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Sportmedizin 31. Jänner 2014

Eishockeyhelm toppt Skihelm

Es ist nicht möglich, sämtliche Sturzfolgen mit einem einzigen Design optimal zu mildern.

Helme können zwar schwere Hirnverletzungen beim Sport vermeiden, allerdings sind sie primär für die häufigsten Verletzungen ausgelegt. Bei einem ungünstigen Sturz ist die Schutzwirkung mitunter schwächer als erwartet.

Die große Auswahl an unterschiedlichen Sporthelmen ist erstaunlich: Fahrrad- und Kletterhelme sind leicht und schützen vor allem das Neurokranium, der Motorradhelm verhüllt den ganzen Kopf, Ski- und Eishockeyhelme liegen irgendwo dazwischen. Doch eigentlich ist die Aufgabe eines jeden Helmes die gleiche. Er soll schwere Verletzungen an Schädel und Hirn verhindern. Wozu also die Vielfalt an Formen? Letztlich, so Dr. Carla Jung von der Uniklinik Heidelberg, ist jeder Helm ein Kompromiss: Er ist so konzipiert, dass er die häufigsten Verletzungen bei der jeweiligen Sportart mildert. Beim Bergsteiger sind vor allem herabfallende Steine das Problem, dagegen benötigt der Motorradfahrer einen Rundumschutz, wenn er mit 200 km/h über die Autobahn brettert.

Kein hundertprozentiger Schutz

Doch auch bei Wintersportarten ist die Form des Helmes wichtig. Jung nannte auf der Arbeitstagung Neurologische Intensivmedizin (ANIM) in Hannover eine Studie, nach der etwa ein Eishockeyhelm viel besser vor Verletzungen bei einem seitlichen Aufprall schützt als ein Skihelm. Möglicherweise hätte mit einem solchen Helm Michael Schumachers laterale Kollision weniger gravierende Folgen gehabt. Es sei aber nun einmal schlecht möglich, sämtliche Sturzfolgen mit einem einzigen Design optimal zu mildern, sagte Jung. Auch wenn der unglückliche Sturz des Rennfahreridols zeigt, dass auch ein Helm keinen hundertprozentigen Schutz vor einem schweren Schädel-Hirn-Trauma (SHT) bietet, so empfiehlt die Neurochirurgin gerade Radfahrern und Skifahrern wärmstens, sich nicht mehr „oben ohne“ auf Straßen und Pisten zu trauen. Jung nannte als Beispiel einen Test bei Kinderfahrradhelmen. Sie bremsen die Beschleunigung, die bei einem Aufprall auf das Gehirn wirkt, etwa um den Faktor vier bis acht. Bei einem Aufprall mit einer Geschwindigkeit von 30 km/h entspreche dies dann nur noch einer Beschleunigung wie bei einem Sturz mit 7 km/h ohne Helm.

Mehr Schädelfrakturen ohne Helm

Der Nutzen von Helmen macht sich entsprechend auch bei den Verletzungen bemerkbar. Jung nannte eine Auswertung von 450 Freizeitunfällen mit SHT, dazu zählten etwa Radfahren, Skifahren oder Klettern. Drei Viertel der Patienten hatten beim Unfall keinen Helm auf, und bei diesen Patienten waren die Unfallfolgen wesentlich gravierender als bei den Patienten, die trotz Helm ein SHT erlitten hatten. So benötigten 35 versus 25 Prozent einen Aufenthalt auf der Intensivstation, der maximale Klinikaufenthalt dauerte bei den helmlosen Patienten mit 144 versus 46 Tagen etwa dreimal so lange, und die Klinik-Wiederaufnahmerate innerhalb von 30 Tagen war dreimal so hoch. Zudem lag der Anteil von Schädelfrakturen mit 23 versus 11 Prozent bei mehr als dem Doppelten, und auch intraparenchymale Hirnblutungen traten bei den Helmlosen mit 30 versus 18 Prozent fast doppelt so häufig auf.

Inzwischen hat jedoch zumindest im Wintersport ein deutlicher Gesinnungswandel eingesetzt, sagte Jung. Immer mehr Ski- und Snowboardfahrer schützen ihren Kopf mit einem Helm. Zwischen 1995 und 2008 ist der Anteil der erwachsenen Wintersportler mit Helm in der Schweiz von 15 auf 58 Prozent gestiegen, bei Kindern sogar auf über 90 Prozent. In Kanada tragen nach aktuellen Umfragen inzwischen sogar über 70 Prozent der erwachsenen Ski- und Snowboardfahrer einen Helm. Ähnlich viele seien es mittlerweile wohl auch in den Alpen.

Zu dieser Entwicklung trugen nicht zuletzt auch Medienberichte bei. Die Auswirkungen machten sich in den Unfallstatistiken bereits bemerkbar. So sei die Zahl der SHT in den Wintersportregionen in den vergangenen Jahren gesunken, obwohl es immer mehr Wintersportunfälle gebe, sagte Jung. Möglicherweise verleite der Helm zu einem riskanteren Fahrstil, weil sich die Sportler damit in Sicherheit wiegen. Aber auch besser präparierte Pisten, schnellere Skier und zu viele unerfahrene Sportler könnten zu mehr Unfällen beigetragen haben, hieß es auf der Tagung.

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