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© Simon Stacpoole / picture alliance
Zlatko Junuzovic: Auszeit zur Unzeit.
 
Sportmedizin 20. Juni 2016

Eine unglückliche Wendung

Profi-Sportler wie der rekonvaleszente EM-Kicker Zlatko Junuzovic planen unmittelbar nach schweren Verletzungen ihr Comeback.

Zlatko Junuzovic steht zu Unrecht meist im Schatten seiner offensiven Teamkollegen, sein Ausfall ist kaum zu kompensieren. Noch bitterer für den Dauerläufer ist der Weg zurück.

Es war keine Szene für zartbesaitete Gemüter. Als sich der Fuß von ÖFB-Kicker Zlatko Junuzovic nach einem Zusammenstoß verbog unnatürlich, war allen Beteiligten und Zuschauern klar: da ist was kaputt gegangen. Und dem war auch so. Teilabbriss des vorderen Außenbandes im rechten Knöchel. Wohlgemerkt: Die Verletzung passierte in der Anfangsphase der ersten Euro-Partie, Junuzovic hielt bis zur 59. Minute gegen die Ungarn durch. Im ÖFB-Lager gab man sich optimistisch: „Mit ein wenig Glück bekommen wir ihn für ein mögliches Achtelfinale fit, im Idealfall ein bisschen früher“, zitierte der ORF Teamarzt Richard Eggenhofer.

Die Rückkehr zum Sport nach nach einer Verletzung des lateralen Kapselbandapparats ist jedenfalls nicht einfach, sondern ein multifaktorieller Prozess, schreiben der Sportorthopäde Dr. Raymond Best und Kollegen im Journal „Arthroskopie“ (29/2016, DOI 10.1007/s00142-015-0057-7). Neben der Berücksichtigung der biologischen Weichteilheilung bzw. rein struktureller Gegebenheiten sei das schrittweise Erarbeiten propriozeptiver und koordinativer Fähigkeiten zur Wiedereingliederung sportlicher Belastbarkeit unerlässlich.

Zwischenzeitlich und abschließend durchgeführte funktionelle Tests sollen die Entscheidung einer Wiederaufnahme wettkampforientierten Sports vereinfachen, wobei eine richtungsweisende Datenlage rar sei. Prinzipiell sollte einer Wiedereingliederung in den Sport nach Sprunggelenksdistorsion in mehreren Stufen von der Wiederaufnahme körperlicher Aktivität („return to activity“) bis hin zu wettkampforientiertem Sport mit Gegnerkontakt („return to competition“) erfolgen. Die Phasen biologischer Weichteilheilung respektierend, können erste statische Stabilisationstests dabei ab dem 7. bis 10. Tag erfolgen, erste dynamische Funktionstests sollten indes erst ab der 3. bis 4. Woche durchgeführt werden. Das Implementieren einer statischen und dynamischen Testbatterie nach individuellen und räumlichen Gegebenheiten sowie persönlichen Präferenzen stellen bei einer Entscheidung für eine Wiederaufnahme des Sports einen essenziellen Baustein dar, wobei trotz aller funktioneller Qualitäten die biologische Heilung von Weichteilgewebe den zeitlichen Ablauf der einzelnen Rehabilitationsphasen vorgeben sollte.

Meist reißt das vordere oder das mittlere Seitenband

Bei der Ausübung sportlicher Aktivitäten zählen Distorsionen des Sprunggelenks zu den häufigsten Verletzungen des Bewegungsapparats überhaupt. Etwa 25 % aller Verletzungen im Sport betreffen das obere Sprunggelenk in Abhängigkeit zur Sportart stellt die Sprunggelenksdistorsion bei nationalen oder internationalen Sportwettkämpfen gar die häufigste Verletzung eines Wettbewerbs dar. Bei wiederum etwa 80 Prozent der Distorsionstraumen ist dabei der laterale Kapselbandapparat betroffen, hier im Besonderen das vordere (Ligamentum fibulotalare anterius – LFTA) und mittlere (Ligamentum fibulocalcaneare – LFC) Außenband. Vergleichsweise selten kommt es in weniger als 5 Prozent aller Distorsionsverletzungen zu einer Dreibandverletzung unter Einbeziehung des hinteren Außenbands (Ligamentum fibulotalare posterius–LFTP. In Abhängigkeit zur Verletzungskinematik führt indes etwa jede zehnte Supinationsverletzung zu einer Läsion des vorderen Anteils der distalen fibulotalaren Syndesmose, dem anterioren inferioren tibiofibularen Ligament (AIFTL).

Gerade bei sportlich ambitioniertem Patientenklientel, besonders aber im Hochleistungssport, beginnt bei Athlet, Trainer und/oder Verein kurz nach der Verletzung die Planung eines „return to sports“ mit der Frage nach einem optimalen Behandlungsverfahren für eine schnellstmögliche Rückkehr in den Sport. Neben rein medizinischen Aspekten haben der versprochene bzw. erhoffte Zeitpunkt einer Wiederaufnahme sportartspezifischer Aktivität hier oft einen nicht unerheblichen und entscheidenden Stellenwert bei der Wahl der jeweiligen Behandlungsstrategie.

Während noch bis Ende der 1980er-Jahre die operative Therapie mittels primärer Kapselbandnaht als Methode der Wahl galt und die Ausfallzeit und somit „Wiederkehr“ eines Athleten durch die Operation und ihre Folgen quasi vorgegeben war, stellt die Behandlung der Sprunggelenksdistorsion heutzutage in der großen Mehrzahl aller Fälle eine Domäne der konservativen, (früh)funktionellen Therapie dar. So herrscht in großen systematischen Reviews Einigkeit darüber, dass mittels konsequent konservativer Therapie mindestens ähnlich gute Ergebnisse zu erzielen sind wie mit einem operativen Verfahren.

Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse bleibt die operative Therapie im Einzelfall höhergradigen Bandläsionen (Dreibandverletzungen, kompletten Syndesmosenverletzungen), chronischen Instabilitäten oder besonderen Einzelfallentscheidungen, zum Beispiel zunehmend im Leistungssport, vorbehalten. Bezogen auf die Rückkehr zum Sport konnte beispielsweise in einer jüngsten Fall-Kontroll-Studie an 42 Athleten mit einer isolierten Grad-III-Bandverletzung eine durchschnittliche Rückkehr zum Training mit etwa 10 Wochen ermittelt werden.

Junuzovic erlitt „nur“ eine Teilruptur, ein Grund für den eingangs erwähnten Optimismus. Der andere Grund: die Schwellung des Gelenks spreche sehr gut auf die Therapie (Eis, Kompressionen, Enzyme) an. Und anders als Amateursportlern werde Junuzovic rund um die Uhr betreut, so Eggenhofer.

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