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Urologie 21. Juni 2011

Aktiv statt aggressiv

Was Testosteron bewirkt – und was ins Reich der Märchen gehört.

Wenn Jungs in der Pubertät auf halbstark machen oder ein Raser auf der Autobahn mit Fernlicht die linke Spur räumt – dann heißt es oft: zu viel Testosteron! Das Hormon genießt zu Unrecht einen zweifelhaften Ruf.

 

Hormone bewirken bei Menschen keine direkte Änderung des Verhaltens, sondern erhöhen allenfalls die Wahrscheinlichkeit für ein Verhalten, wenn ein geeigneter Stimulus vorhanden ist, berichten Dr. Christian Leiber und seine Mitarbeiter von der Urologie und Psychiatrie des Uniklinikums in Freiburg, Deutschland (Urologe 2010; 49: 43–64). Ein Zusammenhang zwischen Testosteron und Aggression ist nicht so eindeutig.

Bei hypogonadalen Männern führt eine Testosteronsubstitution zwar zu mehr Vitalität, die aber nicht mit Aggression verwechselt werden darf: Die Männer werden aktiver, haben mehr Energie. Umgekehrt waren in Studien die Testosteronwerte bei aggressiven Männern nicht höher als bei friedlichen Zeitgenossen, allenfalls verbale Gewalt und Impulsivität scheinen mit erhöhten Testosteronwerten zu korrelieren. Auch Untersuchungen von Strafgefangenen ergaben keinen Zusammenhang zwischen Testosteronwerten und Gewaltdelikten. Selbst Sexualstraftäter haben keine erhöhten Werte, allerdings kann bei ihnen eine Hormon-Suppression Rückfälle vermeiden, und zwar sowohl durch GnRH-Antagonisten als auch durch Orchidektomie.

Bei Libidoverlust

Doch auch bei der sexuellen Funktion gilt: Ohne Testosteron zwar keine Libido, damit Mann aktiv wird, braucht er jedoch nicht nur das Hormon, sondern auch einen Stimulus. Klar wird dies zudem aus vielen Studien zur Testosteron-Substitution: Libido und sexuelle Funktion werden dabei nur besser, wenn tatsächlich ein Androgenmangel vorliegt, bei normogonadalen Männern bringt zusätzliches Testosteron nicht mehr Lust und auch nicht mehr sexuelle Leistung. Insgesamt scheint vor allem die Libido vom Testosteronspiegel abzuhängen. So ist die Libidoabnahme oft eines der ersten Symptome bei einem klinisch relevanten Testosteronmangel. Zudem begünstigt das Hormon bei Männern auch sexuelle Fantasien, spontane nächtliche und morgendliche Erektionen, die Ejakulation, sexuelle Aktivitäten mit dem Partner und Orgasmen. Testosteron ist jedoch nicht nur für die männliche Sexualfunktion entscheidend, das Androgen ist auch wichtig für die sexuelle Aktivität, Zufriedenheit und vor allem die Appetenz bei Frauen.

Das Androgen hat noch weitere wichtige Funktionen im Gehirn: Es steuert die geschlechtsspezifische Hirnentwicklung vom Fetus bis zum Teenager. Die Wirkung zielt vor allem auf Hypothalamus, Hippocampus, limbisches System und die Area präoptica. Als eine Folge haben Männer zwar meist ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen, sind Frauen aber bei sprachlichen Aufgaben unterlegen, weil sie dafür in der Regel nur eine Hirnhälfte aktivieren.

Depression und Testosteron

Noch unklar ist die Bedeutung des Hormons bei psychischen Störungen. Bei denjenigen Depressiven, bei denen ein Testosteronmangel vorlag, ließ sich in Studien die Stimmung verbessern, da ja Testosteron Männern mit Androgenmangel wieder mehr Energie gibt.

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