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Urologie 26. August 2008

Wie das Tabu Nephrektomie fiel (Narrenturm 152)

Der 2. August 1869 gilt heute als der Geburtstag der urologischen Chirurgie. An diesem denkwürdigen Tag wagte der deutsche Chirurg Gustav Simon (1824 – 1876), erstmals eine „vollkommen funktionierende“ Niere bei einem Menschen zu entfernen. Bis dahin hielten sich die Chirurgen eisern an die Lehrmeinung des römischen Medizinschriftstellers Aulus Cornelius Celsus (um 25 v. Chr. - 50 n. Chr.): „Überleben kann derjenige nicht, dessen Nieren verletzt worden sind.“ Über Jahrhunderte trauten sich die Chirurgen deswegen nur in äußersten Notfällen operativ an die Nieren.

Mit der Entdeckung der Narkose 1846 und der Antiseptik 1865 nahmen Umfang und Art der operativen Eingriffe in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dramatisch zu. Mehr und mehr übernahmen akademisch gebildete Ärzte Aufgaben, die sie bis dahin hochmütig den nur handwerklich ausgebildeten Chirurgen überlassen hatten. Plötzlich kam es beim Operieren nicht mehr auf spektakuläre möglichst hohe Geschwindigkeit, sondern vermehrt auf anatomisches Wissen, genaues Präparieren ohne Zeitdruck und exaktes Blutstillen an. Nach und nach eroberten so die Chirurgen Organ um Organ. Die Nieren blieben aber für die meisten Operateure lange Zeit ein Tabu. Es gab zwar seit dem 16. Jahrhundert vereinzelt Berichte von Militärärzten, dass Verletzungen der Nieren überlebt wurden, aber Abszessinzisionen oder gar Niereneröffnungen zur Steinentfernung waren außerordentlich seltene und gefährliche Eingriffe. So blieben sie die extreme Ausnahme. Noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts glaubte die Mehrzahl der Chirurgen, dass eine Eröffnung der Niere nur in ausweglosen Situationen erlaubt und die Entfernung einer Niere nicht zu überleben sei.

Eine Wäscherin wird zum Paria

In dieser Situation wandte sich die 46-jährige Wäscherin Margarethe Kleb (1820 – 1877), bei der einige Jahre zuvor bei einer gynäkologischen Operation der linke Ureter zerstört worden war und sich daraufhin eine Harnleiterbauchfistel entwickelt hatte, im Jahr 1867 an Gustav Simon, Professor für Chirurgie in Heidelberg. Die Patientin war höchst verzagt und äußerte bereits Selbstmordgedanken. Die Taglöhnerin litt unter Schmerzen, konnte ihren Haushalt kaum mehr versorgen und ihrer Arbeit als Wäscherin nicht mehr nachgehen. Sie verließ schließlich nicht einmal mehr das Haus, weil sie – der Urin floss ihr andauernd über die Bauchdecke – ständig durchnässt war. Naturgemäß roch sie deswegen auch unangenehm und „wurde sich und anderen zum Ekel“. Die sich als „Ausgestoßene“ fühlende Frau erhoffte sich in ihrer Verzweiflung von dem als erfolgreichen Fisteloperateur bekannten Chirurgen Hilfe. Simon war einer der wenigen Operateure, die auch vor komplizierten Fisteloperationen nicht zurückschreckten. Nachdem die bereits kachektische Patientin monatelang mit kräftiger Kost auf die Operation vorbereitetworden war, versuchte Simon die Fistel mit einem Hautschwenklappen zu verschließen und eine normale Harnableitung wieder herzustellen. Der Eingriff misslang gründlich. Jedes Mal, wenn die Patientin aufstand, brach die Fistel wieder auf. Auch eine Verödung mit Silbernitrat brachte keinen Erfolg. Der Chirurg war jetzt in einer fast ebenso verzweifelten Lage wie die Patientin und sah bald nur mehr einen Ausweg: Er musste die Niere als „Quelle des Übels“ entfernen. Damals ein höchst verwegener Gedanke. Noch nie hatte ein Chirurg dies gewagt. Auch alle Kollegen, die er um Rat fragte, rieten ihm dringend ab. Sie hielten die plötzliche Entfernung einer Niere für absolut tödlich.

Zunächst die Hunde

Simon sah die Patientin, deren Zustand sich durch die missglückten Operationen weiter verschlechtert hatte und der er nur durch die Entfernung der Niere wirklich helfen konnte, und beschloss, die Befürchtungen seiner Kollegen im Tierversuch nachzuweisen oder eben zu widerlegen. Die experimentellen Nephrektomien an Hunden gelangen. Simon sah, dass die verbleibenden Nieren anscheinend durch Größenwachstum die Funktion des entfernten Organs übernehmen konnten. „Also müsste auch ein Mensch die Entfernung einer Niere vertragen“, schloss Simon. An Leichen suchte er nach dem ungefährlichsten chirurgischen Zugangsweg zu den Nieren und operierte letztendlich seine Patientin Margarethe Kleb, nachdem er ihr nochmals vor allen Assistenten und Zuschauern im Heidelberger Operationstheater den Eingriff und die Risken genau erklärt hatte. Die Patientin stimmte zu und so entfernte er in Chloroformnarkose über einen Zugang am Rande der Lendenwirbelsäule die „vollkommen funktionierende“ Niere. Die Operation gelang. Margarethe Kleb überlebte sogar ihren Operateur.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 30/2008

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