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Reizblase: Wenn Antimuskarinika nicht helfen, gibt’s zwei Möglichkeiten: die sakrale Neuromodulation oder die Botoxspritze.
 
Urologie 10. September 2012

Stoppt den Drang

Botox-Injektion bei überaktiver Blase.

Ob Falten, Migräne, übermäßiges Schwitzen oder Schielen – alles Indikationen für Botulinumtoxin. Auch für Patienten mit idiopathischer Reizblase und Inkontinenz verspricht das Neurotoxin Symptomlinderung und ein Plus an Lebensqualität.

Sprechen Patienten mit idiopathischer Reizblase und Inkontinenz nicht entsprechend auf Antimuskarinika an oder treten Nebenwirkungen auf, scheint Onabotulinumtoxin A (BoNT-ONA) eine adäquate Alternative zu sein. Wobei das Neurotoxin nicht nur die Symptome lindert, sondern auch die Lebensqualität entscheidend verbessert, wie Clare J. Fowler vom National Hospital of Neurology and Neurosurgery, London, und ihre Kollegen nachwiesen.

Leidensdruck so hoch wie bei Multipler Sklerose

Menschen, die mit einer Stressinkontinenz zu kämpfen haben, fühlen sich stark beeinträchtigt. Der Leidensdruck ist ähnlich hoch wie bei Menschen mit Multipler Sklerose oder Arthrose. Die SF-36-Scores – ein krankheitsübergreifendes Messinstrument zur Erfassung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität – sind in diesen Patientengruppen vergleichbar niedrig.

Weniger Inkontinenzepisoden

Auch bei den 131 von Fowler und Kollegen untersuchten Patienten fielen die verschiedenen Lebensqualitäts-Scores zu Beginn der Untersuchung schlecht aus: Incontinence-Specific Quality-of-Life Instrument (I-QOL), King`s Health Questionnaire (KHQ) und Medical Outcomes Study 36-Item Short-Form Health Survey (SF-36).

Die Patienten, die alle an einer idiopathischen Reizblase litten und nicht adäquat auf Antimuskarinika ansprachen, wurden randomisiert wie folgt behandelt: 40 Teilnehmer erhielten Placebo, die Probanden erhielten BoNT-ONA in verschiedenen Dosierungen ONA in den Blasendetrusor injiziert (57 Patienten 100 IU BoNT, 54 Patienten 150 IU, 49 Patienten 200 IU und 56 Patienten 300 IU).

Mit BoNT-ONA verbesserte sich die Blasenfunktion: Zwölf Wochen nach Therapie berichteten die Patienten, im Vergleich zu vorher seltener Harn zu verlieren. Einige gaben sogar an, kontinent zu sein, wobei der Anteil dieser Patienten in den verschiedenen Gruppen divergierte (15,9% Placebo, 29,8% BoNT-ONA 50 IU, 37% 100 IU, 40,8% 150 IU, 50,9 % 200 IU, 57,1% 300 IU).

Mehr Lebensqualität

Mit der BoNT-ONA-Injektion gewannen die Probanden auch Lebensqualität zurück: Sowohl die krankheitsspezifische als auch die allgemein auf die Gesundheit bezogene Lebensqualität verbesserten sich im Vergleich zu den Placebo-Behandelten. Bereits zwei Wochen nach Injektion schnitten die Botulinumtoxin-Patienten mit einer Dosis von ≥100 IU im I-QOL (p < 0,05) und im KHQ (p < 0,05) deutlich besser ab als die Placebo-Gruppe; das blieb auch 36 Wochen nach der Injektion noch so. Ähnliches ließ sich auch für den SF-36-Score feststellen: Alle BoNT-ONA-Dosierungen verbesserten die gesundheitsbezogene Lebensqualität, nicht so Placebo. Statistisch signifikant fiel der Unterschied jedoch erst bei Dosierungen von 200 IU (p = 0,048) und 300 IU (p ≤ 0,045) aus.

Alternativlose Alternative?

Für die Studienautoren ist BoNT-ONA eine effektive und auch sichere Therapiealternative für Patienten mit idiopathischer überaktiver Blase und Inkontinenz. Dieser Meinung sind auch Dr. Ricarda M. Bauer und Doz. Dr. Christian Gratzke, Urologen der Ludwig-Maximilians-Universität, München, wie in ihrem Editorial zu lesen ist. Konnte doch bereits in zahlreichen Untersuchungen die Effektivität und Sicherheit von Botulinumtoxin bei idiopathisch überaktiver Blase bestätigt werden. Zwar ist für diese Indikation das Neurotoxin noch nicht zugelassen, das wird aber nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen, so Bauer und Gratzke.

Viele offene Fragen

Doch trotz aller Euphorie räumen Bauer und Gratzke ein, dass nach wie vor eine Reihe offener Fragen bleiben: wie etwa zur Injektionstechnik, aber auch die Frage, ob sich Botox für Kinder eignet oder für Männer mit Symptomen des unteren Harntrakts (LUTS). Und was passiert bei mehreren Wiederholungen? Wird der Effekt nachlassen? Wird die Antikörperproduktion ein Problem werden?

„BoNT-ONA ist es eine gute Option für viele, aber eben nicht für alle Patienten“, schreiben Bauer und Gratzke. „Ob das Neurotoxin die großen Hoffnungen erfüllen wird, bleibt abzuwarten.“

 

Quelle: Fowler C et al.: Eur Urol 2012

springermedizin.de, Ärzte Woche 37/2012

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