zur Navigation zum Inhalt
What a smell...
 
Sportmedizin 7. Jänner 2012

Ernährungsmärchen Teil 11: Kann man sich satt riechen?

Hunger und Sättigung hängen von einer Vielzahl von externen und internen Faktoren ab und ihre Steuerung ist sehr komplex. Man weiß von außenreizabhängigen Personen, dass der Geruch von Speisen Hunger bzw. Appetit auslösen kann. Hat aber der Geruch oder der Gedanke ans Essen auch Einfluss auf die Sättigung?

Die Sättigung hängt von einer Reihe von externen und internen Faktoren ab und beruht nicht nur auf den physiologischen Signalen wie der Zunahme der Magendehnung, der Freisetzung von intestinalen und Pankreashormonen oder der Verstoffwechselung von energieliefernden Substraten [1]. Neben dem Geschmack der Speisen scheint auch der Geruch eine wichtige Rolle zu spielen.

Der Zusammenhang zwischen Geruch und Nahrungsaufnahme ist längst bekannt. So weiß man, dass eine geruchliche Varianz innerhalb einer Mahlzeit die Größe der Mahlzeit erhöhen kann und dass vor allem bei älteren Menschen mit eingeschränkter Geruchswahrnehmung eine Aromaverstärkung des Essens die Energieaufnahme erhöht; hingegen führt ein Geruchsverlust zur Abnahme des BMI durch eine geringere Lebensmittelaufnahme [2-3].

Die Abnahme des Geruchsempfindens ist unter anderem auf den normalen Alterungsprozess, auf bestimmte Erkrankungen sowie Medikamenteneinnahme,Malnutrition oder Umwelteinflüsse zurückzuführen [4]. Eine Untersuchung konnte auch nachweisen, dass die Höhe der Zucker- und/oder Süßstoffaufnahme durch Kaffee und Tee mit der Geruchsabnahme im Alter korreliert [5].

Im Internet findet man in letzter Zeit immer wieder Beiträge, dass Forscher durch Studien belegen, dass man sich satt riechen kann. Getestet wurde, ob man sich tatsächlich satt riechen kann nach dem Motto „wer am Herd steht ist schon satt“. Hypothese war dass eine Übersättigung mit Gerüchen die Esslust bremst. Zwar konnte der Heißhunger durch Überreizung mit Gerüchen verschiedenster Art gedämpft werden, der Appetit verflog aber nicht vollständig.

Die populärwissenschaftlichen Empfehlungen, vor Beginn der Mahlzeit kräftig am Essen zu riechen und etwa zwei bis vier Minuten zu warten um so weniger zu essen oder sogar abzunehmen, bedarf noch weiterer Untersuchungen bzw. entsprechender wissenschaftlicher Publikationen, da diese in wissenschaftlichen Datenbanken kaum zu fi nden sind.

Eine der wenigen zu diesem Thema vorhandene Studie untersuchte den Einfl uss des Geruchs von Bitterschokolade auf die Konzentration verschiedener gastrointestinaler Hormone mit speziellem Fokus auf den Appetit. Die Ergebnisse zeigen, dass bei jenen Probandinnen, die 5 Minuten an einem Stück Bitterschokolade rochen, eine stärkere Unterdrückung des Appetits im Vergleich zur Kontrollgruppe beobachtet werden konnte. Es ist jedoch anzumerken, dass die Untersuchung an einem sehr kleinen Kollektiv durchgeführt wurde. Insgesamt wurden nur 12 gesunde normalgewichtige Frauen eingeschlossen.

Weiters ist zu erwähnen, dass bei diesem Versuch keine Nahrungsmittel mit hohem Zucker- und Fettgehalt als Testnahrungsmittel ausgewählt wurden, da diese ein starkes Verlangen auslösen könnten [6]. In wie weit man sich nun tatsächlich satt riechen kann ist demnach noch längst nicht geklärt und bedarf weiterer wissenschaftlicher Studien.

Literatur:

1 Langhans W. Hunger und Sättigung, Ernährungs-Umschau,10 (10): 550-558, 2010.

2 Aschenbrenner K, Hummel C, Teszmer K, Krone F, Ishimaru, Han-Seok S, Hummel T. The infl uence of olfactory loss on dietary behaviors, The Laryngoscope,118: 135-144, 2008.

3 Schiffman SS, Warwick ZS. Effect of fl avour enhancement of foods for the elderly on nutritional status: food intake, biochemical indices, and anthropometric measures, Physiol Behav, 53 (2): 395-402, 1993.

4 Schiffman SS, Graham BG. Taste and smell perception affect appetite and immunity in the elderly, Eur J Clin Nutr, 54 Suppl 3: S54-63, 2000.

5 Neller D. Veränderung der gustatorischen und olfaktorischen Wahrnehmungsfähigkeit im Alter. Diplomarbeit am Institut für Ernährungswissenschaften der Universität Wien 2010.

6 Massolt ET, van Haard PM, Rehfeld JF, Posthuma EF, van der Veer E, Schweitzer DH. Appetite suppression through smelling of dark chocolate correlates with changes in ghrelin in young women, Regul Pept, 161 (1-3): 81-86, 2010.

1 AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH), Zentrum Ernährung & Prävention, Spargelfeldstraße 191, 1220 Wien

Zur Person

Foto Kiefer - credit AGES
Fotocredit AGES

Univ.-Doz. Mag. Dr. Ingrid Kiefer hat ein Studium irregulare der Ernährungswissenschaften an der Universität Wien und der Universität für Bodenkultur absolviert. Seit 1993 ist sie in die Liste der GesundheitspsychologInnen eingetragen. Dr. Kiefer arbeitete von 1988 bis 2007 am Institut für Sozialmedizin der Medizinischen Universität Wien, wobei sie sich vor allem den Schwerpunkten Ernährungsepidemiologie, Prävention ernährungsassoziierter Krankheiten, Ernährungsberatung und Gewichtsreduktion widmete. Zu diesen Themen hat die Ernährungsexpertin auch zahlreiche Ratgeber-Bücher verfasst oder mitverfasst. Seit seit März 2007 leitet Frau Dr. Kiefer das Kompetenzzentrum Ernährung & Prävention und seit Oktober 2008 auch die Unternehmenskommunikation bei der AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH). Im Fonds Gesundes Österreich ist sie seit Mai 2004 im Fachbeirat vertreten.

Ingrid Kiefer1, springermedizin.at

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben