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Sportmedizin 12. März 2014

Paralympics: Zu schnell, zu schwierig?

Gefährliches Spiel mit dem Speed.

Volle Tribünen, begeisterte Zuschauer: Die Winter-Paralympics in Sotschi bieten faszinierende Wettkämpfe, aber auch viele spektakuläre Stürze in alpinen Disziplinen - und das könnte Konsequenzen haben.

Die Sturzserie der Monoskirennfahrer bei den Paralympics von Sotschi sorgte für bange Blicke auf den Tribünen und erste Reformvorschläge aus der Sportpolitik. "Wenn die Summe der Stürze überwiegt, muss man das hinterfragen. Das sind keine Anfänger, die da fahren", sagte Friedhelm Julius Beucher, Chef des Deutschen Behindertensportverbandes. Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) müsse sich "grundsätzlich überlegen, ob man Monoskiwettbewerbe in allen Disziplinen auf allen Pisten" durchführen könne.

Bei den ersten Monoski-Rennen der Spiele am Samstag und Sonntag in Krasnaja Poljana erreichte nur knapp die Hälfte aller angetretenen Athleten regulär das Ziel. Mit nur einem Ski kamen viele Sportler auf der aufgeweichten Piste zu Fall. Am schlimmsten erwischte es den Amerikaner Tyler Walker, der regungslos im Schnee liegen blieb und mit einem Rettungshubschrauber in die Klinik gebracht werden musste. Das US-Team gab wenige Stunden später Entwarnung. "Ich erinnere mich nicht mehr an den Unfall, aber ich habe mir nichts gebrochen", twitterte der 27-Jährige.

Ein Sturz nach dem anderen

Walker hatte sich genau wie Weltmeister Franz Hanfstingl beim Abfahrtsrennen mehrmals überschlagen, der Deutsche kam mit einem Haarriss in einer Rippe davon. Beim Super-G am Sonntag starteten beide nicht, Hanfstingls Teamkollege Georg Kreiter stürzte ebenfalls. Auch Thomas Nolte, der dritte Deutsche, kam nicht ins Ziel. Von 28 Startern beim Männer-Super-G konnten nur zwölf mit gewerteten Läufen glänzen.

"Das sind sehr anspruchsvolle Pisten, die aber regelgerecht sind", sagte Karl Quade, Chef de Mission des deutschen Teams. Eine IPC-Sprecherin betonte, dass es im Vorfeld in der Trainerrunde nach dem Rennen keine Beschwerden gegeben habe. "Die Trainer und die Athleten haben gesagt: Das ist in Ordnung", bestätigte Quade, fügte aber an: "Wir werden da sicherlich drüber sprechen. Speziell die Abfahrt bei den Monoskifahrern war absoluter High-speed." Zusätzlich das Leben schwer machte den Paralympioniken das milde Frühlingswetter in Krasnaja Poljana mit Temperaturen jenseits der zehn Grad, wodurch der Schnee zu weich wird.

Der Österreicher Matthias Lanzinger stuft die Situation als "grenzwertig" ein, Beucher ist skeptisch ob der Zukunft von Monoskifahrern auf solch extrem steilen Pisten: "Jede Extremsituation gleichen Sie normalerweise mit dem zweiten Ski durch die Körperdrehung aus. Bei den Monoskifahrern geht das nicht", betonte er. Nolte hat das Sicherheitsvakuum erkannt: "Man versucht die Gefahr auszublenden, so weit es geht." Zurückhaltung im Hang sei allerdings keine Lösung, wie Kreiter weiter erklärte: "Jeder gibt volles Rohr. Wenn du das nicht machst, kommst du zumindest nicht unter die ersten Drei."

Überschattet von schweren Stürzen ihrer Konkurrentinnen raste Anna Schaffelhuber danach zur zweiten Goldmedaille. Nach der Abfahrt gewann die 21-jährige querschnittsgelähmte Athletin auch den Super-G der Frauen und ist drauf und dran, sich zur alpinen Königin der Sotschi-Spiele aufzuschwingen.

Mama Beate in großer Sorge


Schaffelhubers Mutter Beate waren mögliche Rekorde völlig egal - sie war nur froh, dass ihre Tochter angesichts der vielen schlimmen Stürze heil unten ankam. "Ich bin erleichtert ohne Ende. Ich hatte so einen Bammel, wenn man die Stürze von der Abfahrt am Samstag gesehen hat, ich war morgens schon fix und fertig", sagte sie, kurz nachdem sie ihre Tochter wieder in ihren Armen hatte.

Nicht nur die Mutter musste sich Sorgen machen ob der vielen schweren Unfälle. Die US-Monoskifahrerinnen Alana Nichols und Stephani Victor überschlugen sich nach Fahrfehlern auf der Piste in der Luft und mussten mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus gebracht werden. Beide seien "bei Bewusstsein und ansprechbar", teilte das US-Team kurz darauf mit. Nur vier von acht Fahrerinnen waren bei den sitzenden Monoskifrauen überhaupt ins Ziel gekommen.

Werden hier die Grenzen der Verantwortlichkeit überschritten? Der deutsche Chef Julius Beucher hatte schon am Sonntag die Stürze zum Anlass für Reformüberlegungen genommen. "Ich habe meine Zweifel, ob die Strecke nicht zu schwer ist", sagte er, schränkte aber ein: "Meine Experten sagen mir, es ist alles okay."

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