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Bis zu 60-mal am Tag müssen Patienten mit interstitieller Cystitis zur Toilette.
 
Urologie 10. September 2012

Interstitielle Cystitis

Auf der Suche nach Therapien zeigt sich: Das Schwangerschaftshormon hCG bessert die Symptomatik.

Schmerzen als ob Rasierklingen im Unterleib wüten: Die chronische, nicht bakterielle, interstitielle Entzündung der Blasenwand (Interstitielle Cystitis, IC) bedeutet enormen Leidensdruck. Harndrang mit bis zu 60 Toilettengängen tags und nachts führt nicht selten zu sozialer Isolation und Erwerbsunfähigkeit.

IC ist schwer zu diagnostizieren und wird oft, wenn überhaupt, erst nach Jahren erkannt. Die Ursachen sind weitgehend unbekannt, Heilung ist nicht möglich.

Schwierige Differenzierung

„Selbst unter Medizinern ist die IC noch zu wenig bekannt“, sagt DGU-Präsident Prof. Dr. Stefan C. Müller. „Die Dunkelziffer ist hoch, da die Differenzierung zwischen einer beginnenden IC und dem Krankheitsbild der überaktiven Blase schwierig ist.“ Bleibt die Erkrankung unerkannt und unzureichend behandelt, droht dem Betroffenen ein jahrelanges Martyrium bis zur Entfernung der Harnblase. Umfassende IC-Diagnostik ruht, so Dr. Thilo Schwalenberg, Universitätsklinikum Leipzig, auf drei Säulen: „Neben der Erfassung der klinischen Symptome gehören eine Blasenspiegelung mit Gewebeentnahme und die Molekulardiagnostik spezifischer Zellproteine dazu, denn die IC ist eine Endorganerkrankung, die Veränderungen in allen Schichten der Blasenwand hervorrufen kann.“

Heilung nicht möglich

Heutige Therapien können ein Fortschreiten der Erkrankung verhindern und Symptome lindern. Dazu zählen vornehmlich Schmerztherapie und Blaseninstillationen mit Medikamenten zur Wiederherstellung der defekten Blasenschutzschicht (GAG-Schicht). Heilung ist nicht möglich, da weder die Mechanismen der Krankheitsentstehung noch deren Ursache hinreichend erforscht sind. „Wir verstehen den Krankheitsprozess der IC vorrangig als einen initial vorliegenden Immun- und Barrieredefekt im Gewebe der ableitenden Harnwege, insbesondere in der Schleimhaut. Eine Störung der Gewebeintegrität verändert das Bindungsverhalten der Oberflächenproteine und führt zur chronischen Entzündung aller Schichten der Blasenwand“, erklärt Schwalenberg.

Falsche Terminologie

Die jahrelange Diskussion um die Terminologie, welche die IC auf europäischer Ebene zuletzt als Blasenschmerz-Syndrom einordnete, wird von Schwalenberg kritisiert:Der Begriff Schmerzsyndrom führt weg von der Entstehung einer Erkrankung mit Verletzungen und Umbauvorgängen im Urothel, die es gezielt zu therapieren gilt. Mit dieser Terminologie werden nicht nur Wege zu einer kausalen Therapie erschwert, wir versäumen es auch als Urologen, die frühen Formen der IC zu diagnostizieren. Nicht die Schmerzbehandlung steht am Anfang, sondern die differenzierte Untersuchung des erkrankten Gewebes der Blase.“

Schwangerschaft hilft

Auf der Suche nach einer ursachenbezogenen Therapie untersucht Schwalenberg aktuell die Rolle des Schwangerschaftshormons hCG, da beobachtet wurde, dass sich die Symptomatik einer IC bei Schwangeren bessert: „Wir konnten geschlechtsunabhängig signifikant erhöhtes hCG bei IC-Patienten nachweisen, was auf einen Schutz- oder Reparaturmechanismus hinweist und eine neue therapeutische Perspektive eröffnet.“ Jüngste Ergebnisse wird Schwalenberg auf dem 64. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) vom 26. bis 29. September in Leipzig vorstellen, darunter ein klinisch anwendbares diagnostisches Tool, das die Frühdiagnostik der IC und Differenzialdiagnostik zur überaktiven Blase unterstützen soll.

Stiefkind der Forschung

Schwalenberg: „Für mich steht die IC in einer Kategorie von Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Rheumatoide Arthritis oder Morbus Crohn. Auch bei diesen Erkrankungen sind Pathomechanismen noch nicht endgültig geklärt. Im Unterschied zur IC werden aber in den dortigen Fachdisziplinen seit Jahren schon Forschungsaktivitäten vorangetrieben. Nicht nur die Therapeuten, sondern auch die Industrie und die Kostenträger sind hier ganz intensiv einbezogen.“ Entsprechendes Engagement für die IC sei wünschenswert, so der Appell.

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