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…auch Erdnüsse enthalten Lecithin
 
Sportmedizin 6. Jänner 2012

Ernährungsmärchen Teil 10: Lecithin fördert Gedächtnis und Konzentration

Die geistige Leistungsfähigkeit wird von zahlreichen Faktoren, unter anderem der Ernährung beeinflusst. Eine häufig gestellt Frage in diesem Zusammenhang ist beispielsweise, ob die Aufnahme von Lecithin die Gedächtnisleistung erhalten bzw. sogar steigern und Konzentrationsschwierigkeiten entgegenwirken kann.

Lecithin erfüllt im Körper eine Reihe wichtiger Funktionen. Lecithin ist, chemisch gesehen, ein cholin-enthaltendes Phospholipid, das auch als Phosphatidylcholin bezeichnet wird. Aufgrund seines polaren Aufbaus ist es für den gesamten Stoffwechsel von Bedeutung. Es wird beispielsweise für die Fettverdauung benötigt und ist ein wichtiger Bestandteil der Zellmembranen. Lecithin ist aber auch eine der wichtigsten Nahrungsquellen für Cholin, das unter anderem für die Synthese des Neurotransmitters Acetylcholin von Bedeutung ist1.

Es wird häufig angenommen, dass die Aufnahme von Lecithin positive Effekte auf kognitive Funktionen, speziell die Gedächtnisleistung, hat. Die Förderung der kognitiven Leistungsfähigkeit ist in Humanstudien jedoch noch nicht klar belegt bzw. ausreichend wissenschaftlich untersucht. Nur wenige randomisierte Studien wurden zu diesem Thema durchgeführt. In einem Cochrane-Review aus 12 randomisierten Studien, bei dem 265 Personen mit Alzheimer Erkrankung (10 Studien), 21 Personen mit Parkinson-Demenz (1 Studie) und 90 Personen mit kognitiver Beeinträchtigung (1 Studie) inkludiert wurden, konnten keine klaren klinischen Vorteile von Lecithin gegenüber Alzheimer Erkrankungen und Parkinson-Demenz beobachtet werden. Bei 55-jährigen Personen mit subjektiven Symptomen einer kognitiven Beeinträchtigung waren jedoch signifikante Unterschiede zwischen der Lecithin- und der Plazebogruppe beobachtbar2. Weitere Studien3-8 mit zum Teil kleiner Stichprobengröße oder kurzer Studiendauer zeigten kontroverse Ergebnisse. Bedingt durch unterschiedliche Altersgruppen der verschiedenen Studien sind die Ergebnisse auch schwer vergleichbar.

Von der EFSA (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) wurden, aufgrund eines fehlenden Zusammenhangs zwischen dem Konsum von Soja-Phosphatidylcholin und einer normalen kognitiven Funktion, eingereichte gesundheitsbezogene Aussagen zu diesem Thema negativ bewertet9.

Aufgrund der derzeitigen Datenbasis sind weitere Studien erforderlich, um evidenzbasierte Aussagen zur Förderung der Gedächtnisleistung durch Lecithine ableiten zu können.

Lecithine kommen in vielen pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln vor. Lecithinreich sind vor allem Eigelb, Soja, Fleisch, Fisch, Hülsenfrüchte (z. B. Erdnüsse), Hefe und Pflanzenöle (z. B. Sojaöl, Lupinenöl, Roggenkeimöl, Weizenkeimöl)10, 1. Aufgrund ihrer Emulgatorwirkung finden Lecithine häufig auch in der Lebensmittelverarbeitung Verwendung11. Lecithine können aber auch, genauso wie Cholin, im menschlichen Körper selbst synthetisiert werden1.

Aufgrund des häufigen Vorkommens von Lecithinen in Lebensmitteln und der Eigensynthese, sowie der unzureichenden Evidenz bezüglich der Wirksamkeit von Lecithinen, gibt es aus ernährungswissenschaftlicher Sicht auf Basis der derzeitigen Datenlage keine Empfehlung für eine präventive Zufuhr von Lecithinen in Hinblick auf Gedächtnisleistung und Konzentrationsfähigkeit.

1 AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH) Zentrum Ernährung & Prävention …auch Erdnüsse enthalten Lecithin Spargelfeldstraße 191, 1220 Wien

Literatur

1 Elmadfa I, Leitzmann C. Ernährung des Menschen. 4. Auflage, Verlag UTB, Stuttgart, 2004.

2 Higgins JP, Flicker L. Lecithin for dementia and cognitive impairment, Cochrane Database Syst Rev. 2003; (3): CD001015.

3 Benton D, Donohoe RT. The influence on cognition of the interactions between lecithin, carnitine and carbohydrate, Psychopharmacology, 175 (1): 84-91, 2004.

4 Drachman DA, Glosser G, Fleming P, Longenecker G. Memory decline in the aged: treatment with lecithin and physostigmine, Neurology, 32 (9): 944-950, 1982.

5 Harris CM, Dysken MW, Fovall P, Davis JM. Effect of lecithin on memory in normal adults, Am J Psychiatry, 140 (8): 1010-1012, 1983.

6 Ladd SL, Sommer SA, LaBerge S, Toscano W. Effect of phosphatidylcholine on explicit memory, Clin Neuropharmacol., 16 (6): 540-549, 1993.

7 Panijel M. Effect of lecithin in disorders of memory, learning and concentration, Therapiewoche, 36: 5029–5034, 1986.

8 Volz HP, Hehnke U, Hauke W. Improvement in quality of life in the elderly. Results of a placebocontrolled study on the efficacy and tolerability of lecithin fluid in patients with impaired cognitive functions, MMW Fortschr Med., 146 (Suppl 3-4): 99-106, 2004.

9 EFSA (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit). Scientific Opinion on the substantiation of health claims related to soy phosphatidyl choline and maintenance of normal blood cholesterol concentrations (ID 709, 1308, 1630, 1961, 3138, 3187, 4687), contribution to normal fat metabolism (ID 1597), increase in the intestinal absorption of glutamine (ID 4251), faster recovery from muscle fatigue after exercise (ID 4249), improvement of neuromuscular function (ID 4250), contribution to normal cognitive function (ID 710, 1596, 1631, 1983) and maintenance of normal neurological function (ID 1596) pursuant to Article 13(1) of Regulation (EC) No 1924/20061. EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies (NDA). European Food Safety Authority (EFSA), Parma, Italy. http://www.efsa.europa.eu/en/efsajournal/doc/1741.pdf

10 Belitz HD, Grosch W, Schieberle P. Lehrbuch der Lebensmittelchemie, Springer-Verlag Berlin Heidelberg, 2008.

11 Ebermann R, Elmadfa I. Lehrbuch Lebensmittelchemie und Ernährung, Springer-Verlag Wien, 2008.

Bettina Meidlinger, Ingrid Kiefer1, springermedizin.at

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