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Urologie 18. Dezember 2008

Tabu or not Tabu

Standing Ovations für die Urologen.

Im Fächerreigen unserer Fokus-Reihe stellt die Urologie eine für den Arzt und Kabarettisten gleichermaßen interessante Sache dar. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus haben die Kollegen eine Menge zu tun, vom gesellschaftlichen Standpunkt aus geht es bei ihnen nur um das Eine.

 

Die Tatsache, dass die Dinge, mit denen sich der Urologe beschäftigt, in der Regel keine Tischgesprächsthemen beim angesagten Haubenlokal darstellen, so man nicht gerade „Bolitas de Oro“ (Anm. der fassungslosen Red.: Stierhoden) auf dem Teller liegen hat, machen dieses Fach zu einem Mysterium. Der durchschnittliche Patient sucht die Praxis dieses Arztes am liebsten durch den diskreten Seiteneingang auf. Dabei führt der Urologe – selbst wenn er in Bereichen arbeitet, wo kaum die Sonne scheint – keineswegs ein Schattendasein. Zu spektakulär ist dessen Arbeit, als dass sie den voyeuristischen Kollegen entgehen könnte.

Schamesröte gehört dazu

Ob es mehr Schrullen unter den Urologen als in anderen Fachrichtungen gibt, mag bezweifelt werden, aber alleine die Nennung der Disziplin löst Amüsement, Neugier oder Entsetzen aus. Der Gesprächspartner eines Urologen ist zumeist bemüht, dem Urologen fest in die Augen zu blicken, und wagt es nicht, seinen Blick zu senken oder die Aufmerksamkeit des Arztes nach unten zu lenken.

Natürlich werken auch andere Ärzte am Unterleib herum. Doch der Gynäkologe hat es irgendwie geschafft, die Frau als Gesamtwerk zu seinem Hoheitsgebiet zu erklären, und punktet zudem damit, gelegentlich auch ganze Kinder zur Welt zu bringen. Und selbst wenn ein Internist von rektal mit einem unendlich langen Gerät eine Koloskopie vornimmt, so besteht zumindest die Hoffnung, dass er sich in einen Bereich vorarbeitet, der mehr der Nahrungsaufnahme denn der Ausscheidung zuzuordnen ist; also in ein sozial höher stehendes Gebiet. Der Urologe hingegen gibt offen zu, sich für den Teil oberhalb der Gürtellinie nur rudimentär zu interessieren. Da wird nicht nur ein kurzer Seitenblick auf die Geschlechts- und Ausscheidungsorgane geworfen, nein, hier nistet sich der Urologe ein und entfaltet genüsslich sein Können.

Der Höhenflug der Raute

Kein Wunder also, dass so mancher Schönheitschirurg nach dem freundschaftlichen Händeschütteln mit dem urologischen Kollegen diskret den nächsten Sterillium-Spender aufsucht. Eine Annäherung an diese Fachspezies wird von den männlichen Medizinern erst dann vorgenommen, wenn man privat eine kleine Standhilfe im Sinne einer rauteförmigen hellblauen Tablette benötigt. Dann wird das vertraulich kollegiale Gespräch gesucht und das Medikament im diskreten Stationshinterzimmer übergeben. Tatsächlich hat die Urologie seit der Erfindung von Viagra® imagemäßig einen ungeahnten Höhenflug erlebt.

Urologische Öffentlichkeitsarbeit

All das, was Patienten nur hinter geschlossenem Hosentürl besprechen – vergrößerte Prostata, schlaffer Penis, tröpfelnde Harnröhre, gereizte Blase oder diese ganze Inkontinenzsache –, das ist das tägliche Brot der Urologen. Will dieser Fachbereich daher Öffentlichkeitsarbeit betreiben, so muss er zuerst einmal eine Menge Tabus brechen und den Finger auf jene Themen legen, die den Männern die Schamesröte statt in den Corpus cavernosus ins Gesicht treibt.

Die ED und du

Obwohl das männliche Glied im Volksmund sicher mehr Namen hat, als alle weiblichen Glieder zusammen, spricht Mann mit seinem Arzt kaum darüber. Und Arzt mit Mann noch viel widerwilliger. Denn durch das Thematisieren gibt der Patient zu, etwas an einer Körperstelle entdeckt zu haben, wo er eigentlich gar nicht hätte hinsehen dürfen. „Meiner Frau ist das aufgefallen“, „Der Hausarzt hat’s entdeckt“ oder „Ich bin beim Bücken zufällig draufgestoßen“ sind die gängigen Ausreden. Bei anderen Ärzten darf es beim Urinieren brennen, doch nur hier ist das Brennen auch beim Ejakulieren erlaubt. Wo es den anderen Kollegen zu steil wird, da blüht der Urologe auf. Und noch etwas: In kaum einer anderen Disziplin überweisen Fachkollegen so rasch und so gerne weiter.

Hinter dem schwarzen Balken

Zu früheren Zeiten haben die Urologen (also die Ur-Urologen) eher still hinter dem schwarzen Balken gearbeitet. Heute gehen sie in die Welt hinaus, stellen riesige phallische Urolisken auf diverse Plätze der Landeshauptstädte und verblüffen die Bewohner mit dem Modell einer „begehbaren Prostata“. Das ist Aktionismus in Reinkultur! Auch Slogans wie „Wir lassen Sie nicht hängen“ oder „Die ED und du – wir stehen dazu!“ sind höchst kreative Maßnahmen, um die Vorzüge des Pensionisten-Ecstasy aufzuzeigen.

Der Männerflüsterer

Dabei wünscht sich der Urologe in Wirklichkeit nichts sehnsüchtiger, als von der Welt auch oberhalb der Gürtellinie wahrgenommen zu werden. Dementsprechend einfach sind die Zukunftsziele formuliert: Sich nicht nur den Mann unten zu krallen, sondern auch die untere Hälfte der Frau. Denn Frauen haben ebenso Harnwege und auch Männer einen restlichen Körper, selbst wenn viele sich weigern, den Rest anzuerkennen.

Als Andrologen getarnt, machen sich mittlerweile einige Urologen auf, um hinter den sieben Bergen nach dem Wechsel des Mannes zu suchen. Und sie wurden tatsächlich fündig und brachten frohe Botschaft: „Auch wir können unsere Patienten hormonell über die Menopause führen!“

Den alten Mann gibt es gar nicht

Dass die Männer nichts davon wissen wollen und nicht wie die Frauen ihre Sorgen über das Älterwerden, schlaffe Haut, Hitzewallungen oder depressive Stimmungen im trauten Zweiergespräch mitteilen möchten, ist freilich die Kehrseite der Medaille. Dabei könnte es so schön sein: In entspannter Atmosphäre, die Sonografiesonde im Enddarm platziert, über Ängste und Gefühle zu sprechen, ja auch gemeinsam zu lachen und zu weinen. Liebe Urologen, so wird es nichts mit dem Männerversteher. Dabei wünschen sich auch Männer eine Art Frauenarzt für sich allein, eine Vertrauensperson, mit der sie über alles sprechen können. Nur wissen wir seit dieser Mars-Venus-Geschichte, dass Männer eben keine Frauen sind. Wie allseits bekannt, weist das Y-Chromosom eine andersgeartete Affinität zum eigenen Gefühlsleben auf – eine sehr technische. Intime Details? Ja, aber bitte in Zahlen. Und so sollte sich ein Fach, das Männer ansprechen möchte, auch entsprechend genderspezifisch verhalten. Etwa so: Wie viele Stunden können Männer unter ihren Autos verbringen oder über Fußball reden? Und da haben die Urologen doch eine Menge anzubieten: Beispielsweise Fine-Tuning mit den neuen Potenzmittelchen. Nierensteinzertrümmerung mit Laser und intergalaktischen Stoßwellen – das ist der Stoff, aus dem echte Männerphantasien gestrickt werden. Auch der PSA-Wert hält einem Penislängenvergleichstest allemal stand. Denn plötzlich werden ganz tief in uns schlummernde Dinge und Gefühle auch für uns Männer benennbar. Und zwar in Mikrogramm pro Liter. Und alleine dafür sollte der Urologie der aufrichtigste Dank und Standing Ovations zuteil werden.

Foto: Privat

Von Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche

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