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Allgemeinmedizin 6. Februar 2007

Krampi: Muskel außer Kontrolle

Muskelkrämpfe sind unwillkürliche, meistens schmerzhafte Kontraktionen einzelner Muskeln, die spontan oder nach Willkürinnervation entstehen. Krampi stellen ein sehr häufiges Symptom dar – viele Patienten kennen dieses Beschwerdebild, beschreiben es jedoch recht unterschiedlich.

Muskelkrämpfe können grundsätzlich jeden Muskel betreffen, häufig jedoch Fuß- und Wadenmuskulatur. Der pathophysiologische Mechanismus ist noch ungeklärt. Von den Krampi sind „krampfartig“ geschilderte Myalgien ohne sichtbare Muskelkontraktionen zu unterscheiden. Diese treten spontan oder belastungsabhängig auf. Darüber hinaus können sich Muskelkrämpfe gelegentlich auch bei arteriellen oder venösen Durchblutungsstörungen manifestieren.

Typeneinteilung

Von den Muskelkrämpfen sind Muskelspasmen und Muskelkon­trakturen zu unterscheiden. Spasmen sind unwillkürliche plötzliche Kontraktionen, die jedoch nicht schmerzhaft sind (z.B. Facialisspasmus). Bei Muskelkontrakturen sind drei Typen zu unterscheiden: Antalgische Kontrakturen sind ein Kompensationsphänomen von Schmerzreizen (z.B. Kontraktion der paraspinalen Muskeln bei einem Bandscheibenvorfall). Schmerzhafte Kontrakturen umfassen verschiedene unwillkürliche Muskelkon­traktionen. Zu den schmerzlosen Kontrakturen gehören jene von der myostatischen und myotaktischen Art. Die myostatischen Kontrakturen werden durch eine Immobilisation verursacht, die anfangs reversibel und später unveränderbar bleiben. Sie führen zu Muskel- und Sehnenverkürzungen (z.B. Volkmann’sche Kontraktur). Myotaktische Kontrakturen sind durch eine Übererregbarkeit bedingt (z.B. Rigidität, Spastizität). Gewöhnliche Muskelkrämpfe treten abrupt auf und führen zu einer sicht- und palpierbaren Kontraktion eines Muskels oder einer Muskelgruppe. Sie können ohne erkennbare Ursache in Ruhe oder während der Nacht auftreten und betreffen überwiegend die Wadenmuskeln sowie das Fußgewölbe. Dabei kann der Schmerz durchaus den Krampf überdauern, wobei die Kreatinkinase (CK) ansteigt. Passives Strecken der Muskeln bringt Linderung. Die Ätiologie ist unsicher. Therapeutisch wirksam sind membranstabilisierende Medikamente, z.B. Phenytoin oder Carbamazepin. Häufig sind Muskelkrämpfe ein wichtiges Leitsymptom bei Erkrankungen des peripheren oder zentralen Nervensystems oder bei speziellen Muskelerkrankungen (Kasten 1). Symptomatische Krämpfe können nach körperlicher Belastung (v.a. bei Hitze), aber auch in der Schwangerschaft bei Hypovolämie oder hypotoner Dehydratation (Hyponaträmie) sowie unter Hämodialyse auftreten. Sie begleiten mehrfach auch Erkrankungen des zweiten Motoneurons (Polyneuropathien, ALS, Nervenläsionen) oder endokrine Erkrankungen (Hyperthyreose, hypothyreote Myopathie, Leberzirrhose, Hyperparathyreoidismus). Außerdem können sie bei Alkoholabusus oder nach Einnahme diverser Medikamente auftreten. Parisi et al. (Acta. Neurol. Scand, 2003:107:176-186) legten eine Definition der Muskelkrämpfe nach klinischen Kriterien vor. Diese Klassifikation hält sich möglichst genau an die Phänomenologie der Krämpfe: die Muskelkontraktion muss schmerzhaft sein (damit sind alle unwillkürlichen Muskelkontraktionen wie Myotonien, Dystonien, Tics usw. ausgeschlossen). Des Weiteren muss die Kontraktion plötzlich auftreten und nur Sekunden bis Minuten andauern. Die Krampi sollten auf Basis des Pathogeneseortes und der Ätiologie klassifiziert werden. Danach unterscheiden die Autoren drei Gruppen: paraphysiologische, idiopathische und symptomatische Verkrampfungen. Paraphysiologische Krämpfe treten beim Gesunden unter speziellen Bedingungen auf (Schwangerschaft, übermäßiges Training, usw.). Sie werden in der Regel durch eine Dysbalance der Elektrolyte bedingt. Idiopathische Krämpfe sind das Hauptsymptom einer noch unbekannten Erkrankung. Symptomatische Krampi sind durch Erkrankungen des Nervensystems bedingt, vor allem dort, wo sich Muskelkrämpfe, Schwäche und Atrophie als Leitsymptome präsentieren.

Verminderte Muskelversorgung

Bei vaskulären Erkrankungen gilt die Minderversorgung des Muskels als Ursache; bei endokrinmetabolischen Elektrolytstörungen den Muskelstoffwechsel beeinflussende Unstimmigkeiten. Elektrolytstörungen sind auch bei anderen Stoffwechselerkrankungen häufig eine Triebfeder für Krampi. Die neue Klassifikation soll zu einer genaueren Klassifikation von Muskelkrämpfen führen, die auf ihrer Ätiologie basiert. Bei der Diagnostik (Kasten 2) ist neben der Anamnese die Familien- und Medikamentenanamnese besonders wichtig. Die neurologische Untersuchung sollte symptomatische neurogene Krämpfe sowie andere Ursachen schmerzhafter Muskelkontraktionen ausschließen. Bei den Blutuntersuchungen stehen vor allem Elektrolytwerte inkl. Magnesium, Nieren- und Leberwerte, Blutzucker, Schilddrüsenhormone sowie die CK im Fokus. Gelegentlich ist ebenso die Prüfung von Cortisol, Aldosteron, Serumlaktat sowie Parathormon bedeutend. An Funktionsuntersuchungen können Elektromyo- und Neurographie (inkl. Ischämie-Test) sowie die Untersuchung der arteriellen und venösen Beindurchblutung weiterführen.

Keine kausale Behandlung

Da die Pathophysiologie von Krampi nicht völlig geklärt ist, steht eine kausale Behandlung derzeit nicht zur Verfügung. Die symptomatische Therapie umfasst physikalische oder medikamentöse Maßnahmen. Krampi lassen sich auch symptomatisch durch manuelle Kompression oder passive Dehnung bzw. willkürliche Aktivierung des antagonistischen Muskels bessern. Prädisponierende Faktoren (Überanstrengung, Hitzeexposition, Alkohol, Schlafmangel sowie unausgeglichener Flüssigkeits- und Elektrolytstoffwechsel, Erbrechen, Diarrhoe) sollten vermieden bzw. entsprechend ausgeglichen werden. Physikalische Maßnahmen umfassen Wärme, Bein- und Fußgymnastik sowie Wechselbäder, Hochlagerung der Beine zur Ödem­prophylaxe und wieder die passive Dehnung der betroffenen Muskelpartien. Früher wurden oft Chininpräparate z.T. in Kombination mit Theophyllin eingesetzt, aufgrund von Nebenwirkungen sind diese Präparate jedoch obsolet oder nicht mehr erhältlich. Sehr häufig werden Magnesiumpräparate eingesetzt, außerdem durchblutungsfördernde Substanzen, Vitamin-E oder einzelne Antiepileptika (z.B. Phenytoin oder Carbamazepin). Prinzipiell sollten bei Muskelkrämpfen mögliche Ursachen erhoben und entsprechend behandelt werden; darüber hinaus stehen allgemeine physikalische Maßnahmen sowie unspezifische medikamentöse Therapiemaßnahmen zur Verfügung.

 Kasten 1

Zeitlhofer, Ärzte Woche 6/2007

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