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Foto: ©iStockphoto.com/Bamse031
Quelle: Kongress f. Wintersportmedizin Garmisch Partenkirchen 13. Februar 2008
 
Sportmedizin 22. Februar 2011

Risiko Piste

Mit der Hochsaison des Wintersports kommen die Horrormeldungen von schweren Unfällen. Ist Schifahren tatsächlich gefährlicher geworden?

Schifahren ist in Österreich die unangefochtene Nummer eins der Wintersportarten. Millionen Menschen treibt es jährlich in die Alpen, und das, obwohl in der Hochsaison kaum Positives aus den Zentren des beliebten Breitensports berichtet wird: „52-Jähriger stirbt bei Schiunfall“ hieß es vergangene Woche aus Salzburg, „Notoperation auf Skipiste“ meldete zeitgleich das Land Tirol.

 

Medial gesehen wird die Schipiste zu den Ferienzeiten alle Jahre zum winterlichen Katastrophengebiet. Wenn schwere Kopfverletzungen diskutiert, neue Protektoren getestet und Todesfälle gezählt werden. Ist der Sport an der frischen Winterluft tatsächlich von der empfehlenswerten Bewegung zum Gesundheitsrisiko mutiert?

Veränderte Bedingungen

Das Schifahren hat sich in den letzten Jahren erheblich verändert: Snowboarder kamen hinzu, die alten Bretter wurden durch Carver ersetzt und das Aufkommen auf den Pisten hat sich vervielfacht. Laut der Nächtigungszahlen von Statistik Austria in den Wintersportorten haben sich diese seit 1960 versiebenfacht. Wo einst klapprige Doppelsessellifte die Sportler auf den Berg brachten, sorgen heute schnelle Gondeln für den reibungslosen Transport zu den schneesicheren „Skiautobahnen“. Mehr Menschen, mehr Material und mehr Geschwindigkeit: Sind das die Faktoren, die das Schifahren so unsicher machen?

Was in den Medien subjektiv danach klingen mag, ist objektiv nicht messbar. Mit einem Verletzungsrisiko von 0,7 Prozent ist Schifahren wesentlich sicherer als Fußballspielen oder Radfahren, die ein mehr als doppelt so hohes Risiko von 1,5 aufweisen.

Wirklichkeit und Mythos

Der Unfallchirurg und Sporttraumatologe Dr. Erwin Aschauer hat über zehn Jahre die Verletzungsmuster und Risiken auf den Salzburger Schipisten anhand von über 15.000 Fällen untersucht. Er kann mit seinen Daten von 1999 bis 2009 mit hartnäckigen Irrtümern aufräumen und neue Trends dokumentieren. So seien zum Beispiel Männer nicht übermütig und Frauen nicht übervorsichtig: „Es besteht kein Unterschied in der Verletzungshäufigkeit zwischen Mann und Frau. Auch mit fortschreitendem Alter steigt das Verletzungsrisiko nicht, es ändert sich nur das Verletzungsmuster.“ Auch die schnellere Carvingtechnik habe nicht zu mehr Unfällen geführt, ganz im Gegenteil: „Sowohl die Carvingtechnik als auch das Snowboard haben zusammen mit der besseren Pistenpräparierung zu einer Risikoreduktion geführt.“

Und auch der verletzungsreiche späte Nachmittag ist für den erfahrenen Sporttraumatologen nur ein Mythos: „Weder bei Tageszeiten noch bei Wochentagen konnten wir eine Relevanz auf das Verletzungsrisko feststellen“, so der Studienautor.

Dramatisch geändert habe sich hingegen das Verletzungsmuster (siehe Grafik). Mit der höheren Kurvengeschwindigkeit beim Carven stürze der Skifahrer oft vom Hang weg, die Piste hinunter. „Er schlägt unweigerlich mit der oberen Körperhälfte auf“, erklärt Aschauer, „deshalb haben Verletzungen von Kopf, Wirbelsäule und oberen Extremitäten an Häufigkeit jene der Beine längst überholt.“ Unterschenkel- und Knieverletzungen seien dementsprechend zurückgegangen.

Der Experte plädiert für das Tragen von Helmen und Protektoren: Ein Minus von 50 Prozent bei den Kopfverletzungen spreche für sich.

Unterschätzter Faktor

Besonders hoch sei das Verletzungsrisiko bei ungünstigen Bedingungen: „Schlechtes Wetter, schlechte Pistenverhältnisse, schlechte Sicht fordern auch bei wenig bis fast gar keinem Pistenbetrieb viele Opfer."

 

Quelle: Der Unfallchirurg, 2007, Volume 110, Number 4, Pages 301–6

Von Andrea Niemann, Ärzte Woche 8 /2011

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