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© Rauchensteiner / picture alliance
 
Sportmedizin 5. Juli 2016

Einer führt, die anderen folgen

Ein Männer-Fußballteam entspricht der Idealgröße einer steinzeitlichen Jagdgruppe.

Der Mensch ging in seiner Stammesgeschichte von etwa 8 Mio. Jahren durch eine Reihe von revolutionären Entwicklungsschritten. Führung war dabei immer sehr wichtig. Die Menschen waren – und sind – nie führungslos. Erst relativ spät, in der industriellen Revolution, trat das Prinzip der „Heiligen Ordnung“ (griechisch Hierarchie) in Erscheinung. Das Fehlen von Hierarchie in einer Mannschaft wird vor allem im männerdominierten Fußballsport als Mangel empfunden.

Ex-England-Legionär Paul Scharner verwendete das F-Wort als erster nach dem Ausscheiden der Österreicher: Alaba sei für ihn kein Führungsspieler. Gerade weil sich Scharner mit klaren Worten schon während seiner aktiven Zeit nicht nur Freunde gemacht und damit seiner Karriere mitunter geschadet hat, haben seine Worte Gewicht. Doch ist die Klage über fehlende Anführer in Rot-weiß-Rot nicht neu. Sie erklang schon zu Scharners Teamzeiten. Damals war nicht Alaba Ziel von Kritik, sondern – er selbst. Scharner sei kein Leadertyp, beschied 2009 der heutige FC Köln-Trainer Peter Stöger. Kicken können alle genannten Herrschaften ganz hervorragend, aber offenbar besteht in einem Männersport der starke Wunsch nach einer Hierarchie. Ein nostalgischer Gedanke. Denn laut dem Philosophen und Springer-Autor Dr. Gerhard Schwarz hat das Prinzip der „Heiligen Ordnung“ (griechisch: Hierarchie) seinen Höhepunkt überschritten.

Bei einem Fußballspiel stehen pro Team elf Männer auf dem Platz, plus einem Trainer an der Outlinie, der seine Anweisungen gibt. Diese Verbandsgröße verweist auf einen archaischen Zusammenschluss, die steinzeitliche Jagdgruppe. Nach Schwarz bestand diese im Idealfall aus zwölf Personen, die intensiv miteinander kommunizierten. Schließlich musste sich die Gruppe gegen Außenfeinde zur Wehr setzen. Dies waren nicht nur Nahrungskonkurrenten wie andere Gruppierungen (z. B. in Europa der Neandertaler), sondern auch Raubtiere.

Schwarz weiter: „Es entwickelte sich in diesen Jagdgruppen ein ganz wesentliches Muster: die emotionale Vereinheitlichung einer Männergruppe. Dieses Phänomen des emotionalen Zusammenschlusses von Männern können wir heute noch vielfach beobachten: „Einer für alle – alle für Einen“ lautet ihr Slogan. Die Zwölf finden sich in verschiedenen gesellschaftlichen Strukturen: bei den zwölf Aposteln, den zwölf Geschworenen, bei Montagegruppen, bei Vorständen, Geschäftsleitungen von Organisationen, bei Aufsichtsräten und nicht zuletzt bei der Fußball-Elf, die übrigens eine klassische Reproduktion einer Jagdsituation darstellt. Ich vermute, dass diese Zahl aus der Optimierung einer Jagdsituation entstand. Die Jagdgruppe musste intensiv und rasch kooperieren. War sie kleiner als Zwölf, war sie nicht groß genug, um Tiere einzukreisen, zu stellen und schließlich die Jagdbeute abzuschleppen. War sie größer als zwölf, gab es Kommunikationsschwierigkeiten in der arbeitsteiligen Gruppe.“

Hoher Anpassungsdruck

Möglich gemacht hat dieses Verhalten die Domestizierung des Feuers. Schwarz sagt: „Eine der wichtigsten Neuerungen der Feuerrevolution war die Entwicklung einer kollektiven Aggressivität – besonders in der Männergruppe. Als Primaten sind wir Flüchter. Mithilfe des Feuers aber war es möglich, aus dem Gejagten einen Jäger zu machen. Vermutlich vertrieben unsere Vorfahren eben mit Hilfe des Feuers Raubtiere von ihrer Beute. Erst sehr viel später waren sie in der Lage, selber zu jagen. Dazu musste eine hohe Aggressivität innerhalb der Gruppe gegen ,Feinde‘ entwickelt werden. Diese Aggressivität stellt sich bis heute besonders in Männergruppen kollektiv ein. Als Individuen sind wir immer noch die Feiglinge, die wir immer schon waren. Aber in der Männergang fühlen sich Männer stark. Dies wird bis heute in Jugendgruppen und auch Erwachsenengangs immer wieder trainiert. Der starke Zusammenhalt in Männergruppen kann stammesgeschichtlich durch die Jagdnotwendigkeit begründet werden. Die emotionale Partizipation war zwar für die Koordination der Jagd gut, bedingte aber gleichzeitig einen großen Konformitätsdruck. Personen oder Mitglieder von Gruppen, die in der sensiblen Koordination einer Jagdsituation nicht entsprechend mittaten, waren für die Gruppe sehr gefährlich. Hier entstand wahrscheinlich die Tendenz, solche Personen als Außenseiter auszuschließen und/oder zu töten.“

Führung von männlichen Gruppen habe darin bestanden – und bestehe gelegentlich bis heute darin –, die Einheit einer Gruppe herzustellen. Diese Einheit werde durch die Alpha-Position repräsentiert. Ein Angriff auf die Alpha-Position sei gleichzeitig ein Angriff auf die Einheit der Gruppe. Diese Einheit sei sozusagen heilig. Man findet diese Denkweise fast nur bei Männern. Frauen entwickeln dieses Muster nicht. Sie sind individualistisch geprägt.

Der Schritt zu Viehzucht und später zu Ackerbau brachte eine neue Schwierigkeit: Die sesshaft gewordenen Menschen mussten nun ihr Hab und Gut verteidigen. Die Lösung des Problems war die Entwicklung einer gemeinsamen Verteidigung vieler solcher Ansiedlungen. Der Preis dafür war eine völlig neue Führungsstruktur. Nun wurden Entscheidungen von einem „Chef“ getroffen, der alle Informationen zu Verfügung haben musste. Der Preis für das Überleben war die Einteilung der Menschen in Herren und Sklaven. Dieses System wurde von Hammurabi „Umladasch“ genannt, was zu Deutsch „heilige Ordnung“, auf Griechisch „Hierarchie“ heißt. „Hieros“ heißt „Heilig“ und das Wort „arché“ kann man mit „Ordnung“ übersetzen. Es heißt aber auch Prinzip, Anfang und Herrschaft.

Die 4 Grundprinzipien waren:

• Nur der im Zentrum entscheidet.

• Nur der im Zentrum weiß alles.

• Der Übergeordnete (ausgeschlossener Dritter) entscheidet im Konfliktfall.

• Die Unteren sind abhängig von den Oberen.

Das weibliche Führungsverhalten lässt sich mit dem englischen Ausruf „Go ahead!“ gut beschreiben. Dieses Verhalten ist mütterlich geprägt und von der Notwendigkeit geleitet, etwas wachsen und entstehen zu lassen. Die Väter kamen in der Stammesgeschichte als Erziehende wesentlich später zum Zug. Die jungen Männer wurden durch ihre Initiation in die Welt der Erwachsenen eingeführt und durften sich den Männergruppen anschließen. Das männliche Führungsverhalten heißt: „Follow me“.

Martin Burger, Ärzte Woche 27/2016

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