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Foto: wikipedia / Ärzte-Woche-Montage
Innerhalb der Jahresperiodisierung treten nur sechs Prozent der Kreuzschmerzen während des tatsächlichen Wettkampfs auf, der Rest verteilt sich auf Training und vorbereitendes Konditionstraining.
 
Sport�rztewoche 2010 2. Februar 2011

Schmerzen im „Kreuz“

Die Lendenwirbelsäule im Sport. Prof. Dr. Michael Quittan

Bis zu 60 Prozent der Sportler klagen über Schmerzen im unteren Rückenbereich (Englisch „low back pain, LBP“) bei aktiver Sportausübung. Nur sechs Prozent der LBP treten während des tatsächlichen Wettkampfs auf. Die Rehabilitation darf sich nicht auf die Wirbelsäule alleine beschränken, will man der zentralen Rolle der Wirbelsäule als Achsenorgan gerecht werden.

 

LBP ist definiert in seiner Ausdehnung vom Rippenbogen bis zum Gesäß. Am häufigsten treten diese Schmerzen bei rhythmischen Sportgymnasten auf, gefolgt von Ringern, Fußballspielern, Tennisspielern und Ruderern. 90 Prozent aller Beschwerden bei professionellen Golfspielern beziehen sich auf die Lenden- und Halswirbelsäule. Sportartunabhängig ist ein vorausgehender Kreuzschmerz der größte Risikofaktor für einen rezidivierenden Verlauf.

An pathoanatomischen Korrelaten finden sich am häufigsten Weichteilaffektionen im Sinne von muskulären und ligamentären Reizungen. An zweiter Stelle stehen degenerative Diskopathien, gefolgt von Spondylolysen und Spondylolisthesen. Reizungen der Facettengelenke spielen ebenfalls eine Rolle. Nicht vergessen werden sollten Stressfrakturen, einerseits der Pedikel und der Facettengelenke, andererseits des Sacrums. Innerhalb der Jahresperiodisierung treten nur sechs Prozent der Kreuzschmerzen während des tatsächlichen Wettkampfs auf, der Rest verteilt sich auf Training und vorbereitendes Konditionstraining. Neben dem Wettkampftyp müssen auch anthropometrische Gegebenheiten der Athleten berücksichtigt werden.

Weichteilverletzungen

Muskelzerrungen sind die häufigste Ursache von Weichteilverletzungen. Aufgrund der komplexen neuralen Verschaltungen und segmentübergreifenden Innovationen reagiert die Muskulatur auch häufig auf Störungen anderer Wirbelsäulenstrukturen. Durch muskuläre Dysbalancen kommt es zu einer verstärkten Belastung des Bewegungssegments, als dessen Folge Blockierungen oder funktionelle Hypermobilitäten auftreten können. Schmerzen bewirken eine weitere reflektorische Abschwächung der Muskulatur. Durch diese Muskelschwäche kommt es zu einer vermehrten Belastung des Diskus und der Ligamente.

Frühzeitige Schmerztherapie und muskuläre Rekonditionierung mit Beseitigung eventuell bestehender Dysbalancen müssen beim Sportler frühzeitig einsetzen, um die Belastung der passiven Wirbelelemente hintanzuhalten. Auch bei muskulo-ligamentären Reizungen kann es zu einer Schmerzausstrahlung in die Beine kommen. Diese Symptomatik wird unter dem Überbegriff „pseudoradikuläre Syndrome“ zusammengefasst.

Spondylolyse/Spondylolisthese

Diese Sturkturdefekte zeigen Inzidenzen von 25 Prozent bei Wurfsportarten, gefolgt von Ruderern, Turnern und rhythmischen Sportgymnasten. Beschwerden treten dabei in zwei Drittel der Fälle auf. Dysplastische Spondylolisthesen sind häufig mit einem dysplastischen bzw. fehlrotierten Facettengelenk kombiniert und treten häufiger bei Frauen auf. Isthmische Spondylolysen sind die häufigsten Formen und überwiegen bei Männern.

Isthmische Spondylolysen können entweder als hereditärer Defekt oder als Überlastung im Sinne einer Ermüdungs- oder einer akuten Fraktur auftreten. Während Spondylolysen und Spondylolisthesen unter 25  Prozent klinisch und radiologisch kontrolliert werden und keine wesentliche Sporteinschränkung erfahren, muss bei Spondylolisthesen bis 50  Prozent eine Aktivitätsanpassung, bei Spondylolisthesen über 50 Prozent eine Sportpause und eine Operationsabklärung erfolgen.

Diskopathien

Vermehrte Druck- und Scherkräfte der Bewegungssegmente im Rahmen der Sportausübung, verbunden mit muskulären Dysbalancen, führen zu einer progredienten Degeneration des Anulus fibrosus der Bandscheibe. Bedingt durch die Innervation der äußeren Bandscheibenanteile, vor allem im dorsalen Aspekt, und verstärkt durch allfällige Reparationsvorgänge, kommt es zur Entwicklung diskogener Schmerzen.

Im weiteren Degenerationsprozess kommt es unter Einbeziehung der angrenzenden Wirbelkörper zum phasenhaften Verlauf, wie von Modic MR-tomographisch beschrieben. Vom Bandscheibenschmerz muss der Nervenwurzelschmerz abgegrenzt werden. Zug und Druck auf die Nervenwurzel reduzieren den endoneuralen Stofftransport und die Durchblutung. Die endoneurale Hypoxie führt zur Membrandestabilisierung mit ektoper Erregungsbildung.

Neben dieser mechanischen Komponente kommt es auch zur histochemischen Entzündungsreaktion mit erhöhter Prostaglandin E2-Produktion und -Steigerung der Empfindlichkeit der Bradykinine. Da 20 bis 30 Prozent der dokumentierten pathologischen bildgebenden Befunde keine klinischen Auswirkungen haben, ist die Diagnose neben der Bildgebung klinisch zu stellen. Je nach Schweregrad der Nervenwurzelkompression wird zwischen konservativem und operativem Vorgehen zu unterscheiden sein, wobei jedoch im Leistungssport häufiger die rasche operative Entlastung der Nervenwurzel gewählt wird.

Wirbelkörpergelenke

Durch die chronische Höhenminderung der Bandscheibe kommt es zu tiefgreifenden biomechanischen Änderungen im betroffenen Bewegungssegement. Während die Lastübertragung in einem gesunden Bewegungssegement zu 5 bis 25 Prozent über die entsprechenden Facettengelenke abgeleitet wird, führt die Diskusdegeneration zu einer Verdopplung der Lastübertragung über die Facettengelenke. Es kommt zum vermehrten Auftreten von Druck- und Scherkräften, die durch die nunmehr vermehrte Beweglichkeit der Facettengelenke noch verstärkt werden. Es entwickelt sich eine Arthrose der Wirbelgelenke, häufig verbunden mit einer Hypertrophie der ligamenta flava. Da diese Strukturen mit zahlreichen Rezeptoren ausgestattet sind, bewirkt deren Reizung im Zuge der degenerativen Prozesse einen deutlichen Schmerzinput.

Rehabilitation

Wie immer im Leistungssport muss auch die Rehabilitation des wirbelsäulenverletzten Sportlers rasch und aggressiv erfolgen. An erster Stelle steht eine suffiziente Schmerztherapie, erst dann kann unter Beachtung biomechanischer und ergonomischer Gesichtspunkte eine entsprechende Rehabilitation erfolgen. Der wirbelsäulenstabilisierenden Muskulatur kommt dabei die zentrale Bedeutung zu. Um der zentralen Rolle unserer Wirbelsäule als Achsenorgan gerecht zu werden, darf die Rehabilitation sich nicht auf die Wirbelsäule alleine beschränken, sondern muss unter Bedachtnahme auf die aus der Wirbelsäule hinaus und in sie hinein laufenden Muskelketten schlussendlich den gesamten Körper umfassen.

 

Prof. Dr. Michael Quittan, MSc, ist Vorstand des Instituts für Physikalische Medizin und Rehabilitation im SMZ Süd – Kaiser-Franz-Josef Spital mit Gottfried Von Preyer´schem Kinderspital und Geriatriezentrum in Wien.

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