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Sportmedizin 6. März 2006

Unsere Gelenke stehen unter Dauerstress

Die körperlichen Beschwerden des Menschen sind maßgeblich durch einen belastenden, ungesunden Lebensstil bedingt, der ihn allmählich von der evolutionär kurz gespielten Rolle des homo sapiens sapiens zum homo sapiens sedens transformierte. Der zentrale Achsenstab sowie die großen Gelenke sind dabei besonderen Belastungen ausgesetzt und dementsprechend gefährdet. Die damit oft verbundene Osteoarthrose gehört zu den häufigsten Erkrankungen.

Die therapeutische Palette im Kampf gegen Osteoarthrose (OA) wurde in den letzten Jahren maßgeblich um die Glycosaminoglykane (GAGS) Glucosaminsulfat und Chondroitinsulfat erweitert. Diese in vivo von Chondrozyten in den Extrazellulärraum sezernierten GAGS gehören, industriell gefertigt, als orale Substitution mittlerweile zu den „top-sellers im OTC-Bereich“ (J Marra; Nutraceuticals World, 2002). Seit der placebokontrollierten Drei-Jahres-Langzeitstudie (Reginster et al; Lancet, 2001) über die chondroprotektive und schmerzreduzierende Rolle von Glucosaminsulfat bei Knie-OA-Patienten ist sogar vom „Morgengrauen einer neuen Ära“ (Mc Alindon, Lancet, 2001) die Rede. Glucosaminsulfat wird rasch im Gastrointestinaltrakt resorbiert (Deal et al; Rheum Dis Clin North Am, 1999), von Plasmaproteinen inkorporiert und kann, radioaktiv markiert, selektiv im Gelenksknorpel nachgewiesen werden (Setnikar et al, Arzneimittelforschung,1986). In-vitro-Studien an Zellkulturen zeigen eine vermehrte Proteogly­kansynthese von Knorpelzellen nach exogener Glucosaminsulfatexposition, parallel dazu wird die Metalloproteasenaktivität von MMP-1 und MMP-13 (Kollagenasen) auf der Ebene der mRNA signifikant reduziert („stucture modifying drug“). Diese Reduktion der Kollagenaseaktivität erfolgt an allen proteolytisch aktivierten Knorpelzellkulturen, welche einer Glucosaminsulfatkonzentration von 3 bis 50 mmol ausgesetzt sind (Byron et al, AJVR, 2003). Solche Konzentrationen werden allerdings durch keine therapeutisch mögliche orale Applikationsform erreicht. Es muss also davon ausgegangen werden, dass wesentlich geringere Wirkstoffkonzentrationen schon chondroprotektiv vor der irreversiblen extrazellulären Matrixzerstörung am gesunden Knorpel schützen (Byron et al, AJVR, 2003). Glucosaminsulfat ist sehr gut verträglich, zeigt keine Veränderung des HbA1C und erscheint nicht als Allergieauslöser in Frage zu kommen. Manche der am Markt befindlichen OTC-Produkte bestehen jedoch aus Glucosaminhydrochlorid und zugesetztem Sulfat und sind gemäß der rezenten Literatur nicht entzündungshemmend, analgetisch oder knorpelprotektiv.

Wasserretention des Knorpels vermindert

Das Schicksal von oral dargereichtem Chondroitinsulfat, einem weiteren wichtigen Strukturpolysaccharid des Extrazellulärraumes, ist weniger gut aufgeklärt. Junge Knorpelzellen synthetisieren hauptsächlich in 4-Position sulfatiertes Chondroitinsulfat, während der Alterungsprozess bzw. degenerative Veränderungen eine Verlagerung zu 6-Sulfat bzw 4-6-Disulfat mit sich bringt und damit die Wasserretention des Knorpels vermindert. Oral zugeführtes Chondroitinsulfat mit einem relativ geringen Molekulargewicht von rund 15kDa wird vermutlich über Pinozytose aufgenommen, ist im Blut nachweisbar und wird im Gewebe akkumuliert. Chondroitinsulfat stimuliert die RNA-Synthese der Chon­drozyten, was mit einer gesteigerten Proteoglykan- und Kollagensynthese korreliert, gleichzeitig blockiert es Il-1, den NO-Zutritt sowie dessen De-novo-Synthese. Placebokontrollierte Studien über die Effektivität von Chondroitinsulfat an Patienten mit Knie-OA belegen eine reduzierte Minderung des Gelenksspaltes in der Verumgruppe innerhalb eines Jahres (Uebelhart et al, Osteoarthritis cartilage, 1998), ähnliche Resultate zeigt auch eine 3-Jahres-Studie an Patienten mit OA am Handgelenk. Im Vergleich zu Diclofenac zeigt Chondroitinsulfat eine anfangs langsamere schmerzlindernde Wirkung nach dem Lequesne Index, die sich aber im Laufe von Monaten eindeutig zu Gunsten des biologischen Knorpelinhaltsstoffes verschiebt und auch nach Beendigung der Darreichung anhält. Kombinationen von Glucosaminsulfat und Chondroitinsulfat erscheinen sinnvoll, da zumindest unter In-vitro-Bedingungen an Tierknorpelzellkulturen eine stärkere knorpelschützende Wirkung als bei Einsatz der jeweiligen Monosubstanzen beschrieben wird (Lippiello et al; Osteoarthritis Cartilage; 2003). Nach dem heutigen Stand des Wissens ist der Einsatz der Knorpelschutzstoffe Glucosamin- und Chondroitinsulfat zum Knorpelerhalt zu rechtfertigen, wenngleich noch viel Information über den biologischen In-vivo-Effekt ausständig ist.

Ass. Dr. Hannes Traxler,
Institut für Anatomie der Medizinischen Universität Wien
Währingerstraße 13, A-1090 Wien

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