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Wenn bei alten Patienten die Blase nachlässt, können iatrogene Ursachen zugrunde liegen: Eine Medikamentenanamnese bringt Aufschluss.
 
Urologie 16. März 2011

Multimedikation und Kontinenz

Hinter ungewolltem Harnabgang können unerwünschte Arzneimittelwirkungen stecken.

Kombinationen von gängigen Medikamenten können Auswirkungen auf die Funktion der Blase haben. Berichtet der Patient oder die Patientin über ungewollten Harnverlust, sollte geprüft werden, ob die Ursache in der Medikation zu finden ist.

 

„Bei der Abklärung von Blasenfunktionsstörungen ist die lückenlose Medikamentenanamnese von großer Bedeutung“, berichten Dr. Angelika Szych und Prof. Dr. Thomas Dimpfl von der Frauenklinik des Klinikums Kassel in Deutschland. Bei Arzneimittelwechselwirkungen können etwa Parkinson-Medikamente, Psychopharmaka, Antihypertensiva oder Spasmolytika eine Rolle spielen, „nicht als alleinige Ätiologie, sondern als kumulative Mitursache, sozusagen als letzter Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt“.

Vor allem in der Geriatrie sind Neben- und Wechselwirkungen als Ursache einer reversiblen Inkontinenz zu beachten. Multimorbide Menschen, die von fünf Ärzten behandelt werden, haben, wie Szych und Dimpfl erklären, ein um den Faktor drei erhöhtes Risiko für potenziell unerwünschte Arzneimittelinteraktionen.

Pathophysiologisch sind folgende Entwicklungen relevant: Polyurie, niedriger Blasenauslasswiderstand, hoher Blasenauslasswiderstand, reduzierte oder aber gesteigerte Detrusorkontraktilität sowie eine Zunahme des intraabdominellen Drucks.

„Akute Inkontinenzsymptome, die sich direkt auf akute Krankheitsbilder oder iatrogene Probleme beziehen lassen, können durch gezielte Behandlung der zugrunde liegenden Krankheit bzw. durch Veränderungen bestimmter Medikationen unproblematisch beherrscht werden“, so die Autoren. Beispielsweise könne durch eine adäquate Diabeteseinstellung vermieden werden, dass eine Hyperglykämie die Harnmengen erhöht und so die Kontinenz erschwert. „Die Diagnostik eines jeden Patienten sollte eine umfassende klinische Evaluierung, die allgemeinen Funktionen, Begleiterkrankungen, eine ausführliche Beschreibung der Art der Inkontinenz und eine detaillierte Medikamentenanamnese einschließen.“

 

Szych, A.; Dimpfl, T: Therapie von Blasenfunktionsstörungen - Bedeutung der internistischen/psychiatrischen Medikation. Der Gynäkologe 2010; 43 (8): 670-3; doi:10.1007/s00129-010-2551-3

Häufig verordnete Medikamente mit Einfluss auf die Kontinenz
Diuretika Polyurie, Drang
Anticholinergika Harnverhalten, Überlaufinkontinenz
Psychopharmaka Muskelrelaxation des Beckenbodens
Neuroleptika Anticholinerge Wirkung
Antidepressiva Anticholinerge Wirkung
β-Blocker Erhöhung der Detrusorkontraktilität
ACE-Hemmer Begünstigung einer Belastungsinkontinenz
Quelle: Szych, A.; Dimpfl, T.: Der Gynäkologe 2010; 43 (8): 670

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