zur Navigation zum Inhalt
Foto: Privat
Prof. Dr. Lothar C. Fuith Abteilung für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, Eisenstadt
 
Urologie 1. Dezember 2010

Hormone und Inkontinenz der Frau

Nach der WHI-Studie wurden die früheren Indikationen der Hormonersatztherapie kritisch durchleuchtet.

Praktisch alle Studien zeigen negative Effekte der systemischen Hormontherapie auf die Inkontinenz. Die lokale Hormonsubstitution kann die Anzahl von Harnwegsinfekten vermindern und die Beschwerden der überaktiven Blase positiv beeinflussen. Insgesamt verbessert die lokale Hormontherapie auch das subjektive Wohlbefinden.

 

Grundsätzlich muss zwischen systemischer (Tabletten, Pflaster, Östrogen-Gel) und lokaler Hormontherapie (Zäpfchen, Cremes) unterschieden werden. Bei Letzterer ist die zugeführte Hormondosis wesentlich geringer. Auch sollte eine Kombinationstherapie (Östrogen + Gestagen) von einer Östrogenmonotherapie differenziert werden.

Das Vorhandensein von Östrogenrezeptoren im unteren Urogenitaltrakt bildet die Hypothese für physiologische Effekte von Hormonen bezüglich der Harninkontinenz. Tatsächlich gibt es einige Publikationen, die positive Einflüsse einer Lokaltherapie von Östrogen auf die Durchblutung und auf die Anfälligkeit für Harnwegsinfekte zeigen. Dementsprechend wurde die Hormonersatztherapie über viele Jahre auch großzügig Frauen mit Harninkontinenz verschrieben. Bis zur Jahrtausendwende war die Welt auf dem Hormonsektor noch „in Ordnung“. Neben der ursprünglichen Diagnose, der Therapie von „Wechselbeschwerden“, wurden Hormone auch zur Behandlung der Osteoporose, zur Vorbeugung von Herzinfarkt und ganz allgemein für die Schönheit der Frau verschrieben. Mit der Veröffentlichung der Daten über Brustkrebszunahme bei Frauen mit Hormontherapie wurden alle Indikationen kritisch durchleuchtet. Wenig ist heute von den ursprünglichen Therapien übrig geblieben.

Umdenken nach HERS-Studie

Eine wichtige Arbeit, die als Hauptziel die Evaluierung der Effekte der Hormonersatztherapie auf die Herz-Kreislaufsituation hatte, konnte auch für die Auswertung der Daten bezüglich der Harninkontinenz herangezogen werden. Die Heart/Estrogen/progestin Replacement Study (HERS) brachte ein Umdenken bezüglich der „positiven“ Effekte der Hormonersatztherapie. Dabei wurden über einen Zeitraum von vier Jahren Frauen mit Hormonersatztherapie, die zu Beginn der Behandlung keine Inkontinenz hatten, untersucht. Als Hormontherapie war konjugiertes Östrogen plus Medroxyprogesteronazetat gegenüber einem Placebo verabreicht worden. Es entwickelte sich in 48 Prozent bei der Hormontherapiegruppe und in 36 Prozent in der Placebogruppe eine Urge-Inkontinenz. Dieser Unterschied ist hoch signifikant (p < 0.001). Eine Belastungsinkontinenz entstand neu in 54 Prozent der Patientinnen in der Hormongruppe und in 38 Prozent in der Placebogruppe (p<0.001). Das Auftreten der Inkontinenz unter Hormongabe war bereits nach vier Monaten erkennbar. Bei Frauen unter 60 Jahren zeigte sich ein geringerer Einfluss der Hormontherapie für das Risiko einer Harninkontinenz.

Eine der größten Studien zur Evaluierung der Effekte der Hormontherapie auf die Harninkontinenz ist die Women‘s Health Initiative (WHI). Es wurden mehr als 20.000 postmenopausale Frauen mit oder ohne Inkontinenzanamnese über einen Zeitraum von fünf Jahren verfolgt. Bei primär kontinenten Frauen ist das Risiko, Belastungs- oder eine gemischte Inkontinenz zu bekommen, schon ein Jahr nach Therapie mit Östrogen plus Gestagen signifikant erhöht. Die Kombination Östrogen + Gestagen hatte keinen signifikanten Einfluss auf die Urge-Inkontinenz. Bei ursprünglich inkontinenten Frauen war durchwegs eine Verschlechterung ihres Leidens zu beobachten.

Auch die Analyse in der Cochrane Database, publiziert im Oktober 2009, zeigt negative Effekte der systemischen Hormontherapie auf die Kontinenz. Einen interessanten Einfluss des körpereigenen Östrogens lässt eine Studie aus der Region Lund in Schweden erkennen. Frauen in der Perimenopause mit hohen Östrogenspiegeln im Blut hatten signifikant häufiger eine Harninkontinenz. Bestätigt werden diese Daten auch indirekt von einer anderen Arbeit, die bei Frauen mit einem starken Östrogenabfall beim Übergang in die Menopause eine geringere Zahl von inkontinenten Patientinnen nachgewiesen hat.

Anwendung bei überaktiver Blase

Allerdings gibt es auch Hinweise, dass die lokale (!) Hormontherapie durchaus positive Effekte bei der Inkontinenz haben kann. Insbesondere die Symptome der überaktiven Blase können durch eine lokale Östrogentherapie verbessert werden. Auch die Wirkung des Anticholinergikums Tolterodin wird durch eine lokale Hormontherapie zusätzlich signifikant verbessert. Die Ursache der diskrepanten Wirkung zwischen lokaler und systemischer Hormontherapie bezüglich der Einflüsse auf die Kontinenz ist nicht endgültig geklärt. Der Effekt von lokalem Östrogen auf das Kollagen der Vaginalwände könnte hier eine Rolle spielen.

 

Literatur beim Verfasser.

Von Prof. Dr. Lothar C. Fuith, Ärzte Woche 48 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben