte Mlineritsch Leiterin der Onkologischen Ambulanz, Universitätsklinik für Innere Medizin III, Salzburg
© MedUni Graz

Prof. Dr. Karl Pummer Vorstand der Universitätsklinik für Urologie, Graz

© Stauke/fotolia.com
 
Urologie 21. August 2013

Jeder Monat zählt

Mehr Lebensqualität für Männer mit fortgeschrittenem Prostatakrebs.

Laut einer aktuellen Oekonsult-Umfrage sind drei Viertel der Befragten der Meinung, dass die heimischen Medien nicht ausreichend über Prostatakrebs informieren. Das wollen wir natürlich nicht auf uns sitzen lassen. Hier erfahren Sie nun Wissenswertes zu Stadien, Verlauf und Behandlungsoptionen.

95 Prozent der Befragten wünschen sich mehr Informationen über Prostatakrebs in den Medien. Unwissenheit ist aber nicht der Grund, warum so viele Männer nicht zur Prostata-Vorsorgeuntersuchung gehen. Dem Großteil ist sehr wohl bekannt, dass es diese Möglichkeit gibt. Dass sie so selten wahrgenommen wird, hat eine andere Ursache: Es ist die Angst, die sie hindert. Nämlich die Angst vor einem positiven Befund und den Folgen. Möglicherweise kann Aufklärung dazu beitragen, diese Angst zu mindern.

Nichts Besseres als PSA

Der PSA-Test als Screening-Instrument ist aufgrund der geringen Spezifität umstritten: PSA ist kein tumorspezifischer, sondern ein organspezifischer Marker. Es wird auch von Gesunden gebildet und ist auch bei gutartigen Veränderungen der Prostata erhöht. Fakt ist aber, so Prof. Dr. Karl Pummer, Vorstand der Universitätsklinik für Urologie, Graz: „Wir haben derzeit nichts Besseres als das PSA zu Verfügung. Es ist zwar nicht ideal, aber bei vernünftigem Umgang durchaus brauchbar.“ Bis auf Weiteres wird der PSA-Test also das wichtigste Instrument der Frühdiagnose bleiben.

Active Surveillance muss angeboten werden

Die Therapie des Prostatakarzinoms richtet sich nach dem Stadium (siehe Tabelle unten). In Diskussion steht derzeit das Vorgehen bei lokal begrenzten Low-Risk-Karzinomen. „Berechtigterweise wird die Frage gestellt, ob man Low-Risk-Patienten überhaupt sofort behandeln soll“, so Pummer. Die Leitlinien sehen derzeit vor, dass die Patienten über die Möglichkeit der Active Surveillance zumindest informiert werden sollen. „Es handelt sich dabei um eine Level-A-Empfehlung“, betont Pummer. Das bedeutet, es liegt eine gewisse Rechtsverbindlichkeit vor: Wenn ein Arzt von einer Leitlinie abweicht, muss er triftige Gründe haben, da er sonst haftbar gemacht werden kann.

„Noch werden zu viele Männer mit Low-Risk-Prostatakarzinom aggressiv lokal behandelt“, meint Pummer. Die Active Surveillance bietet einen möglichen Ausweg. Allerdings ist die Selektion der Patienten für die Active Surveillance nicht so einfach: „Zum einen unterschätzt die Biopsie oft den Gleason Score: Bei mehr als 30 Prozent der Patienten erfolgt nach der Operation ein Upgrade.“ Ein anderes Problem ist, dass ein niedriges Tumorvolumen kein Prädiktor für das pathologische Stadium ist.

Auch die Therapie-Trigger sind unklar, so Pummer: „PSA und PSA-Kinetik sind unzureichend und Folgebiopsien sind oft notwendig. Und jeder dritte Patient braucht nach etwa zwei Jahren Active Surveillance dann doch eine Therapie.“

Ein weiterer Minuspunkt für die Active Surveillance ist die Verunsicherung, die das „Nichtstun“ bei Patienten und ihren Angehörigen vielfach auslöst.

Intermediate Risk sofort behandeln

Außer Zweifel steht, dass Intermediate- und High-Risk-Prostatakarzinome ein sofortiges Eingreifen erfordern. Hier stehen Arzt und Patient nun vor der Entscheidung: Welche Therapie? Operation oder Strahlentherapie? „Jeder Patient fragt natürlich: Was ist besser? – Aber wir können es ihm nicht sagen, da es keine direkten Vergleichsstudien gibt“, so Pummer. Brandneue Daten sprechen eher für die Prostatektomie: Sooriakumaran et al. präsentierten auf dem EAU-Kongress 2013 eine Studie, in der das Follow-up bei mehr als 34.000 Patienten erhoben wurde. Sie stellten bei Patienten nach Radiotherapie eine verdoppelte Todesrate im Vergleich zu prostatektomierten Patienten nach maximal 15 Jahren fest.

Hormontherapie versagt nahezu unausweichlich

Für Prostatakrebspatienten ab dem fortgeschrittenen Stadium ist der Androgenentzug eine Option, bei metastasiertem Karzinom ist er bereits die Standardtherapie. Der Androgenentzug kann durch operative oder medikamentöse Kastration erfolgen und zeigt hohe initiale Ansprechraten: „Mehr als 85 Prozent der Patienten zeigen einen Response“, berichtet Pummer. Allerdings ist das Therapieversagen nach einiger Zeit so gut wie unvermeidbar. „Nach durchschnittlich 18 Monaten kommt es zur Progression; nach durchschnittlich drei Jahren sind die Patienten verstorben.“

Warum eine Hormontherapie bei Prostatakrebs nur eine Zeitlang wirkt, ist nicht ganz geklärt. Man weiß, dass es zu Verschiebungen der Kompartimente kommt, dass bestimmte Zelltypen durch die Hormontherapie gepusht werden. „Dieses Wissen hat zur Entwicklung neuer Präparate geführt, die nach Versagen der First- und Second-line-Hormontherapie eingesetzt werden können“, so Pummer. „Wodurch neue Fragen aufgeworfen werden, nämlich: Ist unser Therapiealgorithmus überhaupt noch gültig? Und hat die Chemotherapie beim Prostatakarzinom ausgedient?“

Chemotherapie wird zu wenig genutzt

Doz. Dr. Brigitte Mlineritsch, Leiterin der Onkologischen Ambulanz, Universitätsklinik für Innere Medizin III, Salzburg, ist nicht der Meinung, dass sich die Chemotherapie beim Prostatakarzinom in naher Zukunft erübrigen könnte. Denn: „Sie zeigt hohe Responseraten in der Erstlinientherapie und ein verbessertes Gesamtüberleben in der Erst- und Zweitlinientherapie. Als adjuvante Therapie im lokalisierten Setting bringt sie Verbesserungen im Gesamt- und im progressionsfreien Überleben.“

Dennoch erhalten nur 37 Prozent aller Patienten eine Chemotherapie. „Wahrscheinlich weil sie einen schlechten Ruf hat“, meint Mlineritsch. „Sie ist zugegebenermaßen nebenwirkungsreich, aber bei guter supportiver Therapie kann eine gute Lebensqualität erreicht werden.“

Es stehen verschiedene Chemotherapeutika zur Verfügung, wobei jedes einzelne nur einen Überlebensvorteil von wenigen Monaten vorweisen kann. „Aber aneinandergereiht angewandt können die Patienten doch einiges an Lebenszeit gewinnen“, so Mlineritsch.

Wenn eine Chemotherapie begonnen wird, heißt das auch nicht, dass der Patient für den Rest seines Lebens dabei bleiben muss. Ein hohes Lebensalter ist keine Kontraindikation für eine Chemotherapie, wie Mlineritsch betonen möchte: „Es kommt nicht auf das Alter, sondern auf den Gesundheitszustand an.“

Quelle: Presseroundtable „Jeder Monat zählt!“, Wien, 8. August 2013

  

Stadien des Prostatakarzinoms

• Lokal begrenzt (T1-2, N0, M0)

• Low risk (PSA <10 und GS ≤6 und T ≤2a)

• Intermediate risk (PSA 10-20 u./od. GS 7 u./od. T2b)

• High risk (PSA >20 od. GS >7 od. T ≥2c)

• Lokal fortgeschritten (T3-4, N0, M0)

• Metastasiert (T1-4, N+ oder M+)

T=Größe und örtliche Ausdehnung des Tumors, N= Lymphknotenbefall , M=Metastasen, GS= Gleason Score (histologisches Grading)

Quelle: nach D´Amico et al.: JAMA 1998

C. Lindengrün, Ärzte Woche 34/2013

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben