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Sportmedizin 4. Juni 2008

Zu sauer und zu alt? Sportler sind keine Äpfel!

Fußballlegenden können tricksen, flinke Hacken schlagen und Mitspieler mit einem Gurkerl (den Ball zwischen den gegnerischen Beinen vorbeischieben) brüskieren. Genau das wollen die Zuschauer sehen. Ob der Spieler durchtrainiert ist oder nicht, interessiert kaum. Dabei gilt: Nur in einem fitten Körper wohnt ein guter Kicker.

Freilich können Spielwitz und schussgerechte Pässe nicht am Laufband trainiert werden, aber das ballestrische Genie kann nur über 90 Minuten hinweg ausgespielt werden, wenn auch der Körper mitmacht. Und der wird im heutigen Profifußball beinhart gefordert. Schließlich geht es nicht nur darum, körperlich fit zu werden, sondern trotz Überbelastung ein hohes Niveau zu halten.
„Die sogenannte Englischen Wochen, also bis zu drei Spiele innerhalb von sieben Tagen zu bestreiten, sind keine Ausnahmen mehr“, erklärt Prof. Dr. Paul Haber, Leiter des Zentrums für medizinische Trainingstherapie in Wien, und verweist darauf, dass dies eine entscheidende Frage für die der an der EURO 2008 teilnehmenden Mannschaften sei. Denn hier muss vor allem auf die richtige Balance zwischen Training und Regeneration geachtet werden. Haber: „Vor Beginn der EURO sollten keine körperlichen Höchstleistungen gefordert werden. In dieser Phase stehen leichtes Grundlagentraining und das Üben spielspezifischer Dinge im Vordergrund.“
Klingt banal, ist es aber nicht. Denn die Sportwissenschaft ist mittlerweile zu einer wichtigen Säule im Milliardengeschäft Fußball geworden.

König Laktat fällt vom Thron

Und es bewegt sich viel in der Sportwissenschaft. So wird derzeit eine heilige Kuh des Metiers filetiert: Der Laktat-Test, vieler Trainer liebstes Kind, kommt in die Kritik. „Der Test hat ja seine Vorzüge, so lässt sich der Milchsäurespiegel schon am Platz mittels Blutabnahme simpel messen und gibt vage Hinweise, aber letztlich gab es nie eine fundierte wissenschaftliche Grundlage für die Aussagekraft dieses Tests. Der Zusammenhang zwischen Laktatwerten und Trainingspuls wurde künstlich, ohne Überprüfung in der Trainingspraxis hergestellt!“ Haber war schon zu Beginn der Laktat-Diskussion im Sport Anfang der 80er Jahre skeptisch und bekam deshalb von Kollegen prompt Schelte. Die neuen wissenschaftlichen Lehren geben ihm nun Recht, denn heute weiß man: Laktat ist nicht das Endprodukt des Stoffwechsels, sondern selbst noch Energieträger. Selbstkritisch für die gesamte Zunft merkt der Sportmediziner jedoch an, dass die Fortschritte im Labor zu inkonsequent am Trainingsplatz umgesetzt wurden.
Woran können sich Athleten aber nun orientieren, wenn es darum geht, sich ein Bild über die eigene Ausdauerleistungsfähigkeit zu machen? „Dafür ist die maximale Sauerstoffaufnahme wie geschaffen“, ist sich Haber sicher. „Eigentlich wäre die Messung der Sauerstoffaufnahme ja das Nonplusultra, denn Sauerstoff ist pure Energie und ließe sich exakt auf die Leistung umrechnen. Leider haben wir mit einer umständlichen Messung per Atemmaske und somit mit Messfehlern zu kämpfen. Deshalb konnte sich der Laktattest ja so lange halten, den kann man so bequem messen.“
Erstaunlich ist, dass die modernen Evaluierungsmöglichkeiten für körperliche Fitness dem Trainer der österreichischen Nationalmannschaft Josef Hickersberger Recht zu geben scheinen, wenn er den 38-jährigen Ivica Vastic zurück ins Team holt. Dass ältere Spieler dank ihrer Routine einen maßgeblich Anteil am Erfolg einer Mannschaft hätten, wusste man. Leider, so die Volksmeinung, zum Preis einer schwächeren körperlichen Performance.

Leistung nimmt nicht so rasch ab

Mitnichten!, meint Haber und verweist darauf, dass auch ältere Kicker durchaus noch Topleistungen bringen können: „Die Leistungsfähigkeit nimmt bis zum Alter von etwa 20 Jahren kontinuierlich zu, hält bis Mitte 30 ihr Niveau und baut sich erst dann langsam ab. Allgemein wird fälschlicherweise ein linearer Abbau in der ergometrischen Leistungsfähigkeit unterstellt. Ich sehe aber nur einen Grund, warum ein älterer Kicker benachteiligt sein könnte, und der liegt in der mangelnden Motivation nach jahrzehntelangem Fußballspielen.“ So gesehen vielleicht ein kleiner Hoffnungsschimmer für die österreichische Equipe.

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 23/2008

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