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Foto: Burt Glinn, aus dem Buch Magnum Fu´ tbol, Phaidon Press Limited, Magnum Fotos
Fußball begeistert die Menschen, nicht nur wie hier auf dem Foto in den USA, sondern auch bei uns.
 
Sportmedizin 28. Februar 2009

„Der Aufbau einer muskulären Balance ist der beste Schutz“

Der langjährige Klubarzt von Rapid Wien, Dr. Robert Lugscheider im Exklusivgespräch mit der Ärzte Woche.

Der Fußballfan kann aufatmen. Die Winterpause ist vorbei, nun rollt der Ball wieder. Von Pause für den Fußballprofi kann allerdings keine Rede sein, denn er hat eine intensive Vorbereitung in südlichen Trainingslagern hinter sich.

 

Wie trainiert ein Profi? Worauf muss er achten? Wie schützt er sich am besten vor Verletzungen? Welche Hilfe kann der Klubarzt leisten? Wir fragten Dr. Robert Lugscheider, Arzt für Allgemein- und Sportmedizin in Wien und von 1984 bis 2006 (mit zweijähriger Unterbrechung bei der Vienna) Klubarzt von Rapid Wien.

 

Die Winterpause ist für Fußballprofis nicht wirklich eine Pause.

Lugscheider: Die Winterpause ist eine wichtige Zeit für die Fußballer. Bei uns sind die Plätze nicht zu bespielen, die Mannschaften flüchten also in den Süden. Die Trainingslager bieten die Möglichkeit, die Grundqualitäten der Spieler wie Ausdauer und Kraft zu verbessern, jene Qualitäten, die während der Spielsaison zu kurz kommen, denn da konzentriert sich der Trainer mehr auf das spielerische Element.

Eine Mannschaft besteht aus, sagen wir einmal: 25 verschiedenen Menschen. Der eine ist konditions-, der andere sprintstark. Der eine hat eine große, der andere eine geringe Laktattoleranz. Für das Fußballspiel ist das wichtig, da die unterschiedlichen Fähigkeiten gefragt sind. Nur gehören die unterschiedlichen Typen gemäß ihren Fähigkeiten unterschiedlich trainiert. Ein Aspekt, den manche Vereine und manche Trainer noch nicht erkannt haben – oder nicht erkennen wollen.

 

Wie wichtig ist neben dem Aufbautraining auch einfach der Umstand, dass die Spieler einmal Pause haben und abschalten können?

Lugscheider: Urlaub für einen Leistungssportler bedeutet in erster Linie mentaler Urlaub. Es stimmt, er muss einmal abschalten, den ganzen Stress vergessen. Das bedeutet aber nicht, dass er sich zwei Wochen in den Liegestuhl legen kann. Wenn er das tut, schmilzt er wie Schnee in der Sonne. Die Muskulatur baut ab. Bedenken Sie: Sie liegen eine Woche mit einer schweren Krankheit im Bett. In dieser Zeit büßen Sie 25 Prozent Ihrer Muskelmasse ein! Für einen Leistungssportler heißt das: Er steht wie ein Invalider wieder aus dem Bett auf.

 

Das heißt: Ein geregeltes Leben ist für den Profi wichtig.

Lugscheider: Vergessen wir nicht: Ein Profi verdient etwa zehn Jahre lang mit Fußball sein Geld, länger nicht. Da muss er gewisse Grundregeln beachten, er kann nicht essen und trinken, was er will. Alle großen Spieler, die ich erlebt habe, sei es Dejan Savicevic oder Trifon Iwanow, sie hatten auch ihr Privatleben im Griff. Da gab es keine Ausreißer. Die Lebensführung spielt eine entscheidende Rolle. Die Betreuung muss breit sein, es kann nicht sein, dass der Spieler den ganzen Tag macht, was er will, und dann kommt er für zwei Stunden zum Training.

 

Die Aufgabe des Klubarztes beschränkt sich also nicht darauf, kranke Spieler zu kurieren.

Lugscheider: Nein, unsere wichtigste Aufgabe ist ohnehin, darauf hinzuarbeiten, dass die Spieler sich erst gar nicht verletzen, was wir am besten durch den gezielten Aufbau einer muskulären Balance erreichen.

 

Abseits von muskulären Problemen: Ist Bauchweh vor einem Spiel ein häufiges Problem bei Spielern?

Lugscheider: Ja, dieses Problem ist gar nicht so selten. Ich achtete immer darauf, bereits eineinhalb vor Spielbeginn bei der Mannschaft zu sein. Denn schon die Anwesenheit des Doktors wirkt beruhigend. Handelte es sich bei den Bauchbeschwerden um ein organisches Problem, so gab ich in der Regel gut auflösbare Entsäuerungsmittel, die gegen den Würg- und Speireflex halfen. Ansonsten arbeitete ich mit homöopathischen Mitteln und Substanzen aus der Kräuterheilkunde – oder einfach Placebos. Für den Spieler zählte in erster Linie: Ja, der Doktor hat was für mich. Was das für ein Mittel war, war nicht so entscheidend.

Wie sah Ihr Aufgabenbereich aus? Wie oft sahen Sie die Mannschaft?

Lugscheider: Ein Klubarzt, der die Mannschaft nur bei Matches sieht, kennt sie nicht wirklich. Ich war die Woche über ein- oder zweimal beim Training. Wäre ich fest angestellt gewesen – die großen Vereine wie beispielsweise der AC Milan leisten sich einen klubeigenen Chefarzt –, wäre ich sicher jeden Tag gekommen. Doch so musste ich ja auch meinem Brotberuf nachgehen.

Ob Sieg oder Niederlage, ich war immer mit der Mannschaft im Bus unterwegs. Wir trauerten und jubelten gemeinsam, so etwas verbindet.

 

Nicht nur die Spieler sind von Krankheiten bedroht, sondern auch der Trainer.

Lugscheider: Ich habe den Trainer nie um seinen Job beneidet. Er steht ständig im medialen Sperrfeuer. Das muss man erst einmal aushalten. Und tatsächlich altern Trainer, ebenso wie Politiker, in ihrem Beruf sehr schnell. Im Fall eines Siegs ist es das Werk von allen, im Fall einer Niederlage ist der Trainer allein schuld.

 

Der frühere deutsche Torwart Toni Schumacher sagt, dass ihm heute sein ganzer Körper weh tut, er praktisch ein Krüppel sei. Unausweichliches Schicksal eines Profis?

Lugscheider: Nein, ob einer später Beschwerden hat, hängt von mehreren Faktoren ab. Erstens von den Genen – Hans Krankl ist beispielsweise von seiner Veranlagung her ein Urwaldgorilla, den haut nichts so schnell um. Zweitens von der eigenen Lebensführung: Ich muss mich als Profi von allen Exzessen und Giften frei halten. Und drittens muss ich das Glück haben, einem gescheiten Trainer in die Hände zu fallen, der mich nicht wie beim Bundesheer mit dem Medizinball herumhüpfen lässt, denn so gehen nur die Gelenke kaputt.

 

Bei manchen Spielern verläuft der Heilungsprozess schneller als bei anderen. Wieso?

Lugscheider: Da spielt nicht zuletzt die innere Einstellung der Spieler mit hinein. Optimistische Menschen leben länger als pessimistische. Endorphine und ähnliche Botenstoffe werden bei denen freigesetzt, die ein klares Ziel vor Augen haben und hoffnungsvoll in die Zukunft blicken, und diese körpereigenen Stoffe können einen Heilungsprozess befördern. Trifon Iwanow hat sechs Tage nach seiner Meniskusoperation wieder im Europacup gespielt. Das hielten manche Leute für unmöglich. Doch wer seine Muskulatur gesehen hat und seinen eisernen Willen, den konnte das nicht wirklich überraschen.

 

Nun sind Sie seit drei Jahren nicht mehr Klubarzt. Geht Ihnen der Job ab?

Lugscheider: Nein, vorher war ich fast jedes Wochenende mit der Mannschaft unterwegs, jetzt habe ich mehr Zeit für die Familie. Das genieße ich, wie auch, dass ich bei diesem nasskalten Wetter nicht draußen herumrennen muss. (lacht)

Ich bin im Kuratorium des Vereins, der Druck ist weg. Doch im Herzen lebe ich nach wie vor mit Rapid. Sehe ich sie im Fernsehen spielen, bekomme ich jedesmal Schweißflecken. Meine Frau wundert sich, dass das möglich ist – aber so ist es.

 

Das Gespräch führte Mag. Wenzel Müller

Foto: Burt Glinn, aus dem Buch Magnum Fu´ tbol, Phaidon Press Limited, Magnum Fotos

Fußball begeistert die Menschen, nicht nur wie hier auf dem Foto in den USA, sondern auch bei uns.

Foto: Mag. Wenzel Müller

Dr. Robert Lugschneider Arzt für Allgemein- und Sportmedizin in Wien und von 1984 bis 2006 (mit zweijähriger Unterbrechung bei der Vienna) Klubarzt von Rapid Wien

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche

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