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Sportmedizin 4. Oktober 2006

Helmbewehrt der dünnen Luft trotzen

Die meisten Gipfelstürmer kennen und fürchten sie: die Höhenkrankheit. Ein alpinbegeistertes Ärzteteam aus Innsbruck ersann nun einen Helm als Gegenmittel. Und der hat seinen ersten Siebentausender bereits erfolgreich bezwungen.

Zu den größten Gefahren des Bergsteigens gehört die akute Höhenkrankheit. Durch den abnehmenden Sauerstoffgehalt in der Atemluft sinkt gleichermaßen die Sauerstoffsättigung des Blutes. Daraus resultieren gefährliche pulmologische und neurologische Störungen.
Die akute Höhenkrankheit ist ein relativ häufiger Symptomkomplex, der etwa sechs bis zwölf Stunden nach dem Aufstieg in Höhen von über 2.500 Meter auftritt. Erste Anzeichen sind Pulserhöhung, Hypertonie und eine vertiefte Atmung. Zu den Leitsymptomen zählen Kopfschmerzen, die auch mit entsprechender Medikation nicht zu bändigen sind; zudem Übelkeit, Appetitlosigkeit, Schwindel, Reizbarkeit/Apathie sowie eine deutliche Abnahme der körperlichen Leistungsfähigkeit. Später können sich akut lebensbedrohliche Hirn- und Lungenödeme ausbilden.
Um gegen Höhenkrankheit halbwegs gewappnet zu sein, gehören seit wenigen Jahren Überdruck-säcke zum Basisgepäck großer Expeditionen. Allerdings haben diese teuren und sperrigen Apparaturen ein relativ hohes Eigengewicht und erlauben keinen Abtransport des so behandelten Patienten. Daher kann eine Behandlung nur stationär erfolgen.
An der Universität Innsbruck adaptierte nun ein findiges Team um Prof. Dr. Robert Koch von der Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie einen auf Intensivstationen bereits altbewährten Beatmungshelm (CPAP-Helm) für den mobilen alpinen Einsatz.
Der im Vergleich zu den Überdrucksäcken wesentlich leichtere TAR-Helm – TAR steht für Thin Air Rescue – ist mit einer hand- bzw. fußbetriebenen Luftpumpe ausgestattet. Derart wird Luft in den Helm gepumpt, wo sie sich verdichtet und die Atmung des Kranken unterstützt. Auf diese Idee kam der passionierte Bergsteiger Koch während einer Trekking-Tour auf dem Kilimanjaro, als seine Lebensgefährtin Zeichen einer Höhenkrankheit zeigte.

Helm macht Kranke mobil

Dank der einfachen Handhabung kann die hilfreiche Maske auch bei extremen Touren mitgenommen werden, erklärte Koch gegenüber der ÄRZTE WOCHE: „Die Beatmungshilfe ist nicht groß und passt daher leicht ins Gepäck.“
Ein bestechender Vorteil zeigt sich aber im Ernstfall. Denn dann schränkt der TAR-Helm die Mobilität des Patienten kaum ein, da nur Hals und Kopf bedeckt werden. So haben die Helfer freien Zugang zum Erkrankten und können ihn stützend begleiten. Koch: „Daneben geht jemand, der die Pumpe bedient. Folglich kann der Abtransport in tiefere Bergregionen sehr rasch in Angriff genommen werden, wo eine ärztliche Versorgung abseits der extremen alpinen Bedingungen natürlich viel effizienter ist.“
Um einen kontinuierlichen Fluss zu erhalten, der einen stabilen erhöhten Umgebungsluftdruck garantiert, muss alle sechs Sekunden einmal gepumpt werden. „Derzeit verwenden wir hierfür noch eine einfache Zwei-Liter-Doppelhubpumpe, die in jedem Sportgeschäft gekauft werden kann“, schmunzelte Koch.
Der erste Extremtest führte vor wenigen Wochen zwölf Bergsteiger, begleitet von einem medizinischen Team bestehend aus Dr. Koch, Dr. Lukas Hinterhuber, Dr. Hannes Gatterer und Dr. Martin Faulhaber auf den 7.134 Meter hohen Pik Lenin, der höchsten Erhebung des Pamir-Hauptkammes in Zentralasien.

Erster Aufstieg erfolgreich

Die Probanden wiesen unter den extremen Höhenbedingungen eine Minderung der Sauerstoffsättigung von unter 80 Prozent auf. Nach einer zwanzigminütigen Helmtherapie steigerte sich die Sättigung auch unter diesen Bedingungen signifikant, erzählte Koch: „Schnell hatte sich dann vor Ort herumgesprochen, was wir da machen, und prompt suchten uns höhenkranke Mitglieder anderer Expeditionen auf. Darunter ein deutscher Bergsteiger, dem bereits vergeblich Medikamente verabreicht wurden. Er hatte mittlerweile eine Sauerstoffsättigung zwischen 55 und 56 Prozent und ein bei Bergsteigern besonders gefürchtetes Höhenlungenödem. Mit dem TAR-Helm konnten wir die Sättigung binnen einer Stunde auf rund 75 Prozent anheben. Nachdem der Mann stabilisiert war, konnte er problemlos ins Basislager verlegt werden. Noch heute sind wir mit ihm in Kontakt und wissen daher, dass er die kritische Situation völlig beschwerdefrei bewältigte.“
Obwohl sich die österreichische Erfindung noch im Versuchsstadium befindet, liegen bereits Anfragen mehrerer Expeditionen vor. Um den TAR-Helm zur allgemeinen Nutzung freizugeben, suchen die Ärzte allerdings noch einen Hersteller, denn für eine allgemeine Nutzung sind die adaptierten CPAP-Helme noch zu plump und klobig.

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