zur Navigation zum Inhalt
 
Sportmedizin 12. September 2006

Leichte Schädeltraumata im Sport sind keine Bagatelle

Traumatologen, Sportmediziner und Neuropsychologen sind sich einig: Die Zahl leichter Schädel-Hirn-Traumata im Sport, kurz als mTBI (minor traumatic brain injury) bezeichnet, nimmt zu. Und die Wissenschaftler sind sich – schon lange – einig: Wiederholte Traumata führen zur Kumulation von Hirnverletzungen und zu mitunter schwer wiegenden Langzeitschäden.

Jeder fünfte professionelle Boxer bekommt infolge der Schläge auf den Schädel vor dem 30. Lebensjahr ähnliche kognitive Störungen wie Demenz-Kranke, schreiben Dr. Nicola Biasca und seine Kollegenaus von dem Schweizerischen Ober­engadin-Spital in der Zeitschrift Der Unfallchirurg (2006; 109: 101). 90 Prozent der professionellen Boxer litten an Gedächtnisstörungen, 17 Prozent entwickelten motorische Störungen, ähnlich der beim Morbus Parkinson. Auch bei Fußballern muss auf Kopfverletzungen geachtet werden. Pro Saison absolviert ein Profi-Fußballer 800 bis 1.000 Kopfbälle. Durchschnittlich zwei von elf Profi-Spielern sollen pro Saison ein Knock-out erleiden. Und bis zum Karriere-Ende soll jeder zweite Kicker mindestens ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma (SHT) durchgemacht haben. Gedächtnisstörungen können die Folge sein, besonders räumliche werden häufig diagnostiziert, aber auch dauerhafte Hirnschäden. In einigen Ländern habe man auf solche Untersuchungsergebnisse längst reagiert, betont Biasca. So ist in den Niederlanden Boxen für Jugendliche unter 16 Jahren verboten. In Skandinavien gilt seit den 1980er Jahren ein generelles Verbot des Boxsports. Und in der US-Eishockey-Liga sind neuropsychologische Tests vor und während der Saison seit 1997 obligat. Außer der Prävention von Hirnverletzungen mit verschärften Regelwerken und verbesserten Schutzausrüstungen ist das frühzeitige Erkennen eines leichten SHT durch Trainer und Teamärzte wichtig.

Frühes Erkennen wichtig

Dazu haben die Experten unter dem Dach des Internationalen Olympischen Komitees, des Weltfußballverbands FIFA sowie des Internationalen Eishockey-Verbands IIHF einen standardisierten Frage- und Evaluationsbogen erarbeitet. Dieser Fragebogen kann aus dem Internet heruntergeladen werden (www.olympic.org, Stichwort: SCAT). Verwirrtheit, Übelkeit oder Doppelbildersehen weisen auf ein Schädel-Hirn-Trauma hin (siehe Kasten). Diese Symptome treten manchmal erst Stunden oder Tage nach dem Unfall auf. Ursache der Symptome seien lokal begrenzte Veränderungen im Zytoskelett der Axone sowie Schädigungen des axoplasmatischen Transports, berichtet die Schweizer Forschergruppe. Das führe zu fortschreitender axonaler Schwellung und gegebenenfalls auch nach Tagen noch zum Zelltod. Das bedeutet aber auch, dass leichte SHT bleibende strukturelle Veränderungen zur Folge haben können. Störungen der Ionenhomöostase, metabolische Veränderungen sowie der beeinträchtigte zerebrale Blutfluss halten die Gehirnzellen „für unbestimmte Zeit in einem vulnerablen Zustand“, so die Kollegen. Erneute Traumata in dieser Phase bergen das Risiko von Hirnödemen, subduralen Hämatomen sowie von irreparablen Folgeschäden bis hin zum Tod. „Aufgrund dieser Erkenntnisse sollte ein Spieler unabhängig von einer bestehenden Amnesie für mindestens 72 Stunden [nach dem Unfall – Anm. der Red.] Sportverbot erteilt bekommen“, so die Empfehlung der Expertengruppe. Nach der dreitägigen Ruhephase wird die Sportaktivität nach einem mehrstufigen Schema gesteigert, beginnend mit leichten Übungen. Nur wenn in der jeweiligen Stufe keine Symptome auftreten, dürfe die nächste Belastungsstufe erklommen werden. Treten Symptome auf, wird zum vorherigen Schritt zurückgekehrt und erst nach Ablauf von 24 Stunden erneut eine Steigerung versucht.

Einfachere Diagnose

Um die Diagnostik von Hirnschäden zu erleichtern, werden neurobiochemische Marker immer wichtiger. Das sind Proteine, die nur von Astrogliazellen oder von Neuronen synthetisiert werden, etwa S-100beta. Tritt dieses Eiweiß im peripheren Blut auf, kann das ein Hinweis auf eine Hirnschädigung sein. Der Spiegel solcher Proteine im peripheren Blut soll künftig die Entscheidung erleichtern, ob zum Beispiel eine Schädel-CT notwendig ist.

 detail

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben