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Sportmedizin 18. Jänner 2006

Wie attraktiv ist die Sportmedizin?

In Österreich gibt es kein einheitliches Schema für sportmedizinische Untersuchungen, keine einheitliche Honorierung, außerdem sehr unterschiedliche Zuflüsse öffentlicher Gelder in Honorierungstöpfe. Der Allgemeinmediziner und Sportarzt Dr. Rudolf Rüscher stellt daher Fragen zum Selbstverständnis einer Berufsgruppe als Grundlage weiterer Diskussionen.

Die logistischen Strukturen sportmedizinischer Untersuchungen sind sehr unterschiedlich und reichen vom Angebot in Fitness-Studios über Sportarztpraxen bis zu sportmedizinischen Instituten auf Universitätsebene. Ebenso variieren die Inhalte sehr stark. Vor allem fehlen einheitliche Qualitätsstandards. Jedes Bundesland hat seine eigenen Lösungen und eigenen sportmedizinischen Programme. Als Beispiel die Situation in Vorarlberg: Etwa 50 Kollegen haben das Sportarztdiplom, zirka zehn Kollegen arbeiten in ihrer Praxis sportärztlich, das heißt, sie betreuen Sportler, bieten sportmedizinische Untersuchungen sowie Leistungs-Tests in Form von Stufentests mit dem Ergometer oder Laufband an. Diese Kollegen führen jährlich weniger als 300 Untersuchungen durch. Auf der anderen Seite bestehen zwei Institute, die etwa 1.200 leistungsdiagnostische Untersuchungen pro Jahr durchführen. Der Tarif eines Institutes ist von der öffentlichen Hand sehr stark gestützt. Daraus entwickelt sich ein Wettbewerbsnachteil, der nicht beherrschbar ist. Es kann davon ausgegangen werden, dass diese Situation in anderen Bundesländern ähnlich ist. Aus dieser Situation ergeben sich für mich mehrere Diskussionsansätze: Wieso arbeiten nur 20 Prozent der ausgebildeten Kollegen sportärztlich? Wie attraktiv oder unattraktiv ist die sportärztliche Arbeit in der Praxis? Wie kann das Problem der Konkurrenzierung von Instituten und niedergelassenen Sportärzten gelöst werden?

„Sportmedizin ist nicht nur Spiroergometrie!“

Die „Sportmedizin“ wird häufig gleichgesetzt mit dem Erfassen von Leistungs-, Labor- und Trainingsdaten sowie den entsprechenden Empfehlungen für den Sportler. Das Messen dieser Daten steht im Vordergrund. Der Sportler und auch die Trainer wünschen „eine Spiroergometrie“. Sportmedizinische Programme umfassen jedoch auch komplexere klinische Untersuchungsmöglichkeiten mit Potenzial der Aufdeckung beispielsweise orthopädischer Probleme, muskulärer Ungleichgewichte sowie dem Erkennen von Überlastungssyndromen. Voraussetzung wäre, dass die klinische Begutachtung des Patienten auch durchgeführt wird. Wie sich jedoch zeigt, wird der klinischen Untersuchung, sowohl seitens der Sportler als auch der Sportärzte, ein zu geringer Stellenwert beigemessen. Fragen, die sich Sportmediziner in diesem Zusammenhang also stellen sollten: Ist die praktische sportmedizinische Untersuchung zu technisch ausgerichtet? Erfüllen solche Untersuchungen auch die Bedürfnisse der Sportler und Trainer? Gibt es seitens der sportmedizinischen Gesellschaften Qualitätskriterien für die Untersuchungen?

Neuorientierung im niedergelassenen Bereich

Sind die Sportärzte, Sportler und Trainer zufrieden mit den angebotenen Untersuchungs- und Beratungsstrukturen? Oder könnten auch neue Aufgabengebiete gefunden werden? Die Sportmedizin profiliert sich durch den Spitzensport bzw. durch die wissenschaftliche Arbeit mit Spitzensportlern. Die Qualität der sportärztlichen Arbeit wird am Ergebnis der Sportler interpretiert. Wir alle kennen auch die „Zivilisationskrankheiten“, mit denen die Bevölkerung und die moderne Medizin kämpfen, und es gibt hervorragende wissenschaftliche Daten über die positive Beeinflussung sämtlicher Wohlstandskrankheiten durch regelmäßige Bewegung. In die sportmedizinische Diskussion sollten auch folgende Fragen einfließen: Nützen wir Sportärzte das vorhandene Wissen für die Gesundheit der Bevölkerung, der Sportler und kann oder soll Sportmedizin auch Vorsorgemedizin sein? Das Ergebnis dieser Diskussionen könnte die Grundlage für die eingangs erwähnten Ausblicke in der Sportmedizin sein – auf jeden Fall ein spannender Ausblick, wenn wir Sportärzte die gebotenen Chancen nützen und sportmedizinisch mit Sportlern und Patienten arbeiten.

Dr. Rüscher Rudolf, Ärzte Woche 11/2001

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