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Urologie 13. April 2010

Die „Bibel der Inkontinenz“

Neue Empfehlungen der International Consultation on Urinary Incontinence (ICI).

Das Buch Incontinence stellt den anspruchsvollen Versuch dar, den Wissensstand aller mit der Betreuung inkontinenter Menschen befassten Berufsgruppen darzustellen und eine Grundlage für internationale Leitlinien im Management der Inkontinenz zu bilden.

 

Harninkontinenz ist ein weltweit verbreitetes Leiden. Trotzdem wurde es als Erkrankung erst seit 1998 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) anerkannt. Dies geschah durch die Initiative der International Continence Society (ICS) und der International Consultation on Urological Deseases (ICUD).

Evidenzen und Empfehlungen

Als Ergebnis dieser Bemühungen wurde die International Consultation on Urinary Incontinence (ICI) gegründet, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, weltweit auf die Probleme inkontinenter Menschen hinzuweisen und zu deren Lösung beizutragen. Ein weiterer wichtiger Bestandteil des Aufgabenspektrums der ICI ist die Erstellung internationaler Leitlinien für das Management von Störungen des unteren Harntraktes (LUTS, lower urinary tract dysfunction), Harn- und Stuhlinkontinenz sowie Deszensus von Organen des Beckens.

Dazu finden in drei- bis vierjährigen Abständen Konferenzen statt, bei denen anhand der besten wissenschaftlichen Evidenz von Expertinnen und Experten, die in themenspezifischen Gruppen arbeiten, Empfehlungen erarbeitet werden. Diese Empfehlungen werden anschließend in Buchform veröffentlicht.

Das neue ICI-Buch

Die neueste Auflage des Buches (2009) mit dem schlichten Titel Incontinence basiert auf der 4th International Consultation on Incontinence, die im Juli 2008 in Paris stattgefunden hat. Sie darf mit ihren knapp 1.800 Seiten als die „Bibel der Inkontinenz“ bezeichnet werden. Die ICI-Empfehlungen basieren auf einer umfassenden und aktuellen Durchsicht der verfügbaren Literatur und Expertenmeinung, die in 23 Subkomitees (z. B. Epidemiologie, Zellbiologie, Neurologie, Basisdiagnostik, erweiterte Diagnostik, Harninkontinenz, chirurgische Therapie, medikamentöse Therapie, neurogene Inkontinenz, Stuhlinkontinenz, Uterovaginalprolaps, Ökonomie etc.) formuliert wurden. Das wissenschaftliche Komitee, bestehend aus den Vorsitzenden aller Komitees, beschließt dann die endgültigen Empfehlungen. Diese sind mit entsprechenden Evidenz- und Empfehlungsgraden versehen, die einer expliziten und nachvollziehbaren Methodik folgen.

In der Auflage von 2009 wurde ein besonderes Augenmerk auf das Kapitel über geburtstraumatische Fisteln gelegt.

Geburtstraumatische Fisteln

Die Datenlage ist zwar schlecht, es wird jedoch geschätzt, dass mehr als zwei Millionen Frauen weltweit, aber vor allem in Afrika und anderen Entwicklungsländern, betroffen sind. Aufgrund der schlechten medizinischen Versorgung in diesen Ländern kommt es im Falle einer protrahierten Geburt oft zur tagelangen Verzögerung der notwendigen Therapie. Als Folge des stundenlangen Druckes des kindlichen Kopfes im Geburtskanal bilden sich die nekrotischen Stellen, die zu einer Fistelbildung führen können. Die betroffenen Frauen werden oft aufgrund ihrer Inkontinenz aus Familie und Gesellschaft ausgestoßen – ein großes medizinisches und soziales Problem, das sehr lange negiert wurde.

Der Inhalt der ICI-Empfehlungen 2009 ist folgendermaßen gegliedert:

I. Definitionen

II. Evaluation der Harn- und Stuhlinkontinenz

III. Empfehlungsalgorithmen zum Management :

  1. Harninkontinenz bei Kindern,
  2. Harninkontinenz beim Mann,
  3. Harninkontinenz bei der Frau,
  4. Geburtstraumatische Fisteln,
  5. Harninkontinenz bei gebrechlichen und/oder behinderten älteren Männern und Frauen,
  6. Harninkontinenz bei neurologischen Patienten,
  7. Schmerzsyndrom der Harnblase,
  8. Beckenorganprolaps,
  9. Stuhlinkontinenz bei nicht-neurologischen Patienten,
  10. Stuhlinkontinenz bei neurologischen Patienten.

IV. Empfehlungen zur Kontinenzförderung, Erziehung und primärer Prävention

V, VI, VII Empfehlungen für die weitere Basisforschung, epidemiologische Forschung und klinische methodologische Forschung.

Die Empfehlungen zum Therapiemanagement sind in Basis- und spezialisiertes Management unterteilt und unter anderem auch in sehr klaren Flussdiagrammen dargestellt (siehe Abbildung). Aus dem als Beispiel präsentierten Diagramm zum Management der weiblichen Harninkontinenz sind nicht nur die ersten Schritte für die primäre Abklärung und Differenzialdiagnose, sondern auch die führende Rolle der konservativen – nicht-operativen Behandlungsformen bei der Primärtherapie ersichtlich. Die aufgelisteten Fälle der komplizierten Inkontinenz müssen sofort der speziellen Abklärung zugeführt werden.

Grundlage für Leitlinien

Das ICI-Buch Incontinence stellt den anspruchsvollen Versuch dar, den Wissensstand aller mit der Betreuung inkontinenter Menschen befassten Berufsgruppen darzustellen und eine Grundlage für internationale Leitlinien im Management der Inkontinenz zu bilden. Das Buch kann in seiner vierten Auflage über amazon.com bezogen werden1 (190 USD), zwei frühere Auflagen sind auf der Webseite der ICS (www.icsoffice.org ) frei zugänglich1. Laut Aussage des Mitherausgebers Dr. Saad Khoury wird auch die neue Auflage in „wenigen Monaten“ frei zugänglich sein.

 

1 www.icsoffice.org/ASPNET_ Membership/Membership/ Publications/Publications.aspx

 

Die Autoren sind an der Klinischen Abteilung für Allgemeine Gynäkologie und gynäkologische Onkologie der MedUni Wien tätig.

Von Dr. Ksenia Elenskaia und Prof. Dr. Engelbert Hanzal, Ärzte Woche 15 /2010

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