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Sportmedizin 4. April 2006

Rehabilitation nach Knie-Operationen

Die auf das Kniegelenk einwirkenden hohen Belastungen bedingen einerseits eine hohe Verletzungsanfälligkeit und stellen andererseits hohe Ansprüche an eine gewissenhafte Nachbehandlung. um dem Patienten eine möglichst sichere Rückkehr zur vollen Belastbarkeit in Alltag und Sport zu ermöglichen.

Der hohe Stellenwert einer frühfunktionellen Nachbehandlung für ein optimales Behandlungsergebnis ist unbestritten. Man versteht darunter frühzeitige Bewegung, rasches Erreichen der Vollbelastung und praxisorientierte alltagsnahe Bewegungsübungen unter Einbeziehung der gesamten Bewegungskette. Unter Berücksichtigung der Belastbarkeit der traumatisierten oder operierten Strukturen werden das neuromuskuläre System, die neurophysiologischen Regelsysteme (Sensomotorisches System) und das Herz-Kreislaufsystem in den Trainingsplan miteinbezogen.
Das Behandlungsziel in der ersten Phase der Nachbehandlung ist die vollständige schmerzfreie Belastbarkeit des Patienten für die Aktivitäten des täglichen Lebens. Vorrangig in der frühen postoperativen Phase ist das Erreichen der vollen Streckfähigkeit des Kniegelenks. Das wird durch Lagerung, muskuläre Facilitation der Kniestrecker und möglichst rasches Wiedererlernen eines vollbelastenden Gangbildes erreicht. Isometrische Anspannungsübungen in verschiedenen Kniewinkelstellungen und Muskelkräftigungübungen in geschlossenen Bewegungsketten erleichtern den muskulären Wiederaufbau.

Unterwasserbehandlung und Training am Standfahrrad

Frühzeitig kann mit Unterwassergymnastik und Training am Standfahrrad zur Verbesserung der Ausdauerleistung begonnen werden. Über den gesamten Nachbehandlungsverlauf hinweg stellen Koordinationsübungen zum Wiedererlangen einer physiologischen Sensomotorik ein wesentliches Element der Übungspalette dar. Sobald das Knie ergussfrei und voll beweglich ist, was zumindest nach drei Monaten erreicht sein sollte, kann mit intensiverem Muskelaufbautraining im Rahmen einer medizinischen Trainingstherapie begonnen werden.
Unter Medizinischer Trainingstherapie (MTT) versteht man indikationsbezogene therapeutische Maßnahmen zur Verbesserung der motorischen Grundeigenschaften Kraft, Ausdauer, Flexibilität, Koordination und Schnelligkeit. Es handelt sich um ein gezieltes Training bei medizinischer Indikation zur Wiederherstellung von Leistungen des Bewegungs- und Nervensystems einschließlich der dabei beteiligten Funktionen von Kreislauf, Atmung und Stoffwechsel. Nach Evaluierung der Ausgangssituation durch funktionelle und apparativ unterstützte Tests wird die Trainingstherapie-Planung erstellt.
Diese besteht aus der Auswahl der Belastungsart (Übung/Gerät), der Methode (Maximalkrafttraining, Kraftausdauertraining, isokinetisches Training) sowie der Festlegung von Intensität (Widerstand), Dauer und/oder Frequenz (Wiederholungszahl) und Trainingshäufigkeit pro Woche und Muskelgruppe. Das Training sollte unter ärztlicher Aufsicht und anfangs auch unter therapeutischer Kontrolle durchgeführt werden, um falsche Bewegungsmuster und Pressatmung zu verhindern. Durch Steuerung über die Übungswiederholungszahl ist eine systematische Anpassung der Belastung an den jeweiligen Trainingszustand möglich.
Parallel dazu soll die gestörte Sensomotorik des Patienten durch ein Koordinationstraining verbessert werden, das gegen Ende der Rehabilitation beim Sportler bis zu komplexen Koordinationsübungen unter Ermüdungsbedingungen reicht. Sobald die Kraftwerte des verletzten Beins zumindest 70 Prozent der Kraftwerte der gesunden Seite erreicht haben, ist Laufen in der Ebene und auf leichten Steigungen erlaubt. Parallel zum Koordinationstraining (instabile Unterlagen, rückkoppelbare Programmabläufe) erlernt der Patient wieder eine gute funktionelle Kniestabilisierung bei Seitwärtsbewegungen, Rückwärtsbewegungen und komplexen Bewegungsabläufen mit Knierotation.
Übungen nichtrückkoppelbarer Programmabläufe (Sprünge mit kurzen Bodenkontaktzeiten, schnelle Bewegungsabläufe) und wettkampfspezifischer Standardsituationen in Zusammenarbeit mit dem Trainer stehen am Übergang zum sportartspezifischen Rehabilitationstraining. Kann der Patient alle Wettkampfinhalte mit vollem Tempo, schmerzfrei, ohne Reizerguss und ohne giving way-Symptomatik im Training bewältigen, ist auch die Freigabe für kniebelastende Sportarten (Ballsport, Racketsport) und Wettkampfsport möglich, sofern die Kraftwerte des verletzten Beins 80 Prozent der Werte der gesunden Seite erreicht haben. Die Werte funktioneller Sprungtests korrelieren gut mit den Ergebnissen dynamometrischer Messungen und sollten ebenfalls mindestens 80 Prozent der Werte des gesunden Beins erreichen.

OA Dr. Walter Bily, Ärzte Woche 1/2004

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