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Doz. Dr. Wilhelm Hübner, Leiter der Urologischen Abteilung, Landesklinikum Weinviertel Klosterneuburg

Prof. Dr. Max Wunderlich, 1. Vorsitzender der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ)

 
Urologie 24. Juni 2013

Wieder fit im Schritt

Mit Inkontinenz muss sich niemand abfinden.

Blasen- und Darmschwäche sind weit verbreitet, aber die wenigsten sprechen darüber. Der Leidensdruck ist enorm, doch nur ein Bruchteil der Betroffenen sucht medizinische Hilfe. Die Scham ist zu groß. Besonders Männer leiden oft jahrelang unter Inkontinenz, ohne einen Arzt aufzusuchen. Die Medizinische Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ) will das Schweigen brechen, über die zahlreichen Möglichkeiten der Behandlung informieren und bei der Alltagsbewältigung helfen.

Mindestens eine Million Menschen in Österreich leidet an Inkontinenz. Nur etwa ein Drittel der Betroffenen spricht darüber. Scham, mangelnde Information und der Irrglaube, dass Inkontinenz eine Alterserscheinung und somit ein unabwendbares Schicksal ist, sind die Gründe. Um das Schweigen zu brechen, können Ärzte etwas tun, nämlich Patienten konkret auf Inkontinenz ansprechen. Prof. Dr. Max Wunderlich, erster Vorsitzender der MKÖ, gibt Tipps: „Tragen Sie Einlagen? Gehen Sie erst nach dem Stuhlgang außer Haus? – Solche Schlüsselfragen bringen Patienten zum Erzählen.“

Inkontinenz ist kein unabwendbares Schicksal

Aufgrund der anatomischen Gegebenheiten und der Tatsache, dass Geburten den Beckenboden schwächen, sind Frauen häufiger von Inkontinenz betroffen als Männer. „Man weiß, dass 15 Prozent aller Frauen unter Harninkontinenz und neun Prozent unter Stuhlinkontinenz leiden“, berichtet Prof. Dr. Engelbert Hanzal, Leiter der Urogynäkologischen Ambulanz an der Wiener Universitätsklinik für Frauenheilkunde. Nur ein Teil davon ist in adäquater Behandlung, die es heutzutage gibt und die auch in vielen Fällen von Erfolg gekrönt ist: „Bei der Belastungsinkontinenz hat gezieltes Beckenbodentraining eine Erfolgsrate von 50 bis 70 Prozent, wenn die Übungen konsequent durchgeführt werden“, so Hanzal.

Eine überaktive Blase kann durch eine Kombination aus Medikamenten, Beckenboden- und Verhaltenstherapie ruhig gestellt werden. Auch Biofeedback und Elektrotherapie bringen laut Hanzal nachweisbare Erfolge.

Operative Methoden kommen zum Einsatz, wenn die konservative Therapie nicht ausreicht. Das gebräuchlichste operative Verfahren gegen Belastungsinkontinenz ist die Platzierung einer Schlinge um die Harnröhre, wodurch der Verschlussmechanismus verstärkt wird. „Die Erfolgsraten liegen hier bei 80 Prozent“, so Hanzal. „Ist es mit all diesen Methoden nicht möglich, die Kontinenz wieder vollständig herzustellen, gibt es Hilfsmittel – Einlagen und Katheter –, die Betroffenen helfen, trotz Blasenschwäche ein weitgehend normales Leben führen zu können.“

Männer leiden heimlich

Frauen sind zwar häufiger von Inkontinenz betroffen, aber die Einschränkung der Lebensqualität scheint Männer härter zu treffen. „Inkontinenz ist bei Männern noch viel stärker tabubehaftet als bei Frauen“, berichtet Doz. Dr. Wilhelm Hübner, Leiter der Urologischen Abteilung, Landesklinikum Weinviertel Klosterneuburg. „Bei Frauen mit schwacher Blase denkt man an Geburten und harte Arbeit - also Dinge, auf die sie stolz sein können. Bei Männern dagegen wird Inkontinenz mit Krebs, mit Impotenz, mit dem Ende des Mann-Seins assoziiert.“ Gänzlicher sozialer Rückzug, sogar Suizidgedanken können die dramatische Folge sein.

„Bei Frauen ist auch das Bewusstsein für die Zusammenhänge von Kontinenz und Beckenboden größer“, meint Hübner. „Bei Männern fehlt oft das Verständnis für das Zusammenspiel von glatter und quergestreifter Muskulatur, leider auch bei manchen Ärzten: Wenn ein Mann den Harnstrahl unterbrechen kann, bedeutet das noch nicht, dass er kontinent ist. Zur Kontinenz gehört auch ein funktionierender Dauertonus der glatten Muskulatur.“

Die – falsche – Annahme, dass man „ohnehin nichts dagegen tun kann“ ist ein weiterer Grund, warum inkontinente Männer oft jahrelang keine Hilfe suchen. „Konservative Therapien sind bei Männern leider weniger erfolgreich als bei Frauen“, so Hübner. „Trotzdem muss sich kein Mann mit seiner Inkontinenz einfach abfinden. Vielen können wir auch nach jahrelangem Leiden sehr schnell helfen.“

Stuhlinkontinenz

Ist schon Harninkontinenz ein äußerst tabubehaftetes Thema, so ist es umso mehr die Stuhlinkontinenz. Auch hier sind Frauen häufiger betroffen, wie Wunderlich berichtet. Dammrisse bei Geburten sind eine häufige Ursache, doch ist dieser Zusammenhang vielen Frauen nicht bewusst, da sich die Schließmuskelschädigung oft erst viele Jahre nach der Geburt in Form von Inkontinenz auswirkt. Es gibt aber noch viel weitere Gründe für Stuhlinkontinenz: Operationen, Tumore, Nervenschäden, Nahrungsmittelunverträglichkeit und neurologische Erkrankungen, entzündliche Erkrankungen wie Morbus Crohn etc. „Eine endoskopische Kontrolle sollte vor jeder Behandlung erfolgen, um Tumore des Mastdarms auszuschließen“, betont Wunderlich.

Über die vielfachen Ursachen der Stuhlinkontinenz zu informieren, sei auch wichtig, um den Betroffenen das Gefühl zu nehmen, es wäre ihr eigenes „Versagen“. Außerdem ist laut Wunderlich zu wenig bekannt, dass Darmschwäche heutzutage sehr gut behandelbar ist: „Mit konservativen Therapien kann schon zwei Drittel der Patienten geholfen werden.“ Diese umfassen Beckenbodentraining, Ernährungsumstellung und die kontrollierte Darmentleerung mittels abführender Zäpfchen oder Einlauf.

Für schwierige Fälle stehen operative Methoden zur Verfügung: der operative Wiederaufbau der Schließmuskulatur oder deren Stimulation mit Elektroden oder Schrittmacherimplantation.

Kongress im Herbst

„Wichtig für den Behandlungserfolg ist die interdisziplinäre Betreuung“, betont Wunderlich. „Durch die Empfehlung von Experten aller Fachrichtungen und Berufsgruppen in allen Bundesländern garantiert die MKÖ ein hohes Niveau der medizinischen und pflegerischen Versorgung auch außerhalb großer Zentren.“ Die Zusammenarbeit mehrerer Abteilungen mit hoher Spezialisierung auf Probleme des Beckenbodens, der Harnblase und des Mastdarms erfahren eine besondere Anerkennung als „Beckenbodenzentren“, die von der MKÖ zertifiziert sind.

Für Patienten, die an Blasen- und Darmschwäche leiden oder einen künstlichen Blasen- oder Darmausgang haben, ist die Betreuung durch geschulte Pflegekräfte wichtig. Die MKÖ bietet deshalb gemeinsam mit dem Verein Kontinenz-Stoma-Beratung Österreich (KSB) eine berufsbegleitende Zusatzausbildung zum Kontinenz- und Stomaberater an. Um bundesweit einheitlich hohe Qualitätsstandards zu garantieren, hat der Fachverband zudem ein Positionspapier erstellt, das vor Kurzem aktualisiert wurde (siehe www.kontinenz-stoma.at).

Interdisziplinär ausgerichtet sind auch die Fortbildungsveranstaltungen der MKÖ, die sich an Urologen, Gynäkologen, Chirurgen, Geriater, Physiotherapeuten, Pflegefachkräfte und alle, die Menschen mit Kontinenzproblemen unterstützen wollen, richten.

Die Jahrestagung der MKÖ steht heuer unter dem Motto „Kontinenz dank neuromuskulärer Harmonie“. Sie wird von 18. bis 19. Oktober 2013 in Linz stattfinden und sich unter anderem den Themenkreisen Sexualität und Inkontinenz, Therapie und Rehabilitation bei neurogener Blasen- und Darmstörung, Beckenorganprolaps und der klinischen Forschung in der Physiotherapie widmen.

Nähere Informationen:

Quelle:

Pressegespräch „Inkontinenz - darüber reden statt darunter leiden“, Wien, 18. Juni 2013

C. Lindengrün, Ärzte Woche 26/2013

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