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Foto: Privat

Dr. Brigitte Esterbauer Fachärztin für Urologie und Andrologie in Salzburg

 
Urologie 28. Oktober 2011

Urologin: „Ohne Förderung wäre es damals nicht gegangen“

Warum Reife und Kompetenz wichtiger sind als die Frage, ob im weißen Kittel ein Mann oder eine Frau steckt, erklärt Dr. Brigitte Esterbauer im Gespräch mit der Ärzte Woche.

Wie stellt man sich eine Frau vor, die den Weg in einen Männerberuf eingeschlagen hat und sich als Urologin und Andrologin etabliert hat? Vielleicht nicht gerade so zierlich und blond, wie Dr. Brigitte Esterbauer ist. Sie hat im Laufe ihrer Turnusausbildung ihr Interesse für das Fach entdeckt und wurde als junge Ärztin an der Abteilung sehr unterstützt und gefördert.

 

Warum haben Sie sich für die Urologie und Andrologie entschieden?

ESTERBAUER: Das war eigentlich ein Zufall. Ich habe in Wien studiert und habe anschließend den Turnus im Landeskrankenhaus Salzburg gemacht. Es war damals noch so, dass man eigentlich kaum eine Chance auf eine Ausbildungsstelle gehabt hat, bevor der Turnus abgeschossen war.

Ursprünglich hatte ich vor, Gynäkologie zu wählen, und war dann auch sechs Monate im Turnus auf der Gynäkologie. Der Routinealltag der Geburtshilfe hat mir aber nicht so gefallen und außerdem war es damals dort so, dass es für Frauen wirklich schwierig war, eine Ausbildungsstelle zu bekommen.

Am Ende der Turnusausbildung bin ich für drei Monate auf die Urologie eingeteilt worden, und dort war das Arbeitsklima sehr gut. Damals wurde die Abteilung von em. Prof. Julian Frick geleitet, der seine Mitarbeiter sehr gefördert hat und keinen Unterschied gemacht hat, ob Mann oder Frau. Außerdem war damals Doz. Dr. Doris Mack dort Oberärztin und Frauenbeauftragte. Sie war die erste habilitierte Urologin in Österreich und hat darauf geschaut, dass auch Frauen in dem Fach zum Zug kommen.

Als dann eine, zunächst auf ein Jahr beschränkte Ausbildungsstelle vergeben wurde, habe ich mich entschieden, zuzugreifen. Das Fach war interessant, aber am Anfang war ich schon auch ein bisschen skeptisch – als Frau hauptsächlich Männer zu behandeln. Nach einem Jahr habe ich aber festgestellt: Wenn man sich auf etwas spezialisiert und da hineinwächst, dann ist es von der Patientenseite her gar kein Problem.

 

Wie hat Ihr Umfeld Ihre Entscheidung aufgenommen?

ESTERBAUER: An die Reaktion von meinem Vater kann ich mich noch gut erinnern: „Jetzt hast du schon Medizin studiert als Mädchen und jetzt ausgerechnet Urologie – wieso kannst du nicht so etwas wie Kinderheilkunde machen?“ Er wollte mich eigentlich davor schützen, „immer nur alte Männer zu behandeln“, aber mich hat das damals gekränkt.

Ich war da schon verheiratet, und mein Mann, der auch Mediziner ist, hat das primär nicht negativ gewertet. Er war ein bisschen skeptisch, als ich mich später auf die Andrologie spezialisiert habe. Doz. Dr. Andreas Jungwirth hat die Spezialambulanz geleitet und ich wurde als junge Assistentin als Vertretung eingestellt. Später habe ich die Ambulanz übernommen und fünf Jahre lang geleitet. Und dann war ich wirklich Männerärztin: Da ging es um das ganze Thema männliche Sexualität und Fortpflanzung.

 

Wie haben die männlichen Patienten auf Sie reagiert?

ESTERBAUER: Man kann nicht sagen, dass Männer generell lieber zu männlichen Ärzten gehen wollen und Frauen lieber zu Ärztinnen. Das ist individuell verschieden. Jeder Mensch hat seine eigene Art und Persönlichkeit. Teilweise ist es natürlich vorgekommen, dass z. B. Patienten mit Migrationshintergrund nicht gewohnt waren, über ein intimes Problem mit einer Frau zu sprechen. Das waren am ehesten die Probleme, die es gegeben hat, die Berührungsängste.

Es hat auch Paare gegeben, wo die Frau sehr dankbar war, dass sie mit einer Frau darüber sprechen konnte – gerade über Kinderwunsch oder Sexualität in der Partnerschaft.

Für mich war überraschend, das z. B. jüngere Männer sich oft leichter damit tun, Fragen der Sexualität mit einer Frau zu besprechen. Und alte Männer schätzen es, wenn eine Ärztin da ist, eine Frau. Wenn ein Mann plötzlich mit der Prostata Probleme hat und Einlagen tragen muss, weil er inkontinent wird, dann würde er das vor einem Gleichaltrigen nie zugeben. Aber seine Frau daheim, die auch 70 ist, unterstützt ihn. Da wirken auch diese Rollenbilder noch nach.

Man braucht schon eine gewisse Reife und Kompetenz, wenn es um Tabuthemen geht. Aber je weiter man kommt mit seiner Erfahrung, umso unwichtiger wird es, ob da jetzt eine Frau oder ein Mann sitzt. Ärzte lernen in der Ausbildung nicht, unbefangen über Sexualität zu sprechen. Das ist etwas, was man sich erarbeiten muss. Es ist nicht jeder Urologe automatisch dafür geeignet.

 

Sie sind ja auch im Vorstand der österreichischen Akademie für Sexualmedizin.

ESTERBAUER: Ja, das Zertifikat ist 2010 als Zusatzausbildung von der Ärztekammer anerkannt worden. Damit soll das Thema Sexualität allen Ärzten zugänglich gemacht werden. Ich finde das sehr wichtig, weil Sexualität trotz der Offenherzigkeit in den Medien ein ganz persönliches und sehr intimes Thema bleibt. Und sie betrifft das ganze Leben. Deshalb glaube ich, dass diese Ausbildung nicht nur für Urologen und Gynäkologen, sondern für alle Ärzte wichtig ist.

 

Sind Sie allgemein ein eher kämpferischer Typ?

ESTERBAUER: Eigentlich überhaupt nicht. Aber ich war immer selbstbewusst und sehr leistungsorientiert, habe mit Auszeichnung maturiert und dann mit Auszeichnung in kürzester Zeit studiert. Ich habe das aber nie als besondere weibliche Leistung gesehen. Während des Studiums hatte ich nie das Gefühl, als Frau benachteiligt zu sein, sondern es war erst nach dem Turnus, dass es um Spezialisierung und um fixe Stellen ging und damit letztlich auch um Dinge wie Macht und Geld.

Im Turnus ist man als Frau sogar sehr beliebt, als „Maskottchen“ der Abteilung, da schmückt man sich gern mit dir. Aber danach merkt man schon, dass man sich auf die Füße stellen muss. Teilweise habe ich mir eine sehr schroffe, laute Art angewöhnt, um als kleine blonde Frau wahrgenommen zu werden. Diese Entwicklung macht man in einem Männerberuf einfach mit.

Von den männlichen Kollegen geschieht es sicher oft unbewusst: Da wird man als Frau auf die Station eingeteilt, weil man ja so gut mit den Patienten und den Angehörigen reden kann. Man wird geschont, weil man angeblich nicht acht Stunden im OP stehen kann. Das kommt dann zwar „gentlemanlike“ daher, aber sobald man beansprucht, dass man z. B. chirurgisch genauso arbeiten will, muss man halt auch die Krallen ausfahren und „männlich“ mitkämpfen.

Gab es Situationen, in denen Patienten im ersten Moment unangemessen reagiert haben oder die unangenehm waren?

ESTERBAUER: Noch vor zehn Jahren ist es mir oft genug passiert, dass mich Patienten zehn Minuten lang als Schwester angesprochen haben, obwohl völlig ersichtlich war, dass ich die behandelnde Ärztin bin. Oder dass der Patient am Ende der Untersuchung zu mir gesagt hat: „Wann kommt denn jetzt der Herr Doktor?“ Für solche Situationen musste ich mich wappnen, habe teilweise schroff reagiert und gefragt: „Was glauben Sie eigentlich, was ich da jetzt mit Ihnen gemacht habe? Ist das üblich, dass das ein Schwester macht?“

Aber dass Patienten übergriffig reagiert hätten, weil es um Themen der Sexualität ging und ich eine junge Frau war, ist mir äußerst selten passiert, vielleicht ein-, zweimal. Das muss man sofort unterbinden. Aber man strahlt mit dem weißen Mantel doch eher Unantastbarkeit aus.

 

Wie ist es in der Ordination? Derzeit arbeiten Sie mit einem männlichen Kollegen zusammen, der nächstes Jahr in Pension gehen wird und die Praxis davor alleine geführt hat – wie haben seine Patienten reagiert?

ESTERBAUER: Am Anfang habe ich mit meinem Kollegen ein Informationsblatt für die Patienten geschrieben. Darin stand mein Lebenslauf und warum ich jetzt mitarbeite. Im Krankenhaus hatten die Patienten ja keine Wahlmöglichkeit, aber in der Ordination war es schon so, dass einige langjährige Patienten nur von meinem Kollegen betreut werden wollten. Diejenigen, die sich entschlossen haben, bei mir zu bleiben, haben sehr positiv reagiert. Einige haben gesagt: „Ich war mir zuerst nicht sicher, aber es war ein angenehmes Gespräch, darf ich wieder kommen?“ Ich schätze, dass etwa zehn Prozent der Männer den Arzt wechseln werden, wenn mein Kollege nicht mehr da ist. Ich habe das positive Gefühl, dass die meisten dableiben werden.

Weibliche Patientinnen reagieren äußerst positiv darauf, dass da jetzt eine Frau ist. In der Urologie sind ja für Frauen doch intimere Untersuchungen notwendig, und es ist auch schwierig, über Themen wie Inkontinenz zu sprechen. Da tun sich Frauen wahrscheinlich mit einer Ärztin schon leichter.

 

Kommen zu Ihnen verhältnismäßig mehr Frauen und Kinder als zu männlichen Kollegen?

ESTERBAUER: Bisher war das Verhältnis Männer zu Frauen in der Praxis 80:20. Das verändert sich jetzt langsam. Ich habe mit einer Kollegin gesprochen die in einer ähnlichen Gegend Wahlärztin ist, bei der das Verhältnis heute bei etwa 50:50 liegt, denn viele Frauen suchen dezidiert nach einer weiblichen Urologin.

Was würden Sie einer jungen Medizinerin heute raten, die sich auf die Urologie spezialisieren möchte?

ESTERBAUER: Es ist heute zumindest nicht mehr völlig unmöglich, eine Stelle zu bekommen. Früher war ja Salzburg eher eine Ausnahme, da es bei Prof. Frick damals schon drei Urologinnen gegeben hat, aber westlich von Salzburg gab es zu meiner Zeit keine einzige Urologin. Heute gibt es sie auch in Wien, in Linz.

Frauen sollen sich in der Ausbildung das Recht herausnehmen, genau die gleichen Ansprüche und Voraussetzungen zu erwarten. Man sollte Frauen nicht von der operativen Tätigkeit abraten. Allerdings sollte man sich schon bewusst sein, dass es da mit Kindern schwierig werden kann. Ich habe es schon sehr negativ erlebt, als während meiner Ausbildung eine Kollegin schwanger geworden ist und in Karenz gegangen ist. Als sie zurückgekommen ist, wurde sie völlig hinausgedrängt, weil sie nicht voll einsatzfähig war. Jungen Frauen, die Fachärztin werden wollen und im Krankenhaus die Hierarchie durchlaufen, muss man eigentlich raten, entweder schon vorher Kinder zu kriegen oder wirklich lange damit zu warten, bis sie die Ausbildung abgeschlossen und eine fixe Stelle haben.

In größeren Fächern wie der Internen, wo es mehr Mitarbeiter gibt, gibt es schon Teilzeit- und Jobsharing-Modelle, aber in den kleineren chirurgischen Fächern ist die Situation eine andere: Man kann keinen Halbtagsjob machen, wenn die Operation sechs Stunden dauert. Ein gewisses Commitment für den Beruf ist sicher notwendig.

Ob Mann oder Frau: man muss seine Interessen verfolgen und authentisch bleiben, darf sich nicht zu sehr beeinflussen lassen.

Es ist in einem Männerberuf auch nicht dienlich, zu aggressiv oder zu emotional aufzutreten, denn dann wird man nicht ernst genommen. Ich glaube, wir sind so weit, dass es Gleichberechtigung gibt, und wenn man aufgrund der Leistungen und des Auftretens beurteilt wird, wird gar nicht mehr geschaut, ob das ein Mann oder eine Frau ist. Das wünsche ich mir auch von den Patienten: dass sie erst mal schauen, wie ist der Mensch als Arzt. Das wär die Zukunft, glaube ich.

Das Gespräch führte Patricia Herzberger

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