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Sportmedizin 24. April 2008

War Pheidippides zu alt?

Wie gesund ist der Marathonlauf tatsächlich? Und gibt es ein Alterslimit für derartige Extrembelastungen? Herzspezialisten prüften die kardiologische Fitness älterer Langstreckenkäufer.

 Foto: Buenos Dias / photos.com
Wenn ältere Marathonläufer der Ehrgeiz reitet, sollten sie kardiologisch fit sein.

Foto: Buenos Dias/photos.com

Eigentlich sollte er bei den weltweiten Laufveranstaltungen gefeiert werden. Doch kaum jemand kennt den griechischen Boten Pheidippides, der seine Anstrengung 490 v. Chr. mit dem Tod bezahlte. Stattdessen trug sich seine große Leistung mit dem Namen eines 9.000-Seelen-Städtchens in die Geschichte ein.
Heute ist der Marathonlauf ein Massenmagnet und lockt jedes Jahr Hunderttausende Menschen an. Schließlich ist der moderne Marathonläufer ein gefeierter Held, der sich den zivilisatorischen Verlockungen widersetzt und der Durchschnittsbevölkerung zeigt, wie drahtig man trotz Rolltreppen, Fahrstühlen und Pommesbuden sein kann. Wenn die Athleten 42.195 Meter dem Ziel entgegen schwitzen, stehen die staunenden Zuschauer Spalier und zollen den Läufern Respekt.

Zuviel des Guten?

Kurzum: Der Langstreckenläufer gilt als Sinnbild des gesunden Menschen und darf mit einem hohen Sozialprestige rechnen. Doch diese Sicht wird von den Medizinern neu beleuchtet: Sind die mit dem Marathonlauf verbundenen Anstrengungen nicht zuviel des Guten?
Das Laufen in kleinen Portionen verringert laut unzähligen Studien das Risiko einer kardiovaskulären oder ischämischen Erkrankung sowie Diabetes mellitus, verhütet Adipositas und Hypertonie, normalisiert die Lipidwerte und soll auch auf die Psyche positiv wirken. Das klingt zunächst hervorragend. Aber potenziert der Marathon all diese Vorteile? Das tut er eben nicht, denn dafür ist zu lang!
Zunächst wird der Bewegungsapparat über Gebühr strapaziert, vor allem Sehnen und Muskeln sind nach 42 Kilometern überbeansprucht, ebenso wie das Immunsystem. So ist etwa das Phänomen der Langzeitverkühlungen unter Langzeitläufern bekannt.
Aber auch das Herz muss beim Laufen eine enorme Leistung bringen. Auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) diskutierte man Ende März das Paradoxon der körperlichen Aktivität: Während regelmäßige Bewegung vor dem Herzinfarkt (HI) schützt, kann intensive Anstrengung das Kurzzeitrisiko für einen Infarkt steigern.
In Essen, Deutschland wurde zuvor eine Marathonstudie initiiert: Die 108 männlichen Studienteilnehmer waren über 50 Jahre und hatten in den vergangenen drei Jahren fünf Marathonwettkämpfe bestanden. Bei den Probanden lagen weder kardiovaskuläre Schwächen noch Diabetes vor. Neben der Messung von Risikofaktoren wurden CT und MRT am Herzen durchgeführt.
Studienleiter Privatdozent Dr. Stefan Möhlenkamp vom Westdeutschen Herzzentrum Essen: „Es zeigte sich, dass die Marathonläufer ein um 50 Prozent geringeres kardiovaskuläres Risikoprofil im Vergleich zur gleichaltrigen Allgemeinbevölkerung haben. Die Ausprägung der Koronarverkalkung war aber ähnlich. In beiden Gruppen hatten 36 Prozent der Läufer einen Kalkscore, der ein erhöhtes HI-Risiko anzeigt. Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe mit ähnlich günstigem Risikoprofil hatten die Marathonläufer sogar deutlich mehr Koronarkalk.“
Bei zwölf Prozent der Marathonläufer konnten sogar Hinweise auf einen bislang unbekannten Myokardschaden nachgewiesen werden. Läufer mit einer signifikant hohen Kalklast und diejenigen mit sehr vielen absolvierten Marathonwettkämpfen hatten besonders häufig eine Herzmuskelschädigung.

Training ist gut, Wettkampf nicht

Freilich sei Ausdauersport gesund, schlussfolgert Möhlenkamp, aber es dürfe nicht vergessen werden, dass der Marathonlauf per se eine Extrembelastung ist und vor allem für ältere, vermeintlich gesunde Läufer ein beträchtliches Risiko birgt. Daher rät der er bei älteren Läufern vor dem Marathon und dem intensiven Training einen ärztlichen Check durchzuführen. „Ob Marathonlaufen selbst zur Herzmuskelschädigung beiträgt, muss weiter untersucht werden.“
Freilich sollte den Menschen durch übersteigerte Vorsicht nicht die Freude am Laufen genommen werden, denn der Sport ist – abseits seiner Extreme – gesund und macht bei richtiger Handhabe auch Spaß. Weshalb wurde er sonst zu einer Volksbewegung?

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 17/2008

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