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Sportmedizin 5. August 2005

Vom Sportler zum Infarktkandidaten

Leistungssportler bedürfen besonderen ärztlichen Augenmerks, nicht nur wegen der häufigen Blessuren. Die große Gefahr lauert am Ende der Karriere, wenn der Athlet das Training reduziert: Ohne ärztliche Führung drohen hier schnell Übergewicht und Herzprobleme - nicht wenige entwickeln vorzeitig eine koronare Herzkrankheit (KHK).

Ein ehemaliger Topathlet - der wird doch wohl kerngesund sein! Dass diese naheliegende Assoziation ganz und gar nicht immer zutrifft, wird drastisch klar, wenn ein Sportler den kardialen Sekunden-tod erleidet. Dies kann in seltenen Fällen auch schon junge Sportler in der aktiven Zeit ereilen; dann stecken meist bis dato nicht erkannte strukturelle Herzkrankheiten dahinter, insbesondere die hypertrophe Kardiomyopathie. Bei älteren Sportlern und Exathleten ist die Gefahr ungleich größer und die Ursache eine ganz andere: In der Mehrzahl der Fälle liegt eine KHK zugrunde, gefolgt von der linksventrikulären Hypertrophie und der Aortenstenose. 

"Die koronare Herzkrankheit ist ein gravierendes Problem des Exathleten", betonte der britische Sportmediziner L. D. Dugmore auf dem Europäischen Kardiologenkongress in Berlin. Das liegt oft daran, dass Sportler irgendwann den Trainingsumfang und damit ihre körperliche Aktivität erheblich reduzieren, ohne ihre sonstigen Lebens- und Ernährungsgewohnheiten anzupassen. 

Zu viel Kalorien, zu wenig Sport

Die aufgenommenen Kalorien werden dann nicht mehr verbraucht. Die Folgen: Rasche Gewichtszunahme, Fett- und Glukosestoffwechsel laufen aus dem Ruder, hinzu kommen hämatologische und hormonale Umstellungen - alles zusammen ein explosives Gemisch atherogener Risikofaktoren, das einer schnellen Koronarsklerose Vorschub leistet. 

Fehlendes Abtrainieren

Ein weiteres Problem ist der zu schnelle Ausstieg aus dem Leistungssport: Wer sich über Jahre intensiv belastet, hat sich ein großes Sportlerherz antrainiert, das behutsam auf Normalgröße zurückgeführt werden muss - wenn überhaupt. Bei abruptem Trainingsende läuft der Sportler Gefahr, dass sich das Herz sehr schnell verkleinert - zu einem schlaffen, dyskinetischen Vertrikel, der unökonomisch pumpt und für Rhythmusstörungen anfällig ist. 

Dies zeigt auf eindrucksvolle Weise eine Studie, in der drei Gruppen miteinander verglichen wurden: Exathleten, die nach Ende der aktiven Laufbahn weiter aktiv blieben, Exathleten, die den Sport weitgehend aufgaben, und eine Kontrollgruppe Unsportlicher mit sitzender Tätigkeit. Tatsächlich hatten die ehemaligen Athleten, die die Sportschuhe an den berühmten Nagel gehängt hatten, das höchste Herztodrisiko - es lag sogar höher als in der Gruppe der niemals sportlich Tätigen.

Kardiovaskuläre Fitness lässt sich also nicht speichern - man muss sein Fitnesskonto ständig wieder auffüllen, so Dugmore. Wer plötzlich das Training aussetzt, reduziert seine Belastungskapazität innerhalb von nur sechs Monaten dramatisch - um bis zu 80 Prozent! Wer andererseits auch nach einer aktiven Sportlerkarriere fit bleibt und regelmäßig Sport treibt, kann seine kardiovaskulären Fitnessparameter auch noch im Alter auf hohem Niveau halten. 

Als dritte Ursache für kardiale Probleme bei Athleten und Exathleten sind Medikamente, Drogen, Alkohol und Nikotinabusus aufzuführen. 

Doping, Drogen und Alkohol

Aus Nordamerika ist bekannt, dass immer mehr jugendliche Athleten Kokain einnehmen, das kardiotoxisch wirken kann. An berühmten Beispielen mangelt es nicht: Von Maradona zum Beispiel, dem Kokainmissbrauch nachgesagt wurde, wurde eine kardiale Ejektionsfraktion von gerade noch 20 Prozent berichtet. 

George Best, Englands Klassespieler der 60er- und 70er-Jahre, musste nach Alkoholproblemen eine Lebertransplantation vornehmen lassen. Florence Griffith Joyner, immer noch Weltrekordhalterin im 100-Meter-Sprint, beendete die aktive Laufbahn wenige Monate vor Einführung stichprobenartiger Dopingkontrollen im Training. Wenige Jahre später erlitt sie einen tödlichen Schlaganfall. 

Besonders gefährdet sind ehemalige Fußballer, die auf den Trainerstuhl wechseln: Den Holländer Johan Cruyff ereilte der Herzinfarkt frühzeitig, Ex-Liverpool-Kapitän Graham Souness brauchte drei Koronarbypässe nur wenige Jahre nach Ende der aktiven Laufbahn. Fußballtrainer sind somit ein Paradebeispiel für den gefährdeten Exathleten, weil zu den oben beschriebenen Faktoren auch noch der Stress hinzukommt. Wie ungesund der Job am Spielfeldrand ist, zeigen erste Ergebnisse einer laufenden Studie unter Englands Profifußballtrainern: Bei jedem Dritten liegen signifikante kardiovaskuläre Probleme vor, darunter schwere Rhythmusstörungen, Aortenstenosen, Bluthochdruck, Übergewicht und Hypercholesterinämie. 

Fazit: Exathleten sind kardiovaskuläre Risikokandidaten, bei denen ein regelmäßiger Herzkreislauf-Check-up ratsam ist. Die Sportler sollten die Gefahren nach Ende der aktiven Laufbahn kennen und entsprechend Vorsorge treffen. Dazu zählen vor allem langsamer Trainingsabbau, die Umstellung auf regelmäßigen Freizeitsport, Gewichtskonstanz und eine Anpassung der Ernährung.

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