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Urologie 1. Dezember 2009

Intravesikale Elektrostimulation bei Erwachsenen (IVES)

Die minimalinvasive Methode verstärkt die Blasenfunktion und führt selten zu Komplikationen.

Blasenschwäche ist häufig schwer behandelbar. Dabei kann die Blasenfunktion sowohl sensorisch als auch motorisch geschädigt sein. Im Vergleich zur Blasenmotorik ist eine wesentliche Verbesserung der Blasensensorik zu erwarten.

 

Die Blasenschwäche (hypoaktive Blase) ist ein bedeutsames, mehrfach schwierig behandelbares Problem. Im Hintergrund sind am häufigsten neurogene Ursachen zu finden, aber auch myogene Schädigungen können vorkommen. Die möglichen Ursachen einer hypoaktiven Blase werden im Kasten 1 präsentiert.

Die akute Blasenüberdehnung kann auch zur Blasenschwäche führen. In diesem Fall ist meist der auslösende Faktor ein Übersehen einer Harnverhaltung nach Operationen im kleinen Becken oder nach Eingriffen in epiduraler oder periduraler Anästhesie (Hubner, E. R. et al.: Urologe 2007; 46: 662–6).

Die Blasenfunktion kann sowohl sensorisch als auch motorisch geschädigt sein. Im ersten Fall sprechen wir über eine Blasenhyposensitivität, bei einer motorischen Schädigung über eine Blasenhypo- oder akontraktilität. Wenn die Blasensensorik gestört ist, können die Patienten den Harndrang nicht normal spüren.

Bei motorischer Funktionsstörung berichten die Patienten über eine schlechte Blasenentleerung. Komplette oder partielle Harnretention können auch vorkommen, und häufig sehen wir Verwendung der Bauchpresse.

Die untere Harnwegsobstruktion, wenn sie dauerhaft besteht, kann auch zur Blasenschwäche führen. Forschungsarbeiten bestätigten, dass die primäre Schädigung neurogen ist und nur später myogene Läsionen entstehen (Nyirády, P. et al.: Journal of Urology 2002; 168: 1615–20; Nyirád, P. et al.: Neurourology and Urodynamics 2005; 24(3): 276–81).

Geschichte, Wirkmechanismus, Indikation

Es gibt mehrere Möglichkeiten, die Blasenfunktionsstörung zu beeinflussen (siehe Kasten 2). Unter diesen Methoden ist die Intravesikale Elektrostimulation (IVES) eine minimale invasive, einfache Form, um die Blasensensorik und -motorik zu verbessern.

Diese Technik wurde erstmals vom ungarischen Neurologen Prof. Dr. Katona 1958 beschrieben (Katona, F.: Orvosi Hetilap 1958; 99: 277–8). Er behandelte hauptsächlich Kinder mit Meningomyelozele. Die Methode wurde später von Prof. Dr. Helmut Madersbacher standardisiert (Madersbacher, H.: Paraplegia 1990; 28: 349–52). Der genaue Wirkmechanismus konnte erst im Jahr 1992 aufgrund der Forschungsarbeit mit Tieren von Ebner dokumentiert werden (Ebner, A. et al.: Journal of Urology 1992; 148: 920–4).

Seitdem wissen wir, dass die afferente Nerven über Mechanorezeptoren in der Blasenwand aktiviert werden. Diese Aktivierung führt zur Verstärkung des physiologischen Detrusorreflexes und zur Verbesserung der Detrusorkraft.

Obwohl die Ergebnisse auch heutzutage diskutiert werden, führt die Internationale Kontinenz Gesellschaft aufgrund der vorhandenen Studien diese Therapieform mit Grade-B-Empfehlung für die Verbesserung der Blasensensitivität und Verstärkung des Miktionsreflexes an. Die ideale Indikation wäre die neurogene Hyposensitivität und Hypokontraktilität.

Die Technik

Die Technik der IVES ist relativ einfach. Zuerst muss die Blase mit 0,9%-NaCl-Lösung auf etwa zwei Drittel der funktionellen Blasenkapazität gefüllt werden. Ein transurethraler monopolarer Elektrodenkatheter muss platziert werden, und eine Neutralelektrode wird am Unterbauch angebracht. Dann wird die Blase mit Einzelimpulsen unter der Schmerzschwelle stimuliert. Eine Behandlung dauert ungefähr 30 bis 60 Minuten und alle Patienten sollten mindestens 20 bis 25 Behandlungen erhalten. Wesentliche Komplikationen treten in der Regel nicht auf.

Eigene Erfahrungen

Seit 2004 verwenden wir die intravesikale Elektrostimulation an unserer Klinik. In den letzten drei Jahren wurde diese Methode bei 16 Patienten (zwölf Frauen, vier Männer) angewendet. Neun Patienten hatten eine komplette Harnretention, sechs berichteten über eine partielle Harnretention und ein Patient über einer Blasenhyposensitivität. Die Grafik 1 zeigt die urodinamische Verteilung der Patienten vor der Behandlung. Nach IVES war bei zehn Patienten Besserung zu sehen, bei sechs Patienten wurde keine Besserung gefunden (siehe Grafik 2). Patienten mit myogener Schädigung oder mit akontraktilem Detrusor zeigten eine Besserung nur in der Blasensensorik. Die motorische Funktion veränderte sich nicht in diesem Patienten.

Schlussfolgerungen

  • IVES ist eine minimalinvasive, einfache Methode, um die Blasenfunktion zu verstärken, und führt selten zu Komplikationen.
  • Im Gegensatz zur Blasenmotorik ist eine wesentliche Verbesserung der Blasensensorik zu erwarten.
  • Bei myogenen Schädigungen und bei akontraktiler Blase sind die Erwartungen schlechter.
open Dr. Attila Majoros Urologische Klinik und Uroonkologisches Zentrum Semmelweis Universität, Budapest, Ungarn „Die ideale Indikation wäre die neurogene Hyposensitivität und Hypokontraktilität.“Foto: Privat
Kasten 1:
Ursachen der Blasenschwäche
Neurogene Schädigungen
- Myelomeningozele
- Andere Fehlbildungen
- Verletzungen
- Tumoren
- Radikale Operationen im kleinen Becken (periphere Nervdenervation)

Myogene Schädigungen (Meist infolge einer nicht rechtzeitig erkannten unteren Harnwegsobstruktion)
- Benigne Prostata-Hyperplasie (BPH)
- Harnröhrenstenose
- Blasenhalssklerose
Kasten 2:
Therapiemöglichkeiten bei hypo- oder akontraktiler Blase
• Dauer-Harnableitung (schlechteste Lösung)
• Intermittierender Katheterismus (IK)
• Medikamente (Parasympathomimetikum)
• Intravesikale Elektrostimulation (IVES)
• Sakrale Neuromodulation
• Latissimus-dorsi-Detrusor-Myoplastie

Von Dr. Attila Majoros, Dr. Attila Keszthelyi, Dr. Antal Hamvas, Prof. Imre Romics, Ärzte Woche 49 /2009

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