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Sportmedizin 20. Juli 2006

„Fußball ist eine Krankheit, kein Sport“

Die interdisziplinären Anforderungen an die Sportärzte sind breit angelegt. Dabei beschäftigen sich die Mediziner nicht nur mit kurativen Tätigkeiten, sondern befinden sich auch in einem Spannungsfeld zwischen Prophylaxe und Leistungssteigerung.

Geschichten rund um die sportlichen Großereignisse, wie die Tour de France und Wimbledon, füllen zum richtigen Zeitpunkt das mediale Sommerloch. Doch vor allem die zu Ende gegangene Fußball-Weltmeisterschaft rückte neben strammen Oberschenkeln dramatische Geschehnisse in die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Beim Anblick der hochtrainierten Muskelmassen ist kaum zu glauben, dass die davongetragenen massiven Blessuren aufgrund des dicht gedrängten Kalenders auch tatsächlich regenerieren. Entsprechend hoch sind die Ansprüche an die moderne Sportmedizin. Dabei muss der Arzt auf die Wahl seiner Therapeutika achten, denn die Vorgaben der Dopingjäger sind – zu Recht – unerbittlich. Fußball ist der weltweit beliebteste Sport. Laut Weltfußballverband FIFA schwingen mittlerweile zwischen 240 und 250 Millionen Menschen regelmäßig das Schussbein. Während mesoamerikanische Hochkulturen dem Ball rituell nachjagten und die Verlierer zur Ehre der Götter den Tod fanden, geht es heute nur mehr um die (nationale) Ehre und um viel Geld. Freilich kommt auch der moderne Fußball nicht ohne gesundheitliche Opfer aus. Aufgrund des rasanteren Tempos und der Intensität der Zweikämpfe erhöhen sich körperliche Verschleißerscheinungen und direkt proportional das Verletzungsrisiko. Gesteigert wird die Belastung bei den professionellen Balltretern infolge des dichten (und somit profitableren) Spielplanes. Die permanente Überlastung überschreite vor allem die Toleranzgrenze des Knorpelgewebes, mahnte einer der renommiertesten Spezialisten auf dem Gebiet der Arthroskopie, Dr. Ejnar Eriksson vom Stockholmer Karolinska Institut. Deshalb forderte Eriksson bereits vor Jahren neue Messmethoden für die individuelle Sauerstoffaufnahmekapazität. Nur so könne gewährleistet werden, so der Experte, dass nicht jedes Training dem angegriffenen Knorpel Schaden zufügt. Ähnliche Probleme gibt es außerdem auf der muskulären Ebene. Auch hier fehlt ein Test, der den Athleten rechtzeitig signalisiert, dass ihre Muskeln optimal ausgebildet sind und jedes weitere übertrieben intensive Training Nachteile mit sich bringen würde.

Leistungssteigerung vorrangig

Stattdessen wenden sich viele Sportphysiologen und -ärzte eher leistungssteigernden Methoden zu, die letztlich in die Dopingfalle führen. Eine diskussionswürdige Richtung wird desgleichen in der Entwicklung der Ausstattung und Materialen eingeschlagen. Diese machen die Athleten zwar schneller und wendiger, erheben jedoch kaum den Anspruch, Verletzungen zu verhindern. Doch die Nachfrage reguliert auch diesen Markt und die Sportler legen derzeit mehr Wert auf eine Steigerung der Leistung als der Sicherheit. So würde beispielsweise ein Wechsel vom modernen Fußballschuhwerk auf alte Stollenschuhe die Inzidenz von Verletzungen des vorderen Kreuzbands verringern.

Gurkerl wichtiger als Gesundheit

Dr. Karl-Heinz Kristen, Facharzt für Sportorthopädie und Mitglied des GOTS-Vorstandes (Gesellschaft für orthopädisch-traumatologische Sportmedizin) aus Wien, bestätigt die verstärkte Beanspruchung der Sprunggelenke in den letzten Jahren. Zwar versprechen die neuen Schuhe eine verbesserte Ballkontrolle sowie Beweglichkeit und bieten somit erhöhte Chancen auf ein „Gurkerl“ oder „Ferserl“, jedoch geht dieser Qualitätssprung auf Kosten von Gelenken, Bändern und Muskeln. Daher treten neben den typischen Kickerverletzungen („soccers ankle“ und „turf toe“/Rasenzehe) neuerdings vermehrt Verletzungen im Mittelfußbereich auf. Das Sprunggelenk bleibt das am meisten geschundene Gelenk. Die Ähnlichkeit von arthroskopischen Befunden langjähriger Kicker ließ den Begriff des „Fußballergelenks“ (soccers ankle) entstehen. Die Verletzung umfasst radiologische Veränderungen am Talus sowie an der Tibiavorderkante. Arthroskopisch wird es durch eine tamponierende Synovitis der vorderen Kammer, chondrale Läsionen bzw. Osteophyten an der Tibia und Traktionsosteo­phyten an der Tibiavorderkante charakterisiert. Letztere können stabil oder im Sinn einer straffen Pseudarthrose instabil sein. Bei der Entstehung chronischer Beschwerden im oberen Sprunggelenk spielen neben Akuttraumen wiederholende Mikrotraumen eine entscheidende Rolle. Am Talus kommt es zu vermehrten Knorpelschäden und Schliffspuren sowie korrespondierenden Osteophyten. Folgenreiche Traumata betreffen am zeithäufigsten das Kniegelenk – insbesondere bei Kontakten mit Gegenspielern gegen Ende der Spielzeithälften. Distorsionstraumen entstehen in der Regel aus einer Fixierung des Fußes (z.B. Festfressen der Stollen im Rasen) bei gleichzeitiger Körperrotation.

Das Glaskinn des Fußballers

Dr. Klaus Dann, Facharzt für Unfallchirurgie aus Wien und ebenso langjähriges GOTS-Vorstandsmitglied, verwies auf das vordere Kreuzbandes (VKB) als besondere Schwachstelle: „Verletzungen des VKB müssen chirurgisch versorgt werden, falls eine völlige Genesung wiedergestellt werden soll.“ Hierbei wird das lädierte Kreuzband mithilfe einer körpereigenen Sehne rekonstruiert. Aufgrund der langen Verletzungspause sind diese Traumata bei den aktiven Sportlern höchst gefürchtet. Als Begleitverletzungen treten Meniskus-, Seitenband- und Knorpelschäden auf und verschlechtern die Prognose. Die Kniegelenksdistorsion kann eine Abscherung von Knorpel an den Femurkondylen bedingen. Seltener kommt es zu Läsionen am Tibiaplateau. Bei Patellaluxationen können zudem Knorpelschäden an der lateralen Kondyle bzw. an der medialen Patellafacette auftreten. Experten bescheinigen frischen Knorpel-Fragmenten infolge von Traumen im Vergleich zu atraumatischen Läsionen eine hohe Vitalität und empfehlen daher bei hinreichender Größe eine Refixierung. Durch Ellbogenkontakt entstandene Kopfverletzungen sind laut Dann eine Ernst zu nehmende Gefahr, da „binnen Sekunden für den Sportler eine lebensbedrohliche Situation entstehen kann, die weder den Trainern, dem Schiedsrichter noch den Fans bewusst wird. Zu diesen gefährlichen Aktionen gehören die immer häufiger ausgeführten Kopfstöße.“ Welche Rolle allerdings Kopfstöße gegen das Brustbein spielen, bleibt abzuwarten. Diese könnten demnächst als Zinedine-Manöver in den Fußballerhabitus einfließen. Weniger gefährlich, dafür schmerzhafter sind Muskelverletzungen, die sich infolge von Traumen als Kontusionen und Überdehnungen äußern. Kontusionen entstehen in der Regel aus einem Zusammenstoß. Glimpflich kommt dabei eher ein kontrahierter und gut trainierter Muskel davon. Schwere Kontusionen können infolge von Blutungen ein Kompartmentsyndrom nach sich ziehen, was einen sofortigen operativen Eingriff verlangt. Zur Überdehnung neigen insbesondere Muskeln, die zwei Gelenke überbrücken (z. B. M. biceps femoris). Dabei absorbiert ein fiter Muskel mehr Energie, wodurch das Verletzungsrisiko minimiert wird. Andernfalls drohen schwere Verletzungen, wie etwa eine Komplettruptur. Überhaupt bestimmt die Fitness des Spielers das Verletzungsrisiko. Kritische Augenblicke sind vor allem klassische Zweikampfsituationen.

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