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Sportmedizin 6. Juni 2007

Die Koordination richtig testen

Sportwissenschaftler sind in Zusammenarbeit mit Medizinern und Physiotherapeuten in den kommenden Jahren mehr den je aufgerufen, innovative Konzepte zur Optimierung von Trainingsmethoden im Leistungs-, aber auch Breitensport zu erstellen.

Die Notwendigkeit der Erfassung eines Ausgangswertes, aber auch die Ermittlung von trainingsbedingten Veränderungen z.B. von Ausdauer- oder Kraftfähigkeiten ist weitgehend akzeptiert. Anders stellt sich die Situation im Bereich der Bewegungskoordination dar, obwohl dieser eine leistungsbestimmende Basisfunktion nachgesagt wird. Oft fehlt es an geeigneten Testverfahren oder, falls doch vorhanden, sind diese dem Leistungssport vorbehalten und somit keiner breiten Öffentlichkeit zugänglich.
Die Firma MFT GmbH kann mit ihrer Produktpalette an Koordinationstrainingsgeräten (u.a. Fit Disc bis Sport Disc) ein bedeutendes Fitnesssegment abdecken. Ein objektives Messinstrument zur Erfassung eines koordinativen Leistungszustandes fehlte aber in ihrem Gesamtkonzept.
Ziel des vorliegenden Projekts war es demnach, ein den wissenschaftlichen Kriterien genügendes koordinatives Testverfahren zu entwickeln, wobei sowohl ein günstiger Kostenrahmen für die Hard- und Software als auch eine möglichst ökonomische, einfache Testdurchführung Berücksichtigung finden sollten.

Methode

• Testentwicklung: Der S3-Check ist ein auf einer instabilen Unterlage durchgeführtes Testverfahren zur Bewertung der Körperstabilität im Stehen. Die Messplatte im Durchmesser von 55 cm ist über eine USB-Schnittstelle mit einem Computer verbunden. Die Testperson versucht durch gut koordinierte Ausgleichsbewegungen das Gleichgewicht über eine vordefinierte Zeitspanne zu halten. Ein Neigungssensor (Messbereich ± 20°, Abtastrate 100Hz, Messgenauigkeit 0.5°) erfasst die Bewegungen der Standfläche (max. Auslenkwinkel beträgt 12°) und errechnet nachfolgend den Stabilisations- und Sensomotorikindex. Bewegungsabweichungen von der Plattenmitte werden zudem im Symmetrieindex ausgedrückt. Je nach Zielsetzung bewertet der S3-Test diese Kennziffern im Zuge einer Links/Rechts- und/oder Vor/Rück Messung. Die Softewareprogrammierung samt zugehöriger Datenbank erfolgte durch die Firma BITsoft.
• Überprüfung der Testgütekriterien: Im Rahmen der Reliabilitätsprüfung wurden 20 ProbandInnen an zwei Testtagen, getrennt durch ca. zehn Tage, untersucht. Nach einer individuellen Aufwärmphase auf einer MFT Fun Disc wurde ein vollständiger Probedurchgang, gefolgt vom eigentlichen Wertungsdurchgang, ausgeführt. Zuerst wurde die Fähigkeit zur Links/Rechts Stabilisierung und in weiterer Folge die Fähigkeit zur Vor/Rück-Stabilisierung erhoben. Der Probe- bzw. Wertungsdurchgang zeigte jeweils folgenden zeitlichen Ablauf: Aufwärm- bzw. Gewöhnungsphase (15s) – Pause (10s) – erster Wertungsversuch (30s) – Pause (30s) – zweiter Wertungsversuch (30s). Zur Auswertung wurde jeweils der beste der beiden Wertungsversuche herangezogen. Sämtliche Daten wurden in das Statistikprogramm SPSS 13.0 übertragen und ausgewertet. Nach Prüfung auf Normalverteilung (Kolmogorov-Smirnov-Anpassungstest) wurden sämtliche Reliabilitätskoeffizienten mittels Produkt-Moment-Korrelation nach Pearson bzw. Intraclass-Correlation-Coefficient (ICC) ermittelt.
Die Testleistungen von AthletInnen des Skigymnasiums Stams im Vergleich zu gleichaltrigen Jugendlichen dienten ersten Hinweisen hinsichtlich der Testvalidität.
• Normwerterhebung: Normwerte, erhoben an mehr als 5.000 Personen unterschiedlichen Alters und Geschlechts, erlauben bei Messungen mit dem S3 Check einen interindividuellen Vergleich der Messergebnisse der Acht- bis 70-Jährigen.

Ergebnisse

Die Ergebnisse werden aus der Tabelle und der Abbildung deutlich. So sind die Korrelationskoeffizienten der Stabilitätswerte (Links/Rechts bzw. Vor/Rück) bei der Reliabilitätsprüfung mit „ausgezeichnet“ bzw. „sehr gut“ zu beurteilen. Die Korrelationen der Sensomotorikwerte sind Links/Rechts als „sehr gut“ und Vor/Rück nach dem ICC mit „annehmbar“ einzustufen (siehe Tabelle). Die Abbildung zeigt den Altersverlauf des Sensomotorikindex weiblicher Skirennläuferinnen im Vergleich zu den gleichaltrigen Mädchen ohne besondere sportliche Ausbildung. Offensichtlich ist dabei der ab dem 12. Lebensjahr konträre Verlauf der feinmotorischen Regulationsfähigkeit.

Diskussion und Schlussfolgerungen

Die vorerst mäßigen Korrelationen des Seitigkeitsindex speziell bei der Vor/Rück-Messung konnten durch die nachträgliche Anbringung einer Skalierung an der Standplatte und somit einer Reproduzierbarkeit der Fußposition deutlich verbessert werden. Der MFT-S3-Check erfüllt in allen Belangen – auch im Vergleich zu anderen Testgeräten Reliabilitätswerte des in der Literatur of zitierten Biodex Stability System reichen von annehmbar bis ausgezeichnet1,2) – den wissenschaftlichen Anspruch eines Diagnosegerätes. Die Validitätsmessungen von AthletInnen anderer Sportarten werden in nächster Zeit weiter fortgeführt, um sportartspezifische Aussagen tätigen zu können. Hervorzuheben ist weiters die in der Software integrierte Funktion eines automatischen Trainingsprogrammvorschlages basierend auf den Testwerten des S3-Checks.

 Reliabilitätsergebnisse
Ausgewählte Reliabilitätsergebnisse Links/Rechts und Vor/Rück.

 Altersverlauf des Sensomotorikindex
Den Altersverlauf des Sensomotorikindex weiblicher Skirennläuferinnen im Vergleich zu den gleichaltrigen Mädchen ohne besondere sportliche Ausbildung.

1 Capuche et al., Measurement in Physical Education and Exercise Science, 2001, 2, 97-108.
2 Paterno et al., Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy, 2004, 6, 305-316.

Prof. Mag. Dr. Christian Raschner,
Mag. Hans-Peter Platzer und Mag. Sandra Lembert,
Institut für Sportwissenschaft, Universität Innsbruck

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