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Urologie 29. September 2008

Charrière, Nelaton, Tiemann, Foley … (Narrenturm 156)

Die Katheterisierung der Blase durch die Harnröhre war seit der Antike die einzig wirkungsvolle und hilfreiche Maßnahme bei Harnverhalten, gleichgültig, ob die Einengung der Harnröhre durch eine massive Hypertrophie der Prostata oder durch Verwachsungen oder Narben in Folge einer gonorrhoischen Infektion erfolgte. Über die gefährlichen Nierenschäden durch Harnstau wussten die Ärzte damals zwar noch nichts, aber die höllischen Schmerzen des Harnverhaltens zwangen zur raschen Hilfe und machten erfinderisch.

Bereits 3000 v. Chr. halfen ägyptische, assyrische und babylonische „Urologen“ ihren Patienten mit Kathetern aus Federkielen und Röhren aus Zinn oder Bronze. Ihre indischen Kollegen bevorzugten Instrumente aus Schilfrohr, Strohhalmen und mit Harz verfestigten eingerollten Palmblättern. Aber auch Röhrchen aus Holz und Eisen kamen zum Einsatz. Die Araber wiederum stellten Katheter aus biegsamem Gold und Silber her. Mit lackierten Blättern von Pflanzen aus der Familie „Allium“ katheterisierten die Chinesen. Gut vorstellbar, dass sich die langen, dünnen röhrenförmigen hohlen Blätter dieser zwiebelartigen Pflanze – sie erinnert etwas an unsere Frühlingszwiebel – als Katheter hervorragend eigneten. „Bronzene Röhren“, bereits etwas gekrümmt und somit der männlichen Anatomie angepasst, verwendete man in Rom um Christi Geburt. Die Erfindung des ersten Dauerkatheters schreiben manche Medizinhistoriker heute Oreibasios von Pergamon (325–395) zu. Eigentlich konstruierte der byzantinische Arzt aber ein Instrument zur Dilatation der Harnröhre. Er umwickelte einen Gänsekiel mit aufgeweichtem Pergament und ließ es dann trocknen, bis es hart war. Das so entstandene relativ feste Röhrchen führte er vorsichtig in die Harnröhre ein, wo es dann für drei Tage blieb. Durch die Feuchtigkeit der Schleimhaut schwoll das Pergamentröhrchen an und erweiterte so die Striktur der Harnröhre. Danach konnte Oreibasios einen Bronzekatheter einführen.

Ziegenblut und Tierhäute

Erst siebenhundert Jahre später – um 1000 n. Chr. – gab es endlich wieder eine berichtenswerte Neuerung. Der arabische Arzt Avicenna (980–1037) stellte erstmals einen flexiblen Katheter her. Seine Hohlsonden aus Tierhäuten festigte er mit einer Salbe aus Bleiglanz und Ziegenblut. Um das Einführen des Katheters zu erleichtern, rieb er die Oberfläche mit Weichkäse ein. Avicenna gilt auch als Erfinder der Stempelspritze, mit der er Blasenspülungen durchführte.
Im Europa des Mittelalters gab es Katheter aus Bronze, Holz und Leder. Am weitesten verbreitet aber waren Katheter aus Silber, da das edle Material einfach zu verarbeiten und gut formbar war. Ob man ihm auch schon eine antiseptische Wirkung zuschrieb, wie gelegentlich berichtet wird, scheint – man hatte ja damals von Keimen oder Infektionswegen nicht die geringste Ahnung – höchst unwahrscheinlich. Wesentliche Neuerungen führte der heute als „Vater der modernen Chirurgie“ bezeichnete Ambroise Paré (1510–1590) ein. Er arbeitete bereits um 1560 mit einem Sortiment von Kathetern, die je nach Geschlecht und Alter über längere Strecken unterschiedlich gekrümmt waren und außerdem mit einem Führungsdraht versehen waren, der eine Verstopfung verhindern sollte. Ein entscheidender Fortschritt für den Katheterbau war die Erfindung des Kautschuks. Den ersten Katheter aus „Caothuc“ – wie die Indianer das Harz nannten, das „aus einem Baume quillt“ – stellte der deutsche Chirurg Johann Christian Anton Theden (1774–1797) im Jahr 1777 her. Mit diesem elastischen Katheter aus „Resina Elastica“ begann die stürmische Entwicklung der Katheter im 19. und 20. Jahrhundert.
Da operative Heilungsversuche der Prostatahypertrophie noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als sinnlos betrachtet wurden, weil viele, auch prominente Chirurgen den Verschluss des Blasenausgangs für eine unheilbare Sklerose der Blasenmuskulatur im hohen Alter ansahen, hielten viele den Katheter für das einzige Mittel, von dem Hilfe und Erleichterung beim Harnverhalten zu erwarten sei. Dauerkatheter mit abenteuerlichen Befestigungen führten aber – trotz der oft schon durchgeführten Asepsis mit Karbol – meist zu heftigen Entzündungen. Die einzige Möglichkeit war die regelmäßige Selbstkatheterisierung, wie sie vor allem der Engländer Sir Henry Thomson (1820–1904) empfahl. Die Instrumentenmacher spielten natürlich mit und lieferten ihren betuchten Kunden alles, was der feine Herr benötigte, um sich selbst zu jeder Zeit und überall „zu erleichtern“: Katheter – mit oder ohne Monogramm – aus Silber oder Elfenbein, Katheteretuis für die Fracktasche, Katheter in Spazierstöcken oder Regenschirmen und für den standesgemäßen Hausgebrauch Schränkchen oder Servierwägelchen mit ganzen Kollektionen von Harnkathetern, Karbolflaschen und vielfältigen Instrumenten.

Mit roter Reifenpower direkt in die Blase

Es waren vor allem die französischen Katheterhersteller, die im 19. Jahrhundert einen hervorragenden Ruf hatten. Unter ihnen Joseph-Frédéric-Benoît Char­rière (1803_1876) – die Kathetergrößen (1 Charrière = 1 French, „Franzose“, da Charrière im englischsprachigen Raum für viele nicht auszusprechen war = 1/3 Millimeter) sind noch heute nach ihm benannt –, Louis-Auguste Mercier (1811-1882) mit seinen knieförmigen geknickten Kathetern und der Chirurg Auguste Nelaton (1807-1873), der mit dem von Goodyear erfundenen Gummi den klassischen Harnkatheter aus rotem Gummi mit fester Spitze herstellte. Einige der damals erfundenen Katheter sind auch heute noch in modifizierter Form in Gebrauch. Hier vor allem der Katheter des New Yorker Instrumentenmachers Tiemann mit der berühmten „Tiemannschen Krümmung“. Den Ballonkatheter mit dem aufblasbaren Ballon als problemlose Halterung in der Harnblase erfand der amerikanische Urologe Frederick Foley (1891–1966) aber erst im Jahr 1926.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 39/2008

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