zur Navigation zum Inhalt
 
Urologie 24. Oktober 2012

Verschlossene Samenbläschen sind besser als gar keine

Die Okklusion des Samenbläschenausganges erhöht die sexuelle Aktivität, das Entfernen der Samenbläschen vermindert sie – zumindest im Tiermodell. Bestätigt sich diese neue Erkenntnis beim Menschen, sollten die Drüsen bei onkologischen Operationen möglichst geschont werden.

Seit mehr als 120 Jahren gibt es Vermutungen darüber, dass die Samenbläschen des Mannes Einfluss auf den Geschlechtstrieb und die sexuelle Aktivität haben. Trotz vielfacher tierexperimenteller Versuche war es jedoch bislang nicht gelungen, mehr über die physiologischen Funktionen der Bläschendrüse, abgesehen von ihrer Bedeutung für die Fertilität des Mannes, herauszufinden.

Schweizer Forscher liefern nun deutliche Hinweise darauf, dass die Samenbläschen direkt die sexuelle Aktivität beeinflussen (Birkhäuser et al.: Eur Urol 2012). Dazu nutzten sie ein neues Mausmodell: Bei insgesamt 77 männlichen Mäusen wurde entweder der Ausführungsgang der Samenbläschen mit einem Clip verschlossen, die Drüsen komplett entfernt oder eine Scheinoperation vorgenommen. Etwa zwei Wochen später wurden die Männchen unter möglichst optimalen Bedingungen mit Weibchen zusammengebracht.

Intrinsischer Stimulus

In der scheinoperierten Gruppe kam es in 30 Prozent der Sessionen zu vollendeten Paarungen. Mit 48 Prozent signifikant häufiger war dies in der Gruppe mit okkludierten Samenbläschen der Fall. Am geringsten war die sexuelle Aktivität bei den Tieren, deren Samenbläschen exzidiert worden waren (21%).

Daraus schlussfolgern die Autoren, dass okkludierte und damit vergrößerte Samenbläschen einen intrinsischen Stimulus für die sexuelle Aktivität darstellen könnten. Über welchen Mechanismus dies geschieht – etwa nerval oder hormonell – ist unklar. Aus physiologischer Sicht erscheint es sinnvoll, dass ausreichend vorhandene Samenflüssigkeit in den Samenbläschen als Voraussetzung für den Samentransfer eine hohe Bereitschaft für den Geschlechtsverkehr signalisiert.

Die klinische Erfahrung bestätige die experimentellen Resultate, so die Autoren: Männer mit invasiven Harnblasenkarzinomen, die sich einer radikalen Zystoprostatektomie unterziehen mussten, berichteten über vergleichsweise ausgeprägten Geschlechtstrieb, wenn bei ihnen die Samenbläschen geschont wurden, im Vergleich zu jenen, deren Samenbläschen entfernt worden waren. Dies und der neue Studienbefund sollten nach Ansicht der Schweizer die Motivation verstärken, die Samenbläschen bei Zystoprostatektomien zu belassen, zumal mehrere Studien ergeben haben, dass dies aus onkologischer Sicht bei ausgewählten Patienten sicher ist.

 

springermedizin.de/ner, Ärzte Woche 43/2012

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben