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Urologie 16. Mai 2008

Die Steinschneider (Narrenturm 143)

 Steinschnitt
Der Steinschnitt, einer der ältesten chirurgischen Eingriffe.

Foto: Regal/Nanut

Den ältesten bekannten Stein fand der Archäologe Elliot Smith im Jahr 1901 im Becken eines vor etwa 7000 Jahren bestatteten ägyptischen Jünglings. Der gewaltige Blasenstein hatte eine auch heute noch typische Steinzusammensetzung: einen Kern aus Harnsäure und den Mantel aus Kalziumoxalat und Magnesiumphosphat. Damit scheint bewiesen zu sein, dass das Steinleiden keine auf unser aller Fehlernährung zurückzuführende moderne Zivilisationserkrankung ist. Smith fand auch noch einen weiteren, etwa 3000 Jahre alten Stein im Nasenloch einer Mumie. Für einen nach der Zusammensetzung typischen Blasenstein eine recht ungewöhnliche Stelle. Dorthin war er vermutlich durch die ägyptischen Balsamierer gelangt, die üblicherweise alles zum Körper Gehörige irgendwo in die Mumie zurücklegten.

Da Harnsteine meist mit Höllenqualen verbunden sind, waren Heiler und Magier bereits in grauer Vorzeit bemüht, den Leidenden zu helfen. Deswegen zählt der Steinschnitt, der Jahrtausende ohne genaue anatomische Kenntnisse ausgeführt wurde, zu den ältesten chirurgischen Eingriffen. Die alten Ägypter hatten zwar unter ihren Ärzten bereits Spezialisten wie den „Hüter der Wasserwege“ oder den „Hüter des Penis“ und führten bereits vor 4500 Jahren Beschneidungen der Vorhaut durch, aber Zustände, die auf ein Steinleiden hinweisen, wie „Beschwerden beim Wasserlassen“, behandelten sie nur konservativ mit Heilmitteln aus tierischen, pflanzlichen oder mineralischen Substanzen. Aus medizinischen Papyri ist auch bekannt, dass bei Nierenkoliken oder Blasenkrämpfen bereits Atropin verwendet wurde. Blasensteine versuchten sie nach Dehnung der Harnröhre mit Holzsonden durch einen Finger im After aus der Blase in die Harnröhre zu schieben. Eine operative Steinentfernung kannten die Ägypter jedoch nicht.

Danach: Warme Umschläge

Jene Operation, die Jahrtausende lang die Grundlage für die operative Entfernung von Blasensteinen war, entstand in Indien. Der Arzt Susrata, der vermutlich im 6. Jahrhundert vor Christus lebte, empfahl bereits einen Eingriff, bei dem der Blasenstein durch eine Operation aus der Harnblase entfernt werden konnte: Nachdem der Patient mit angezogenen Knien im Schoß eines Gehilfen gefesselt wurde, soll der Arzt den linken „Zeige- und Mittelfinger, nachdem er sie gut gesalbt und die Nägel geschnitten hat, in den After einführen“ und den Stein zum Blasenhals drücken. Der Stein soll hier wie ein Knoten hervorragen. Über dem Stein erfolgt nun blitzschnell der bogenförmige Schnitt auf der linken Seite „ein Gerstenkorn von der Dammnaht entfernt und weit genug für den ungehinderten Durchtritt des Steines“. Der Stein selbst muss nun möglichst unzerbrochen mit einer Zange extrahiert werden. Nach der Operation soll der Patient „in einen Trog mit warmem Wasser gesetzt und mit warmen Umschlägen behandelt werden“. Über einen chirurgischen Wundverschluss berichtete Susrata nichts. Die Wunde wurde üblicherweise nur zwischen den Schenkeln zusammengepresst. Heilen sollten die Natur und die Götter.
Da die Steinschneiderei dieser Art viel manuelles Geschick und natürlich auch ständige Übung erforderte, spezialisierten sich zunehmend Wundärzte nur auf diesen Eingriff. Hippokrates (ca. 460 – 370 v. Chr.), die bedeutendste Arztpersönlichkeit der griechischen Antike, verbot allerdings den „wissenschaftlichen Medizinern“ den „eines ehrenwerten Arztes unwürdigen“ Steinschnitt ausdrücklich und befahl „ihn denen zu überlassen, die diese Tätigkeit ausüben“. Möglicherweise waren das indische Wanderchirurgen.
Die fahrenden Steinschneider, die „Lithotomisten“, waren auch in Europa bis ins 18. Jahrhundert die Spezialisten für diesen Eingriff. Zumeist gaben sie ihr Wissen nur innerhalb der Familie weiter und hüteten es ängstlich als Geheimnis. Obwohl die rein handwerklich ausgebildeten „Wanderärzte“ von den akademischen Medizinern vielfach als „Gaukeldoktoren“ und „Quacksalber“ verhöhnt wurden, stellten die Steinschneider, Starstecher und Bruchschneider doch der Bevölkerung wichtige medizinische Leistungen zur Verfügung, die von der akademischen Medizin bis Ende des 18. Jahrhunderts nicht erbracht werden konnten.

Schauerlicher Eingriff

Die operativen Fähigkeiten der meisten „Wanderärzte“ scheinen aber durchwegs gut gewesen zu sein. Überraschenderweise gab es nur selten offizielle Klagen über medizinische Fehlleistungen der wandernden „Kollegen“ – auch nicht von der Konkurrenz, den sesshaften Wundärzten oder akademischen Ärzten. Trotz vieler Komplikationen und Todesfälle durch Verbluten oder Infektionen war dieser „schauerliche“ Eingriff – die einzige „Betäubung“ war oft nur ein Polster über dem Gesicht des Patienten, damit er mit seinen Schmerzensschreien und Stöhnen keine Kunden abschreckte – aber die einzige Möglichkeit, einen Steinleidenden von seinen furchtbaren Schmerzen zu erlösen. Verwunderlich ist es allerdings nicht, dass damals viele Steinleidende „auf ärztliche Hilfe verzichteten und die Qualen der Krankheit der Hölle des chirurgischen Eingriffs vorzogen“. Denn so oder so endete ein Harnsteinleiden oft tödlich.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 20/2008

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