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Urologie 16. August 2012

Doch wieder PSA-Screening

Elf-Jahres-Daten einer europäischen Screeningstudie bewegen nun auch US-Onkoologen zum Umdenken: Sie plädieren bei Männern mit hoher Lebenserwartung für den PSA-Test.

Noch vor drei Jahren haben sich die meisten US-Fachgesellschaften gegen ein PSA-Screening bei Männern ausgesprochen. Jetzt schwenken die klinischen Onkologen um.


In einem vorläufigen Positionspapier wird geraten, dass Ärzte bei Patienten mit einer Lebenserwartung von mehr als zehn Jahren einen PSA-Test diskutieren und mit ihnen sowohl den möglichen Nutzen (frühe Erkennung von aggressiven Tumoren) als auch den möglichen Schaden sorgfältig abwägen (Biopsien aufgrund falsch positiver Testergebnisse, Komplikationen bei Biopsien, Behandlung bei Tumoren, die keine Gefahr darstellen). Für Patienten mit einer Lebenserwartung von zehn Jahren oder weniger wird auch weiterhin nicht zum Screening geraten, weil hier nach Auffassung der American Society of Clinical Oncology (ASCO) der Schaden den Nutzen überwiegt.

Neubewertung von Studien


Grund für den Richtungswechsel ist eine Neubeurteilung der beiden wegweisenden Screening-Studien PLCO und ERSPC. An der Studie PLCO (Prostate, Lung, Colorectal, and Ovarian) nahmen knapp 77.000 gesunde Männern im Alter von 55 bis 74 Jahren teil. Die Männer hatten entweder sechsmal jährlich ihren PSA-Wert messen lassen oder sich der üblichen Vorsorge unterzogen. Nach sieben Jahren gab es zwischen den Gruppen keine Unterschiede bei der Prostatakrebs-Sterberate sowie der Gesamtsterberate.

Allerdings wurde auch in der Kontrollgruppe mit normaler Vorsorge heftig auf PSA getestet, und zwar bei etwa jedem Zweiten, was die Ergebnisse verwässert haben dürfte - in den USA war der Test eben sehr populär.

Dennoch hatten die Studienergebnisse die US-Fachgesellschaften davon überzeugt, sich vom PSA-Test zu distanzieren.

Ganz andere Ergebnisse lieferte die Studie ERSPC (European Randomized Study of Screening for Prostate Cancer). An ihr nahmen 182.000 Männer teil. In der Screeninggruppe wurde der PSA-Wert alle vier Jahre bestimmt, in der Kontrollgruppe gar nicht. Erste Ergebnisse wurden ebenfalls 2009 veröffentlicht: In einer Subgruppenanalyse bei 162.000 Männern im Alter von 55 bis 69 Jahren gab es zwar nach neun Jahren auch keine Unterschiede bei der Gesamtsterblichkeit, die prostatakarzinom-spezifische Mortalität war aber um 20 Prozent reduziert. Dies überzeugte wiederum die europäischen Urologen, am PSA-Test festzuhalten: Die S3-Leitlinie der DGU aus dem Jahr 2009 empfiehlt die PSA-Bestimmung bei asymptomatischen Männern schon ab dem 40. Lebensjahr, allerdings nicht als Screening, sondern auf Basis einer individuellen Beratung.

Mortalität um 21 Prozent reduziert


Was die US-Kollegen von der ASCO nun zum Umdenken bewogen hat, waren aktuelle Elf-Jahres-Daten der Studie ERSPC: Die prostatakarzinom-spezifische Mortalität war mit Screening noch immer deutlich reduziert, und zwar um 21 Prozent. Um einen Todesfall durch Prostata-Ca zu vermeiden, müssen nach diesen Daten nur etwa 1000 Männer zwei- bis dreimal in elf Jahren getestet werden.

Die Autoren des ASCO-Papiers um den Onkologen Dr. Robert Nam aus Alexandria verweisen jedoch auch auf die Risiken des Screenings. So waren in den beiden Studien 12 bis 13 Prozent der Testergebnisse falsch positiv und zogen daher oft unnötige Biopsien nach sich. Diese führten wiederum bei knapp vier Prozent zu Fieber, ein ähnlich hoher Anteil musste innerhalb von 30 Tagen nach dem Eingriff wegen Komplikationen in stationäre Behandlung, Hauptgrund waren biospiebedingte Infektionen.

Die US-Onkologen weisen ferner darauf hin, dass bei den vorwiegend entdeckten niedrigmalignen Tumoren oft keine Behandlung erforderlich ist. So hätten mehrere Studien keinen Vorteil bei der Gesamtlebenszeit ergeben, wenn man solche Tumoren entfernt.

So ähnlich sehen dies auch deutsche Urologen und begründen damit Tests schon bei 40-Jährigen. „Das trägt der Tatsache Rechnung, dass Prostatakarzinome bei Männern auch in diesem Alter schon beobachtet werden und dann oft schwer verlaufen“, sagte Prof. Manfred Wirt, Klinik für Urologie am Uniklinikum Dresden.


Quelle: Basch E et al.: J Clin Oncol 2012

springermedizin.de/mtu

, Ärzte Woche 33/2012

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