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Foto: flickr / Tama Yuri
Das Forum war für die Teilnehmer wohl wortwörtlich ein Höhepunkt.
 
Urologie 23. Februar 2010

Urologie in den Bergen

In Davos diskutierten beim European Urology Forum 2010 namhafte Experten und Nachwuchsforscher über aktuelle Standards in der Urologie und darüber, was sich in den kommenden Jahren in diesem Fach wohl durchsetzen wird.

In gewohnt entspannter Atmosphäre fand vom 13. bis 17. Februar das European Urology Forum der EAU (European Association of Urology) in Davos in der Schweiz statt. Bei dieser Veranstaltung wurde über wesentliche rezente Entwicklungen in der Urologie, den State-of-the-Art und über zukünftige Diagnose- und Therapieoptionen debattiert. Die Veranstaltung fand heuer bereits zum 19. Mal statt. Für die Teilnehmer ergab sich vor allem die Möglichkeit des intensiven Austausches untereinander.

Konzipiert ist das jährliche Urologen-Treffen in Davos als eine Kombination von State-of-the-art-Sessions, Hands-on-Trainings und Workshops sowie Präsentationen von Fallstudien.

Raum für Austausch und Diskussion

Darin sieht Dr. Christopher Chapple, Sheffield Hallam University, Großbritannien, Mitglied des EAU-Vorstands, den Grund für die Beliebtheit, die das Meeting unter jungen Kollegen – Praktikern wie Wissenschaftlern – genießt. Rund 200 Teilnehmer aus ganz Europa fanden sich auch heuer wieder in den Alpen ein: „Das Urologie Forum hebt sich von anderen Veranstaltungen dadurch ab, dass nicht nur einschlägige wissenschaftliche Themen präsentiert werden, sondern dass für die Teilnehmer auch die Möglichkeit besteht, eng miteinander kommunizieren können. Das Forum bietet eine ideale Umgebung für den akademischen Austausch und für die Entwicklung neuer Ideen. So entstehen hier immer neue Ideen und Ansätze.“

Urologische Herausforderer

Ein fixer Programmpunkt sind die „Urological Challenges“, bei denen sogenannte Herausforderer brandaktuelle Themen und Ergebnisse mit dem internationalen Expertenforum diskutieren.

„Die Teilnehmer an der ‚Urologischen Challenge‘ sind junge urologische Forscher, die über Themen referieren, in denen sie die Experten sind. Die Inhalte werden mit dem internationalen Wissenschaftsforum diskutiert, und so kommt ein reger Austausch von Ideen und Erfahrungen zustande, von dem die sogenannten Herausforderer genauso profitieren wie das Auditorium und die erfahrenen Kollegen.“

Diesmal berichtete unter anderem Dr. Maria José Ribal aus Barcelona, Spanien, über die transvaginale NOTES-Nephrektomie, Dr. Nikesh Thiruchelvam aus Cambridge, Großbritannien, stellte die Ketaminblase vor und Dr. Steven Joniau aus Leuven, Belgien, beleuchtete die Rolle der organsparenden Nephrektomie bei Nierenzelltumoren mit einer Größe von über vier Zentimetern. Dr. Ioannis M. Varkarakis aus Athen hinterfragte, ob die laparoskopische Nephroureterektomie als Goldstandard beim Urothelkarzinom des oberen Harntrakts betrachtet werden kann. Dr. Piotr Chlosta aus Kielce, Polen, stellte die offene der laparoskopischen radikalen Prostatektomie gegenüber.

Erektile Dysfunktion

Als österreichischer Fachmann war Prof. Dr. Wolfgang Aulitzky, ärztlicher Direktor der Confraternität-Privatklinik Josefstadt, Wien, anwesend, der unter anderem einen Vortrag über Andrologie und erektile Dysfunktion hielt. Die Erstbehandlung für Betroffene beinhaltet Beratung, PDE5-Inhibitoren sowie Veränderungen des Lebensstils. In weiterer Folge stehen Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung wie die psychosexuelle Therapie, Testosteron zusätzlich zur PDE5-Therapie, Injektionstherapien, der Einsatz von Vakuumerektionshilfen, außerdem vaskuläre Ansätze (Revaskularisation, Behandlung des venösen Lecks), Penisprothesen. In Bezug auf die PDE5-Therapie führte Aulitzky mehrere Studien an, die ergaben, dass es sich dabei um eine wirkungsvolle und sichere Option zur Behandlung der erektilen Dysfunktion infolge einer radikalen Prostatektomie bei gut selektieren Patienten handelt. PDE5-Hemmer sind auch als Ersttherapie zur frühen Penisrehabilitation geeignet: Wie eine placebokontrollierte Studie zeigte, führten sie zu einer besseren erektilen Funktion. Schließlich werden PDE5-Inhibitoren als Goldstandard in der Erstbehandlung der postoperativen erektilen Dysfunktion angesehen. Abschließend wies Aulitzky darauf hin, dass das Patientenmanagement der Zukunft ein multimodales Vorgehen darstellen wird, insbesondere bei Patienten, die postoperativ an erektiler Dysfunktion leiden. Wichtig wird dabei ein dreifacher Zugang sein, der sowohl endotheliale Protektion als auch die Neuroprotektion und die Protektion der glatten Muskulatur umfasst.

Weibliche Urologie

Prof. Dr. Paul Abrams, University of Bristol, Großbritannien, referierte über die überaktive Blase, das Blasenschmerzsyndrom, Stressinkontinenz und Entleerungsstörungen. Bezüglich der Verwendung von Desmopressin bei der hyperaktiven Blase verwies er auf eine Studie von Hashim et al. (Neurourology and Urodynamics 2009; 28[1]: 40–6), die zeigen konnte, dass Desmopressin in der Kurzzeitbehandlung sicher und effektiv ist. Die Erkrankung bleibt aber idiopathisch, wie Abrams meinte, und die Behandlungserfolge für viele Patienten unbefriedigend. Er drückte sein Bedauern darüber aus, dass das Wissen um die weibliche Urologie nur langsam wächst, was jedoch auch bedeute, dass junge Forscher hier ein weites Betätigungsfeld vorfinden.

Zum Blasenschmerzsyndrom erklärte Abrams, dass es sich hierbei um ein Krankheitsbild handle, das noch schlecht definiert ist und eigentlich besser als weibliches CPPS (Chronic Pelvic Pain Syndrom) bezeichnet werden sollte.

Was die Stressinkontinenz betrifft, fand Abrams, dass es zwar wirkungsvolle Behandlungen gebe, wie etwa Mini-Slings, aber nun müsse die Frage angegangen werden, ob diese Therapien weiter verbessert werden können, sodass noch bessere Ergebnisse erzielt werden können.

Botulinumtoxin für die Blase

Zur überaktiven Blase äußerte sich auch Prof. Dr. Christopher Chapple. Er wies darauf hin, dass die medikamentöse Therapie die Hauptsäule der Behandlung darstellt und dass die Chirurgie ein letzter Ausweg für wenige Patienten sei, die mit Pharmakotherapie nicht ausreichend behandelt werden können. Er ging auch auf Botulinumtoxin als Option ein. Chapple erklärte, es handle sich hierbei um einen interessanten neuen Ansatz, über den es allerdings erst wenige kontrollierte Daten gebe, was sich demnächst ändern dürfte, da zurzeit randomisierte kontrollierte Studien laufen. Tendenziell werden eher geringere Dosierungen eingesetzt. Für Indikationen des gastrourinalen Trakts ist Botulinumtoxin allerdings noch nicht zugelassen.

Potenzielle pharmakologische Targets in der Therapie der überaktiven Blase sind laut Chapple im Zentralnervensystem zu finden (Hirnrinde, Mittelhirn, Rückenmark) und im unteren Harntrakt.

Dr. Henk van der Poel, Abteilung für Urologie am Netherlands Cancer Institute in Amsterdam, Holland, berichtete von der Suche nach Biomarkern zum Nachweis von Blasenkrebs. „Die Kombination von multiplen molekularen Markern kann die Prognostizierbarkeit bei Patienten mit lokal fortgeschrittenem lymphknotenpositiven Blasenkrebs verbessern“, sagte der Poel. Er beschrieb daraufhin verschiedene Ansätze aus der Krebsforschung der letzten Jahrzehnte. Biomarker wie p53 wiesen allerdings keine klare Korrelation mit Progression und Rezidiven auf. „Weitere zusätzliche Marker sind daher notwendig“, meinte van der Poel. Er kündigte an, dass von der Genidentifikation und mPCR noch einiges zu erwarten sein wird.

Abschließend fasste er zusammen, dass FGFR3-Mutationen ein reduziertes Progressionsrisiko vorhersagen können, dass die klinische Anwendung von prognostischen Markern nicht nachgewiesen ist und dass FGFR3 ein therapeutisches Ziel darstellt.

 

Weitere Informationen der EAU: www.uroweb.org

Von Mag. Patricia Herzberger, Ärzte Woche 08 /2010

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