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Abb. 1: Gut behütet - speziell ausgebildete Tauchlehrerin mit Kind.
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Abb. 2: Der Lern- und Spaßfaktor beim Tauchen ist auch für Kinder groß.

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Abb. 3: Tauchen ist OK - aber nur mit verantwortungsvoller Aufsicht.

 
Sportmedizin 29. Juni 2012

Kinder und Tauchsport

Das frühe Kindertauchen ist aus sportmedizinischer Sicht sehr kritisch zu sehen.

Durch günstige Flugpauschalreisen wird das Sporttauchen mit Pressluftgeräten in tropischen Meeren zu einer immer mehr verbreiteten Sportart. Viele tauchende Eltern möchten ihre Sprösslinge schon so früh wie möglich zum Gerätetauchen bringen und kommerzielle Tauchschulen werben damit, dass bereits Kinder ab acht Jahren tauchen lernen können um den Marktanteil „Eltern und Kinder“ für das Tauchen zu gewinnen.

Die tauchmedizinische Sicht

Es gibt viele Sportarten, bei denen bereits Kinder spielerisch die Technik erlernen können, beim Gerätetauchen wird jedoch Atemgas unter erhöhtem Druck eingeatmet wodurch Lunge, Luftwege und HNO – Bereich besonders beansprucht werden.

Aus tauchmedizinischer Sicht ist das frühe Kindertauchen daher sehr kritisch zu sehen:

Die Lunge und ihre Alveolen entwickeln sich bei Kindern erst im Lauf der Zeit zur Erwachsenenlunge, die Compliance der Lunge ist niedriger, die Resistance erhöht. Bei Schwellung der Bronchialschleimhaut kommt es leichter zur Obstruktion und auch die Bronchiolen selbst kollabieren bei erhöhtem intrapulmonalem Druck früher. Die kalte, trockene Pressluft aus der Tauchflasche, mit hoher Dichte und turbulenter Strömung reizt zudem das Bronchialepithel und kann daher beim Kind leichter zum Verschluss der Bronchioli und damit zum „Airtrapping“ führen. Häufigere Infekte im Kindesalter können die Situation verschärfen.

Die Eustachische Röhre, die zum Druckausgleich essentiell wichtig ist, verläuft bei Kindern noch eher horizontal, wodurch der Druckausgleich mit dem Mittelohr erschwert ist und manchmal engen Adenoide die Tubenöffnungen ein, sodass die Belüftung der Paukenhöhle schon problematisch ist. Auch den häufigeren HNO-Infekten im Kindesalter ist Rechnung zu tragen.

Nach dem für Taucher wichtigen physikalischen Gesetz (Boyle-Mariotte): p x V = const. (bei konstanter Temperatur) muss der Taucher beim Abtauchen durch den zunehmenden hydrostatischen Druck (pro 10 m Wassertiefe um 1bar!) ständig den Druck in den luftgefüllten Körperhöhlen (Mittelohr, NNH und Lunge) aus- gleichen.

Beim Auftauchen wiederum dehnt sich die unter Druck z.B. in 10 m Wassertiefe eingeatmete Pressluft nach dem Gesetz p x V wieder aus, d.h. wenn man in 10 m WT einen Atemzug aus der Pressluftflasche macht und die Luft anhält oder durch einen Panikaufstieg einen Glottiskrampf bekommt, dehnt sich das Luftvolumen in der Lunge auf das doppelte aus, und es kommt zum Lungenriss.

Daher kann man nicht so einfach postulieren, dass Kinder nur höchstens bis 8 m WT tauchen sollten, um bei Gefahr wieder rasch auftauchen zu können.

Gerade die letzten 10 m zur Wasseroberfläche bewirken die größten prozentuellen Luftvolumens-Unterschiede, deshalb ist ein schnelles Auftauchen aus 10 m WT zur Oberfläche sogar gefährlicher als ein Aufstieg von 30 m auf 20 m!

Kinder frieren auch schneller, da sie weniger subcutanes Fett und Muskelmasse haben als Erwachsene und brauchen daher gut isolierende Tauchanzüge. Wenn ein Kind in einen zu großen Neoprenanzug gesteckt wird, so kommt es zu einem rascheren Austausch von kaltem Wasser und leicht zur Unterkühlung. Inzwischen haben die Tauchausrüster auch die Ausrüstungsprobleme erkannt und kleine Versionen von Tauchanzügen, Tauchflaschen, Lungenautomaten und Rettungswesten für Kinder hergestellt, was die Gefahren aber nicht reduziert, sondern verniedlicht.

Weitere Faktoren sind die psychische Reife eines Kindes und das Verstehen der Gerätefunktion und der Sicherheitsrichtlinien, die eingehalten werden müssen. Das Kind muss wissen, dass ein rasches Auftauchen bei Panik lebensgefährlich sein kann.

Voraussetzungen

Welche Voraussetzungen sollten daher gegeben sein, damit ein Kind unter möglichst geringem Risiko tauchen kann?

Mindestalter acht Jahre (nach den tauchausbildenden Organisationen PADI, SSI und DAN (Divers Alert Network), jedoch tauchmedizinisch eigentlich zu früh!

  1. Das Kind selbst muss tauchen wollen (oft nur Wunsch der Eltern! Kind hat manchmal sogar Angst), und es muss schwimmen können!
  2. Nur bei gesundheitlicher Eignung, die von einem zertifizierten Taucherarzt nach den EDTC/ECHM Guidelines festgestellt werden sollte (inklusive EKG, Lungenfunktion und sorgfältiger HNO Untersuchung!)
  3. Unter entsprechenden Tauchbedingungen (zuerst im Pool, dann im warmen, seichten Meer- oder Seewasser)
  4. kindgerechtes Equipment, passende Neoprenanzüge
  5. mit geschulten (Kinder)-Tauchlehrern die Technik des Druckausgleiches und der Tarierung im Wasser gut erlernen.
  6. Keine Tauchgänge mit nur einem Erwachsenen, da ein Kind kein „rettungsfähiger“ Tauchpartner sein kann – also im Minimum zwei Erwachsene und ein Kind

Forensik

Aus forensischer Sicht sollten Nicht-Taucherärzte keinesfalls Atteste zur Tauchtauglichkeit ausstellen, da sie sich bei Unfällen haftbar und auch ev. strafbar machen, wenn sie ein Attest ausstellen ohne nachweislich das nötige Spezialwissen zu haben.

Tipp für Eltern

Ähnlich gefährliche Situationen wie beim Gerätetauchen gibt es z. B beim Klettern, Segelfliegen, Fallschirmspringen oder Motorsport. Keiner würde sein Kind mit acht Jahren dazu animieren! Abwarten, bis die geistigen und vor allem körperlichen Voraussetzungen des Kindes gereift sind! Sinnvoll ist dies erst ab ca. 12-14 Jahren!

Eine gute Alternative für das spätere Gerätetauchen wäre das Apnoetauchen für Kinder (unter Aufsicht!) und Schnorcheln: Hier lernen sie den Druckausgleich, werden mit dem Element Wasser vertraut und gewinnen schon früh das Selbstvertrauen für spätere kritische Situationen. In tropischen Meeren sieht man bereits beim Schnorcheln viele interessante Lebewesen, und ein Buch über die submarinen Lebewesen und ihre interessanten Lebensgemeinschaften weckt bereits beim Kind das Interesse für diesen wunderbaren Lebensraum.

1 Taucherärztin, Sportärztin, Arbeitsmedizinerin und Universitätslektorin an der Med UNI Wien, derzeit Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Unterwasser- und Hyperbarmedizin - ÖGUHM

Zur Person
Dr. med. Ulrike Preiml
ist Ärztin für Allgemeinmedizin, Sportärztin und Arbeitsmedizinerin und Universitätslektorin an der Medizinischen Universität Wien, taucht selbst seit mehr als 30 Jahren und ist Präsidiumsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Tauch- und Hyperbarmedizin (Referat für Aus- und Weiterbildung)
Veranstalterin von Taucherarztlehrgängen zum „Medical Examiner
of Divers“ (Kurs I) und „Diving Medicine Physician“ (Kurs II)
Nähere Infos: www.sportmed-preiml.com/seminare.html
Seminar Tauchmedizin
für alle interessierten Ärzte, Ausbildung zum „Medical Examiner of Divers“ (Kurs I) und „Diving Medicine Physician“ (Kurs II)
Nähere Infos: www.sportmed-preiml.com/seminare.html  
Kontaktadresse: Dr. Ulrike Preiml,
Krottenbachstr. 267/1/11, 1190 Wien
E-Mail:

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