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Urologie 28. Mai 2009

Wenn sich im Leben alles nur noch um die Toilette dreht

Harninkontinenz lässt sich in mehr als 90 Prozent der Fälle heilen oder lindern.

Rund eine Million Österreicher sind von Harninkontinenz betroffen. Nur ein Bruchteil von ihnen lässt sich professionell helfen. Mehrere Studien ergaben, dass auch unter Medizinern eine Heilbehandlung häufig weder für möglich noch für erforderlich gehalten wird.

Aufklärung tut not, wie Prof. Dr. Daniela Schultz-Lampel, die Leiterin des Kontinenzzentrums Südwest im deutschen Villingen-Schwenningen, meint. Blasenschwäche sei eine Krankheit, gegen die viel getan werden kann: „Bei richtiger Indikation können mehr als 90 Prozent der Betroffenen geheilt oder die Beschwerden wesentlich gelindert werden.“

Die Diagnostik ist wichtig, da Harninkontinenz viele verschiedene Ursachen haben kann, die unterschiedlich behandelt werden müssen. Die Harnausscheidung funktioniert im geordneten Zusammenspiel von Gehirn, Rückenmark und Nerven mit den Muskeln des Beckenbodens und der Harnblase. Wird beispielsweise die Dranginkontinenz operiert, kann sich die Blasenschwäche noch verschlimmern.

Die Hälfte der betroffenen Frauen hat eine Belastungsinkontinenz. Leichtere Formen können konservativ mit Beckenbodentraining, Biofeedback-Training oder Elektrotherapie behandelt werden. Zudem gibt es medikamentöse Therapien. Die Erfolgsrate liegt zwischen 30 und 60 Prozent, sagt Schultz-Lampel. Allerdings ist ein mindestens dreimonatiges intensives Training erforderlich, bevor Erfolge zu spüren sind.

OP-Erfolgsrate bei 98 Prozent

In therapieresistenten Fällen kann eine Operation angeraten sein. Die Erfolgsrate liegt bei bis zu 98 Prozent. Allerdings sind nach Angaben des deutschen Robert-Koch-Instituts nach fünf Jahren fast ein Drittel der zunächst erfolgreich operierten Patientinnen erneut inkontinent. Die Experten fordern daher begleitende Maßnahmen nach der Operation.

Bei der Dranginkontinenz drehe sich das Leben nur noch um die Toilette, erklärt Schultz-Lampel. Ständiger nicht zu unterdrückender Harndrang und unwillkürlicher Harnverlust sind die Symptome. 15 bis 20 Prozent der Menschen in den Industrieländern sind betroffen, vor allem Ältere. Grund ist eine fehlerhafte Übertragung der Nervenimpulse aus dem Gehirn oder Rückenmark, die die Blasenentleerung steuern.

In zwei Drittel der Fälle besserten verschiedene dämpfende Medikamente die Überaktivität der Blase, sagt Schultz-Lampel. Allerdings klagen viele über Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit und Sehstörungen. Als hilfreich hat sich ein verhaltenstherapeutisches Training mit Hilfe eines Blasentagebuches erwiesen. Die Methode zielt darauf, die Zahl der Toilettengänge auf ein normales Maß zu reduzieren und die Trinkmenge dem Bedarf anzupassen. In 80 Prozent der Fälle reicht die Basisdiagnostik mit Gespräch, Untersuchung des Körpers und des Urins sowie gegebenenfalls mit einem Ultraschall der Blase. Eine genauere Diagnostik mit Blasendruckmessung oder Blasenspiegelung ist nur bei einer komplizierten Inkontinenz erforderlich.

Dazu gehören vermehrter und schmerzhafter Harndrang oder gestörte Entleerung. In seltenen Fällen ist die Harninkontinenz das Zeichen einer schweren, verdeckten Krankheit, sagt Schultz-Lampel. Unter den 4.000 Patienten, die im Jahr in ihrem Kontinenzzentrum behandelt werden, werden im Schnitt drei bis vier Patienten mit Blasenkrebs oder Prostatakrebs herausgefischt. Allerdings sollten sich junge Frauen mit Dranginkontinenz dringend untersuchen lassen. Denn dies kann auch das erste Zeichen für Multiple Sklerose sein.

 

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