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Foto: Ärzte Woche
Nur nicht auffallen und lieber die Knie zusammenpressen! Vorrangiges Ziel ist es, die Inkontinenz aus dem Tabubereich herauszuholen – auch mithilfe der richtigen Fragen aus dem Pflegebereich.
 
Urologie 28. Mai 2009

Der geriatrische Patient, das Tabu und die Pflege

Im Rahmen der Inkontinenz spielt die interdisziplinäre Zusammenarbeit eine wichtige Rolle. Von Felizitas Mund

Mangelnde Harnkontrolle ist in unserer Gesellschaft immer noch ein extrem tabuisiertes Thema. Nach wie vor erträgt eine große Anzahl der Betroffenen trotz Einschränkung der Lebensqualität ihr Leiden still – im Glauben, „es gibt keine Möglichkeit, die Situation zu ändern“. Dem ist nicht so! Im Sinne eines interdisziplinären Arbeitens beleuchten wir das Problem der Inkontinenz aus der Sicht der Pflege.

 

Jeder Mensch hat das Recht auf Würde und Lebensqualität. Dies beinhaltet ebenfalls das Recht auf Abklärung und Feststellung der Ursache von Inkontinenz. Wenn eine Therapie nicht sinnvoll ist, hat der Betroffene ein Recht auf eine individuell dem Inkontinenzgrad angepasste Versorgung.

Voraussetzung für eine erfolgreiche Annahme der Herausforderungen ist die Anerkennung eines Grundsatzes: Inkontinenz ist heilbar. Inkontinenz stellt ein interprofessionelles Problem dar. Die Hilfsmittelversorgung kann und darf Aufklärung, Abklärung und Therapie nicht ersetzen.

Ausgehend vom geriatrischen Patienten, der geplant oder akut in die Institution Krankenhaus aufgenommen wird, stelle ich die individuelle Betreuung im Rahmen der Kontinenz- und Stomaberatung dar. Bei diesen Patienten sprechen wir von einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von 7,5 Tagen. Unser Ziel ist daher, den individuellen Zustand der Kontinenz bzw. Inkontinenz nicht zu verschlechtern.

Einteilung der Inkontinenz

Von einer Mischinkontinenz spricht man dann, wenn der Betroffene eine Belastungsinkontinenz Grad I – III und eine Dranginkontinenz aufweist (nach der Einteilung durch die ICS International Continence Society).

Bei einer Belastungsinkontinenz löst der erhöhte Druck im Bauchinnenraum durch körperliche Belastung (z.B. Husten, Lachen, Heben, Treppensteigen usw.) einen mehr oder weniger ausgeprägten Harnverlust aus.

Bei der Dranginkontinenz führt ein nicht unterdrückbarer imperativer Harndrang zum Urinverlust, bevor die Toilette erreicht wird.

Der wichtigste Punkt ist die gezielte Informationssammlung während der Anamnese mit dem Patienten und/oder der Vertrauensperson (siehe Kasten). In diesem Zusammenhang spielen gerade die Pflegepersonen eine Vermittlerrolle, da sie im Rahmen einer Pflegeanamnese von dieser Problematik erfahren. Die häufigsten gestellten Pflegediagnosen nach POP® (Praxisorientierte Pflegediagnosen) lauten: Belastungsharninkontinenz, Drangurininkontinenz Risiko und Harnurininkontinenz.

Erster Schritt: das rechtzeitige Erreichen der Toilette

Mit Pflegediagnosen werden die Ursachen, Symptome sowie die individuellen Bedürfnisse in Bezug auf die Inkontinenz beschrieben und um Ressourcen und Bedingungen ergänzt. Darauf aufbauend vereinbaren wir gemeinsam mit dem Patienten/der Vertrauensperson Ziele und leiten daraus die erforderlichen pflegetherapeutischen Maßnahmen ab.

Steht die Drangsymptomatik im Vordergrund, wird ein Miktionsprotokoll erhoben, in welchem die Trinkgewohnheiten eruiert und die Toilettengänge vermerkt werden. Der Patient kann das Miktionsprotokoll selbstständig oder mit Unterstützung der Pflegepersonen führen. Das Miktionsprotokoll dient der Diagnosestellung und Auswahl der adäquaten Therapie. Gleichzeitig ermöglicht es die Evaluation des zeitlichen Miktionsablaufs, des Hilfsmittelgebrauchs und -verbrauchs. Ziel ist die Verlängerung der Miktionsintervalle sowie das rechtzeitige und selbstständige Erreichen der Toilette bzw. der eigenständige Wechsel der Inkontinenzhilfsmittel.

Mit dieser Vorgehensweise wird versucht, die Drangsymptomatik hintanzuhalten, jedoch ist das Auftreten der Belastungsinkontinenz nicht auszuschließen. Daher wird mit dem Patienten ein adäquates Hilfsmittel ausgewählt.

Im Rahmen der Mobilisation durch die Physiotherapeuten besteht die Möglichkeit, das Thema Beckenbodengymnastik anzusprechen.

Ist der Patient medizinisch abgeklärt, wünscht er keine Abklärung oder ist dies nicht mehr möglich, wird in der professionellen Pflege erhoben, ob der Betroffene mit seiner Lebensqualität zufrieden und ein individueller sowie wirtschaftlicher Hilfsmitteleinsatz gewährleistet ist.

Ein wichtiger Teil der Betreuung im Krankenhaus ist die individuelle Entlassungsplanung, mit dem Ziel, die Alltagsbewältigung durch den Betroffenen/die Vertrauenspersonen sicherzustellen. Besteht ein Bedarf an Hilfsmitteln, erhält der Patient einen Verordnungsschein und auf Wunsch wird der Kontakt zum Bandagisten hergestellt. Sollte eine weitere professionelle Unterstützung erforderlich sein, so wird der Patient an die Kontinenzberatungsstellen des Fonds Soziales Wien übergeben.

 

Felizitas Mund ist Diplomkrankenschwester und als Kontinenz- und Stomaberaterin am Krankenhaus Hietzing mit Neurologischem Zentrum Rosenhügel in Wien tätig.

Kasten:
Die richtige Anamnese bei Inkontinenzpatienten
• Welches Problem liegt vor? Wie äußert sich dieses?
• Was belastet Sie am meisten? (z.B. der unkontrollierte Drang oder der Harnverlust beim Niesen?)
• Wie häufig suchen Sie die Toilette auf?
• Welche Hilfsmittel verwenden Sie zu Hause?
• Waren Sie schon bei einem Arzt (Allgemeinmediziner, Urologe, Gynäkologe)?
• Wünschen Sie eine Abklärung der Inkontinenz?
• Wünschen Sie ausschließlich eine Versorgung mit Hilfsmitteln?

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