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Sportmedizin 13. Juni 2008

Linderung im Windschatten

Das Glück dieser Erde, das findet man beim Laufen bisweilen in der Herde. Zumindest scheint das so, wenn ein Stadtmarathon ausgerufen wird und sich die Jogger – im Normalfall Einzelgänger mit grünem Habitat – plötzlich in der Stadt zur Masse vereinigen. Dann werden 42.195 Meter des Weges gemeinsam bewältigt. Währenddessen darf sich so mancher Teilnehmer über ein Runner’s High freuen. Denn nun ist es amtlich, das durch körpereigene Hormone hervorgerufene Hochgefühl gibt es wirklich. Klinisch relevant könnte diese Erkenntnis für chronische Schmerzpatienten sein.

 Abbildung 1
Die Hirnbereiche, in denen körpereigene Opiate freigesetzt und gebunden wurden, sind farblich hervorgehoben. Der Effekt ist vor allem in den Regionen a, b und c sichtbar, die eine wichtige Rolle bei der Emotionsverarbeitung spielen.

Foto: H. Boecker, Technische Universität München

Couch-Potatoe-Sportler erreichen ihn schon nach wenigen Metern: den toten Punkt beim Laufen. Er kündigt sich zumeist mit leicht pochendem Seitenstechen an, das sich aber rasch zu einem Schmerzen-Crescendo steigert und jede weitere sportliche Betätigung abrupt beendet. Doch seit Ewigkeiten geistert die Mär unter Amateursportlern herum, dass man nur diesen Punkt überwinden müsse, um ins glückselige Sportlerparadies eintreten zu können. Denn dann, so behauptet die Legende, werde man von Endorphinen durchflutet, was auch den schlaffsten Körper zum kraftstrotzenden Muskelpaket mache.
Viele haben es versucht, aber nur wenige können behaupten, das Hochgefühl tatsächlich erlebt zu haben. Auch der akademische Beweis für dieses Phänomen konnte bislang nie erbracht werden. Zumindest bis heute nicht, denn nun ließ eine Pressemitteilung des Klinikums rechts der Isar (TU München) aufhorchen: Man habe, so die Wissenschafter der Nuklearmedizin, Neurologie und Anästhesie der Technischen Universität München sowie der Universität Bonn, wissenschaftliche Belege für das „Runner‘s High“ gefunden.
Die Studie scheint in der Grundidee so simpel, dass man sich wundert, warum diese Untersuchung erst jetzt durchgeführt wurde. Die Forscher rekrutierten zehn Athleten und untersuchten sie vor und nach einem zweistündigen Langstreckenlauf mit dem bildgebenden Verfahren der Positronen-Emissions-Tomographie (PET). Für das Procedere wurde den Sportlern jeweils die radioaktive Substanz [18F]Diprenorphine ([18F]FDPN) verabreicht, die physiologisch mit körpereigenen Endorphinen um Opiat-Rezeptoren im Zentralnervensystem wetteifert.

Konkurrenz belebt Rezeptoren

Prof. Dr. Henning Boecker, Studienkoordinator an der TU München und derzeitiger Leiter der Abteilung „Klinische Funktionelle Neurobildgebung“ der Radiologischen Universitätsklinik Bonn: „Je mehr Endorphine im Gehirn des Athleten ausgeschüttet werden, desto mehr Opiat-Rezeptoren werden besetzt. Entsprechend geringer sind die Chancen für das verabreichte [18F]FDPN, ebenfalls an die Opiat-Rezeptoren zu binden.“
Danach wurden die Bilder der PET vor und nach dem Lauf miteinander verglichen und eine signifikant verminderte Bindung von [18F]FDPN nach der körperlichen Anstrengung festgestellt, wodurch gezeigt werden konnte, dass die radioaktive Substanz nicht mehr so viel freie Rezeptoren vorfand. Die Forscher schlussfolgerten, dass während des Laufens eine deutliche Endorphinausschüttung stattgefunden haben muss.
Erwähnenswert ist, in welcher Region die körpereigenen Opioide freigesetzt wurden: vor allem im Frontallappen der Großhirnrinde und des Limbischen Systems. Dies sind ZNS-Gebiete, die für die Verarbeitung von Emotionen bestimmend sind. Hand in Hand mit den objektiven bildgebenden Messungen stellten die Wissenschafter bei den Probanden auch „signifikante Veränderungen des Hoch- und Glücksgefühls nach dem Ausdauerlauf fest“.
Die Frage, inwiefern diese Beobachtungen relevante Ergebnisse für die Klinik bieten, beantwortete Prof. Dr. Thomas Tölle, Leiter der Forschungsgruppe „Funktionelle Bildgebung bei Schmerz“ an der TU München, so: „Unsere Auswertungen zeigen, dass das erlebte Hochgefühl umso intensiver war, je geringer die [18F]FDPN-Bindung in der PET-Messung war. Das bedeutet, dass das Ausmaß des Hoch- und Glücksgefühls nach dem Ausdauerlauf mit der Menge der ausgeschütteten Endorphine korrelierte.“ Dies könne bei der Motivation von Schmerzpatienten helfen, sich – natürlich im Rahmen ihrer Möglichkeiten – mehr dem Ausdauertraining zu widmen. Schließlich werden die Endorphine in jenen Hirnregionen ausgeschüttet, die auch für Schmerzunterdrückung eine entscheidende Rolle spielen.
Die ersten Ergebnisse stimmten die deutschen Forscher positiv, sodass weitere Untersuchungen eingeleitet wurden. Boecker: „Wir sind nun sehr gespannt auf die Ergebnisse einer Bildgebungsstudie mit der funktionellen Magnetresonanztomographie, die wir momentan in Bonn durchführen, um den Einfluss von Ausdauerlauf auf die Schmerzverarbeitung direkt zu untersuchen.“ Auch Angstzustände und depressive Verstimmungen könnten durch die Endorphine beeinflusst werden.

Das Diktat der Gene

Ob der Urahn aller Marathonläufer, der griechische Bote Pheidippides, 490 v. Chr. möglicherweise aufgrund einer Überdosis Endorphine zusammengebrochen ist, darüber schweigen die Studienleiter, kommen aber zu einer anderen interessanten These: „Eine gespenstische Vorstellung“, erklärt Tölle und deutet eine mögliche Verbindungen zwischen genetischer Disposition und Opiatrezeptorverteilung an, „wenn wir liefen, weil unsere Gene das so wollen.“

Raoul Mazhar, Ärzte Woche

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