zur Navigation zum Inhalt
 
Sportmedizin 11. November 2005

Snowboard-WM: No risk, no fun?

Der am SMZ-Ost in Wien tätige Sportorthopäde Dr. Karl-Heinz Kristen beschäftigt sich seit langem mit Sicherheitsaspekten in Trendsportarten. In seinem Vortrag bei der Sportärztewoche in Kaprun zeigt sich der Mediziner vor allem über das enorme gesundheitliche Risiko erschüttert, dem sich Snowboarder anlässlich der Weltmeisterschaft 2003 teilweise bewusst aussetzten.

Mit einem Team von 15 Ärzten betreute die GOTS-Österreich (Gesellschaft für Orthopädische Traumatologie und Sportmedizin) unter der Leitung von Dr. Klaus Dann, Dr. Karl-Heinz Kristen und Prof. Dr. Stefan Nehrer die Snowboard-Weltmeisterschaft 2003. Die Anzahl der Verletzungen war mit 17 mittelschweren bis schweren Verletzungen erschreckend hoch und deutlich höher, als es dem in der Wettkampfbetreuung erfahrenen Ärzteteam bisher bekannt war. Eine Reduktion des Verletzungsrisikos scheint demnach im Sinne der Gesundheit der überwiegend jungen und teilweise noch minderjährigen Sportler und im Sinne der Vorbildwirkung solcher Wettkämpfe dringend notwendig. Die Snowboard-Weltmeisterschaft wurde in den Wettbewerben Parallel Giant Slalom, Parallel Slalom, Half Pipe, Big Air Jump und Border Cross ausgetragen.

Schneller, höher, weiter

Die Half Pipe (halbe Röhre) ist eine extrem anspruchsvolle Disziplin. Die Dimension der aufgebauten Half Pipe war mit einer Wandhöhe von fünf Metern auch im internationalen Vergleich gigantisch. Eine derartige Half Pipe erlaubt Sprünge bis zu zehn Metern Höhe. Der geringste Fehler kann zu extrem harten Landungen und Stürzen führen. Die Mehrzahl der Fahrerinnen und viele ungeübtere männliche Fahrer waren mit den Ausmaßen der Half Pipe überfordert. Selbst nach schweren Stürzen auf Kopf, Genick und Rücken starteten die meisten Fahrer, wenn auch benommen, im nächsten Durchgang. Von Seiten des Reglements existiert keine Vorschrift, wie ein verletzter Fahrer zur eigenen Sicherheit aus dem Rennen genommen werden kann. Für die Qualifikationen und für die Snowboarderinnen muss eine kleinere Pipe gefordert werden, auch wenn die Kosten höher sind. Big Air ist Zirkusakrobatik und wird wegen der Gefährlichkeit nur von Männern ausgeübt. Luftstände bis 15 und Weiten bis 25 Meter sind obligat. Harte Landungen auf dem ungeschützten Table führten zu schweren Verletzungen.

Frauen für Big-Air- Bewerb nicht zugelassen

Da die Verletzungszahlen unter den Snowboarderinnen beim Big Air-Wettbewerb in der Vergangenheit zu hoch waren, ist dieser Wettkampf inzwischen ausschließlich für Männer ausgeschrieben. Da jeder Fahrer drei Versuche hatte, zeigte sich das gleiche Problem wie in der Half Pipe – gesprungen wurde, was das Zeug hält. Beispielsweise musste einem Fahrer mit einem gerissenen Kreuzband das Kniegelenk nach jedem Sprung unter Schmerzen wieder eingerenkt werden, um ihn für den nächsten Big Air Jump wieder „fit“ zu machen. Ein anspruchsvoller Kurs mit vereisten Steilkurven und Sprunghügeln sowie einem mit Holzbalken umrandeten Wassergraben forderte beim Border Cross seine Opfer. Die Verletzungen ereigneten sich überwiegend im Training bei den Frauen, die mit dem für Männer und Frauen gleichen Kurs schlicht überfordert waren. Mit dem aktuellen Reglement ist der Slalom als einzig sichere Disziplin klassifizierbar. Es gab keine schweren Verletzungen. Das Verletzungsrisiko ist mit dem von Skirennen vergleichbar.

Wettkampf-Ärzte haben viele Pflichten, aber wenig Rechte

Die Pflicht des den Wettkampf betreuenden Arztes ist es, die Gesundheit der Athleten zu schützen. Dies beschränkt sich aber nicht darauf, die verletzten Athleten so rasch und fachkundig wie möglich in das nächste Krankenhaus zu bringen. Es ist auch Aufgabe der Ärzte, die Sicherheit der Rennstrecken und der Wettbewerbe zu beurteilen, damit die Anzahl der Verletzungen in einem akzeptablen Ausmaß bleibt. So müssen zum Beispiel die Helm- sowie Rückenprotektorenpflicht von der FIS vorgeschrieben und streng kontrolliert werden. Bei den Show-Wettbewerben (Big Air, Half Pipe) muss ein verletzter Sportler zur seiner eigenen Sicherheit vom betreuenden Arzt aus dem Wettbewerb genommen werden können. Dies ist um so wichtiger, da teilweise minderjährige Wettkämpfer diesen Sport ausüben.

Ernüchternde Schlussfolgerung

Lediglich die Slalom- und Riesenslalom-Wettbewerbe sind auf einem mit dem FIS Ski-Rennen vergleichbaren guten Sicherheitsniveau. Die anderen Wettkämpfe sind weit entfernt davon und als gefährlich bis lebensgefährlich einzustufen. Als alleiniger Ausrichter des Snowboard World Cup trägt die FIS die Verantwortung für den Wettkampfbereich dieser neuen Jugendsportart.
Es ist aus medizinischer Sicht unbedingt zu fordern, dass die Dimensionen der Schanzen und der Half Pipe abgestuft und generell reduziert werden sollten, da ab gewissen Sprunghöhen das Verletzungsrisiko enorm steigt und die Belastungsgrenzen des Köpers überschritten werden. Es ist absolut unzulässig, Frauen und Männer in derselben Half Pipe mit einer Wandhöhe von fünf Metern starten zu lassen. Auch im Snowboard-Sport muss, genauso wie in anderen Sportarten, akzeptiert werden, dass Frauen ein anderes körperliches Leistungsniveau haben als Männer. Soweit die Empfehlungen der WM-Ärzte.

Der Ski-Weltverband FIS hat auf die Forderungen der GOTS reagiert und folgende Punkte in das Regelwerk der kommenden Saison aufgenommen:

  •  Rückenprotektoren werden zwingend vorgeschrieben
  •  Anhebung beziehungsweise Zusammenbringen des unterschiedlichen Levels im Weltcup und in den verschiedenen Rennserien; Berücksichtigung unterschiedlicher Leistungsklassen
  • Trennung zwischen Damen und Herren im Border Cross
  • Das Recht des zuständigen Arztes, einen angeschlagenen oder verletzten Sportler zu seiner eigenen Sicherheit aus dem Wettbewerb zu nehmen, wird ab diesem Jahr zumindest im Weltcup praktiziert.

Dr. Karl-Heinz Kristen, Ärzte Woche 6/2004

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben