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Sportmedizin 3. September 2008

Sex gibt den letzten Kick

Mehr Sex würde dem österreichischen Fußball gut tun. Der ehemalige Teamchef Josef Hickersberger hat sich das vor der EURO 2008 wohl auch gedacht. So durften heuer Spielerfrauen ins Mannschaftsquartier der Nationalmannschaft. Hicke machte dabei nur einen entscheidenden Fehler …

Wie bei jedem Sportgroßereignis stellt sich zu Turnierstart die Frage nach dem Sex. Soll der Sportler vor, unmittelbar vor oder nach dem Wettkampf lieben? Ist die sexuelle Aktivität der sportlichen Performance zuträglich oder soll der Sportler generell sexuell enthaltsam leben? Befragt man Sportler, Trainer und Mediziner danach, kommt man zu dem Schluss, dass nahezu jeder seine eigene – oder gar keine Meinung – zu diesem Thema hat. Der streitbare Leistungsdiagnostiker Dr. Bernd Pansold meinte etwa bloß: „Ach, lassen Sie mich doch in Ruhe mit dieser Frage!“ Nach den vergangenen Leistungen der von ihm betreuten Salzburger Kicker zu urteilen, kann man davon ausgehen, dass sich der eine oder andere Bulle entweder zu viel oder zu wenig auf der grünen Spielwiese vergnügte.

Sex ist gesund

Wie man auch immer dazu stehen mag, fest steht: Sex ist für den Menschen grundsätzlich gesund. Ein durchschnittlicher Geschlechtsverkehr lässt sich mit einem zwanzig Minuten dauernden Spaziergang vergleichen. In Folge dessen sinkt die Schlaganfall- und Herzinfarktrate – besonders bei Männern, die regelmäßig Sex haben. Zudem werden beim Beischlaf durchschnittlich zwischen 100 bis 150 Kalorien verbraucht – freilich steigt mit der Zahl der Orgasmen der Energieverbrauch weiter. Energie, die dem Sportler vielleicht fehlen könnte beim nächsten Wettkampf? Mitnichten, denn mit nur einem Müsliriegel ist die verlorene – nicht aber vergeudete – Energie wieder aufgetankt.
Genug Argumente also, die für den Sex sprechen. Trotzdem halten manche Fußballtrainer ihre Spieler vor wichtigen Partien unter Verschluss. Die deutschen Bundestrainer Sepp Herberger, Helmut Schön und Berti Vogts (Anmerkung: Eigentorschütze beim 3:2 Österreichs gegen Deutschland, Cordoba 1978) schoben in den Mannschaftsquartieren nachts den Riegel vor. Die Spielerfrauen mussten draußen bleiben, und die Kicker verbrachten die Nächte alleine in ihren Bettchen. Gewiefte Gesellen wie Franz Beckenbauer und Sepp Maier ließen sich allerdings durch solche Regelungen nicht davon abhalten, ihre Mädels zu treffen. Heimlich schlichen sie sich aus dem Hotel, um ihren Holden ein paar Bussis zu geben und womöglich auch mit ihnen zu schlafen. Allzu sehr geschadet dürfte dieses nächtliche Stelldichein dem „Kaiser Franz“ nicht haben, die Deutschen wurden 1974 Fußballweltmeister. Auch dem österreichischen Fußball würde mehr – sexuelle – Aktivität nicht schaden, dachte sich wohl Pepi Hickersberger. Der Fußballspezialist ist bekannt dafür, nach den aktuellen Kenntnissen der Sportmedizin zu arbeiten und hat anscheinend von der positiven Wirkung der Liebe auf den Sport gehört. Während der intensiven Trainingslager in Graz und Lindabrunn war Frauenbesuch erlaubt, jedoch nur am Nachmittag zu Kaffee und Kuchen.

Nach dem Spiel ist nicht immer vor dem Spiel

In Stegersbach, dem österreichischen Teamcamp zur Zeit der Europameisterschaft, wurde dann eine legerere Regelung getroffen. Nach den Spielen durften die Frauen jeweils für eine Nacht im Hotel schlafen. „Bei diesen Treffen wird es sich wohl nicht auf Kaffee und Kuchen beschränkt haben“, meint Peter Klingelmüller, Pressesprecher des ÖFB, dazu mit einem Augenzwinkern. Am nächsten Tag gegen vierzehn Uhr mussten sich die Spielerfrauen dann wieder von ihren Liebsten verabschieden.
Hickersberger hat es mit dieser Regelung freilich gut gemeint, und die Spieler waren ihm sicher auch dankbar dafür. Doch: Hicke hätte den Frauen in der Nacht vor dem Spiel den Zugang in die Schlafzimmer seiner Kicker gestatten müssen! Dem Ergebnis einer Studie (Hirschenhauser et al., Horm Behav 2002) zufolge kommt es bei Männern nämlich einen Tag nach dem Geschlechtsverkehr zu einem Anstieg des Geschlechtshormons Testosteron (siehe Interview). Ein Hormon, das unter anderem die Aggressions- und Risikobereitschaft des Mannes steuert. Und wenn man die Performance des Teams sah, hätte etwas mehr Aggressivität – vor allem vor dem Tor – nicht geschadet. Sprich: Sex vor dem Spiel gibt dir am nächsten Tag den richtigen Kick. Eine Erfahrung, die auch der ehemalige deutsche Nationalspieler und jetzige Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München, Karl-Heinz Rummenigge, schon gemacht haben dürfte. So meinte dieser in „Waldis EM-Studio“ auf die Frage nach dem Fußballersex: „Also mir hat es nie geschadet, vielleicht nicht direkt am Spieltag.“ Ähnliche Ergebnisse lieferte auch eine Untersuchung, die vor acht Jahren am Rande des London-Marathons durchgeführt wurde. Forscher der Universität Oxford fragten die Teilnehmer, ob sie am Vorabend Sex hatten und verglichen danach die Rennergebnisse. Tatsächlich waren sexuell aktive Läufer im Schnitt um fünf Minuten schneller als enthaltsame.
Der Diskussion um die sportliche Leistungsfähigkeit rund um den Sex kann die Präsidentin der österreichischen Gesellschaft für Sexualmedizin Dr. Elia Bragagna nicht viel abgewinnen: „Manche sind besser, wenn sie ausgeglichen sind, und andere sind besser, wenn sie aggressiv sind.“ Die Sexualtherapeutin ist der Ansicht, dass dieses Thema hochgeschaukelt wird. Die Ärztin meint, es sei für den Sex wichtig, dass man grundsätzlich gut mit sich selbst umgeht. Menschen, die regelmäßig Sport betreiben, um sich ihre Gesundheit und Fitness zu erhalten, haben daher mehr vom Leben und somit auch vom Sex. Sprich: Regelmäßiger Sport ist gut für den Sex und wohl auch vice versa.

Blut muss zirkulieren

Außer man übertreibt es mit dem Training. Zu langes Radfahren beeinflusst nämlich die genitale Durchblutung negativ. Außerdem wurde bei Ausdauersportlern wie Radfahrern, Lang- und Marathonläufern ein signifikant verminderter Testosteronwert bei männlichen Athleten gefunden. Die heimischen Fußballer sind bei der Europameisterschaft zwar brav gelaufen, doch hierin den Grund für die Abschlussschwäche der rot-weiß-roten Elf zu suchen, wäre verwegen. Ebenso wie die Spekulation darüber, ob die österreichische Nationalmannschaft mit der richtigen – sexuellen – Taktik ins Viertelfinale der EURO 2008 aufgestiegen wäre.

Dr. Wolfgang Pennwieser


Interview

Testosteron am Spielfeld: Die Ärzte Woche sprach mit dem Urologen Doz. Dr. Eugen Plas über die Auswirkungen von Sex und sexuellen Funktionsstörungen auf die Ballstürmer.

 Doz. Dr. Eugen Plas

Beeinflusst Sex den Testosteronspiegel?
Plas: Untersuchungen zeigten, dass sexuelle Aktivität sehr wohl Auswirkungen auf den Hormonspiegel hat. Zum Beispiel wurde am Tag nach einem Geschlechtsverkehr ein Anstieg des Testosterons im Blut beobachtet. Diesen Peak fand man bei Männern, die am Vortag keinen Sex hatten, nicht.

Kann man daraus schließen, dass Fußballer, die am Vortag sexuell aktiv waren, am nächsten Tag aggressiver aufs Feld laufen?
Plas: Studien, die genau diesen Umstand untersuchten, sind mir derzeit nicht bekannt. Bei Brokern mit höheren Testosteronwerten wurde jedoch über eine größere Risikobereitschaft bezüglich des Anlageverhaltens berichtet. Männer mit höherem Testosteron investierten riskanter und höhere Summen. Ob man dieses Ergebnis direkt auf den Sport oder Fußball umlegen darf, kann ich nicht beurteilen.

Wäre aber möglich, dennoch kasernieren manche Teamchefs ihre Kicker vor wichtigen Spielen. Kann es sein, dass der Trainer Angst hat? Sprich: Wenn der Spieler in der Nacht im Bett versagt, trifft er am Tag auch das Tor nicht ...
Plas: Sexuelle Funktionsstörungen kommen in allen Altersgruppen vor. Bei jungen, physisch gesunden Männern spielen dafür besonders Stress und Versagens-ängste eine Rolle. Häufiger treten Erektionsstörungen jedoch mit zunehmendem Alter auf. Die Gründe, warum Spieler ihre Frauen nicht treffen dürfen, könnten vielleicht darin liegen, dass Sportler besser ausgeruht sind, sich emo-tional auf die kommende Aufgabe einstellen und konzentrieren können. Hormonelle Gründe gibt es aus andrologischer Sicht meines Wissens keine.

Eine Dynamik zeigte sich auch bei Fußball-Weltmeisterschaften. In Deutschland kamen neun Monate nach der WM 2006 mehr Kinder zur Welt und in England wurde weniger Viagra® verschrieben.
Plas: Eine direkte Erklärung habe ich dafür nicht, könnte mir jedoch vorstellen, dass durch vermehrten Alkoholkonsum im Rahmen solcher Großereignisse eine gewisse sexuelle Lockerheit ausgelöst wird.
Der verringerte Umsatz von Viagra® während dieser Zeit mag darin begründet sein, dass weniger Männer aufgrund psychogen bedingter Erektionsstörungen (ED) Viagra® einnehmen mussten. Seit der Markteinführung von Viagra® hat sich in dem Verhältnis psychogen versus organischer ED einiges verändert – nachdem man vorher davon ausging, dass circa 80 Prozent psychogen und lediglich 20 Prozent organisch bedingt war, hat sich dieses Verhältnis umgekehrt.

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