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Urologie 14. Oktober 2008

Rätselhafte Prostata (Narrenturm 155)

Ist das Organ kastaniengroß, so kann der junge Mann – wie Mark Twain schrieb – „den Strom im Bogen über einen Gartenzaun dirigieren“. Nimmt es später den Umfang einer Mandarine oder gar Orange an, dann „tröpfelt es dem wackeren Greise in die Unterhose“, so eine Volksweisheit. Die Prostata wurde vom deutschen Urologen Carl Erich Alken (1909-1986) etwas flapsig als „die Zeitbombe im Hintern des Mannes“ bezeichnet. Tatsächlich entkommt kaum ein Mann im Alter den unangenehmen, meist gefährlichen und mitunter tödlichen Veränderungen dieses Organs.

Die hochspezialisierten Heilkundigen des alten Ägypten – „Hüter der königlichen Wasserwege“ wurden sie genannt – kannten die Prostata nicht. Obwohl ihnen, wie aus medizinischen Papyri bekannt ist, eine Blockade des Harnflusses geläufig war und sie die verborgenen Hindernisse in der Harnröhre mit hohlen Federkielen, Röhren aus Bronze oder Ähnlichem zu beseitigen versuchten, war ihnen das Organ unbekannt. Zufällig mit den Röhren herausgerissene Gewebeteile nannten sie „Fleischgewächse“. Auch den damaligen Meistern des „Blasensteinschneidens“, den Indern, war die Prostata als Ursache der Blasenentleerungsstörung nicht geläufig. Etwa um 300 v. Chr. befasste sich der griechische Arzt, Anatom und Chirurg Herophilos von Chalkedon (um 330–255 v. Chr.) unter anderem mit den menschlichen Urogenitalorganen. Dabei fiel ihm ein in einer festen Kapsel liegendes Organ auf, das den hinteren Teil der männlichen Harnröhre umschloss. Er nannte es, ohne seine Funktion auch nur zu erahnen, „Glandulosae parastatae“. Rufus von Ephesos (ca. 98–117 n. Chr.), ein anderer ärztlicher Schriftsteller, machte daraus die „Parastatus glandulus“, aus der dann die „Vorsteherdrüse“ und später die Prostata wurde.
Einziges Hilfsmittel gegen die Enge oder den Verschluss der Harnröhre waren damals Katheter aus zusammengerollten Blättern, Pergament, Holz, Eisen, Silber oder Gold. Mit – natürlich unsterilen – Hohlsonden oder Harnröhrensonden, deren Spitze mit Ätzmittel versehen waren, traktierten die Chirurgen ihre vorwiegend hochgestellten Patienten und ätzten oder bohrten Öffnungen durch die Verhärtung am Blasenausgang. Damit erreichten sie zumindest für einige Zeit einen Abfluss des Urins und damit Erleichterung. Die Patienten, ob reich oder arm, starben üblicherweise nach zahlreichen qualvollen Behandlungen an der Sepsis oder Urämie durch Nierenversagen.
Behinderungen des Wasserlassens durch Verengung der Harnröhre oder der völlige Verschluss der Harnröhre durch „Fleischgeschwülste“ tauchten in der Literatur zwar vereinzelt auf, aber die Existenz der Prostata entging den Steinschneidern, Barbierchirurgen, Ärzten und Anatomen jahrtausendelang, praktisch bis ins 17. Jahrhundert. Die Erstbeschreibung der Prostatahypertrophie wird heute dem venezianischen Arzt Niccolò Massa (1499–1569) zugeschrieben. Er entdeckte 1536 die altersbedingte gutartige Prostatavergrößerung. In medizinischen Illustrationen tauch­te die Vorsteherdrüse erstmals 1538 in den anatomischen Tafeln des Anatomen Andreas Vesalius (1514–1564) auf. Der erste Arzt, der die Aufgaben der Prostata beschrieb, war der Anatom und Botaniker Caspar Bauhin (1560–1624) zu Beginn des 17. Jahrhunderts: „Nutz und Gebrauch ist ... zur Befeuchtung des Harn-Ganges in der Ruthe ... damit er nicht trucken werde ... sondern feucht und schlüpfrig verbleibe ... und zugleich die Feuchtigkeit auf dem Saamen gehet.“
Etwa hundertfünfzig Jahre später beschrieb der Begründer der pathologischen Anatomie Giovanni Battista Morgagni (1682–1771) die Prostatavergrößerung in seinem 1761 erschienen Buch De sedibus et causis morborum per anatomen indagatis. Darin teilte er erstmals mit, dass die Prostatavergrößerung oft die Ursache für das Harnverhalten sei. Leider hinterließ er bei den Ärzten die falsche Vorstellung, dass die Prostata ein fest mit dem Harnblasenausgang und der Harnröhre verwachsenes Organ sei. Lange Zeit konnte man sich daher nicht vorstellen, wie die Vorsteherdrüse chirurgisch ohne Blutungsdesaster entfernt werden könnte. Um die weitere Erforschung der Prostata bemühten sich die englischen Chirurgen John Hunter (1728–1793) und sein Schwager Everard Home (1756–1832). Home publizierte 1811 das erste Buch über Prostataerkrankungen. Den nach ihm benannten „Homeschen Mittellappen“ hielt man lange Zeit für den Ausgangspunkt der Hypertrophie.
Trotz zunehmenden Wissens über die Anatomie der Prostata gab es aber in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch immer keine geeignete Therapie. Neben meist wirkungslosen konservativen Behandlungsversuchen mit Bädern, Blutegel, Schröpfen, verschiedenen pflanzlichen Heilmitteln und Diäten war noch immer die seit der Antike gebräuchliche Katheterisierung der Harnblase die einzige wirkungsvolle Maßnahme. Aber das ist eine andere Narrenturmgeschichte.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 38/2008

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