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Fritz Strobl Abfahrtsolympiasieger

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Markus Prock Rodelweltmeister

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Thomas Brandauer Sportpsychologe

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Klaus Schrottshammer Speed-Skifahrer

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Martin Hochrainer Speed-Skifahrer

 
Sportmedizin 2. Februar 2011

„Ohne Verletzung geht es nicht“

Die schnellsten Rennläufer des Landes diskutierten über den Reiz der Geschwindigkeit, die vermeintliche Normalität von schweren Verletzungen und über die harte Schule des Nachwuchstrainings.

Während der diesjährigen Sportärztewoche trafen sich Abfahrts-Olympiasieger Fritz Strobl, Rodelweltmeister und Olympia-Medaillengewinner Markus Prock, die beiden Speed-Skifahrer Martin Hochrainer und Klaus Schrottshammer sowie Sportpsychologe Dr. Thomas Brandauer zum Kamingespräch, das die Presse-Journalistin Mag. Christina Lechner moderierte. Mit dem Sturz von Hans Grugger vor zwei Wochen in Kitzbühel hat die Diskussion traurige Aktualität erlangt.

 

Im Schisport ist die Verletzungshäufigkeit im Weltcup sehr hoch. Kann das so weiter gehen?

Strobl: Natürlich taucht die Frage auf: Bringt „immer schneller, immer gefährlicher“ etwas? Nach Unfällen kommen diese Diskussionen immer. Für mich galt deshalb für die eigene Risikobewertung: Erfolg ja, aber nicht um jeden Preis.

Wobei aber auch die FIS etwas tut: Tempomessungen werden nicht an den schnellsten Stellen vorgenommen, damit zwischen den Weltcup-Orten keine Konkurrenz über die Geschwindigkeit möglich ist. Zusätzlich werden die Abfahrten GPS–mäßig vermessen und kaum verändert. Ich bin der Meinung: Speed und Technik lassen sich nicht aufhalten. Da kann man nicht sagen: Wir versuchen jetzt etwas Langsameres, dafür aber Sicheres zu entwickeln. Der Drang nach vorne wird immer da sein, und eine gewisse Eigenverantwortung hat jeder Rennläufer.

Was macht den Reiz der Geschwindigkeit aus?

Strobl: Es ist schon so: Man lernt in der frühesten Jugend, mit der Geschwindigkeit umzugehen. Als Abfahrtsrennläufer mit 19 Jahren auf der Streif war ich zwar nicht erfolgreich, aber diese gesunde Mischung aus Herausforderung, Adrenalin-Kick, Nervenanspannung und dem Glücksgefühl im Ziel, das hat mich nicht mehr losgelassen.

 

Klaus Schrottshammer, bei Euch sind es nicht 140 km/h wie auf der Streif, sondern mehr als 200 km/h.

Schrottshammer: Auch wir haben uns schon als Kinder Abfahrtsanzüge besorgt. Dann haben wir uns mit den Rennläufern gemessen, da hat mich der Virus erfasst.

Bei uns ist es ähnlich wie beim 100-Meter-Lauf: Der Genuss ist kurz, aber dafür sehr intensiv, wobei man sagen muss: Es ist im Weltcup nicht immer das Ziel, die Höchstgeschwindigkeit herauszufahren. Das ist gar nicht möglich. Die ersten Läufe beginnen bei 150, 160 km/h und man achtet sehr genau darauf, was die Piste und das Wetter und die Sicht zulassen – Sicherheit geht vor Geschwindigkeit. Trotzdem gibt es immer wieder Lücken. Auch bei uns gab es in den letzten Jahren ein paar Todesfälle. Ein Restrisiko ist einfach immer da.

 

Hochrainer: Die Unfälle sind am Weg zur Rennstrecke passiert. Zwei Läufer sind am Weg zur Rennpiste über Felsen abgestürzt. Direkt beim Rennen passiert sehr wenig, weil bei uns die Sturzlinie immer entlang der Fallline, also gerade hinunter auf eine freie Fläche verläuft, ohne Fangnetze oder Ähnlichem.

 

Risikobereitschaft ist ein Aspekt im Schirennsport. Warum sind Sportler bereit, dieses Risiko einzugehen? Wie sieht das der Psychologe?

Brandauer: Es ist schwierig, das zu generalisieren, aber ein Aspekt ist sicher der Drang des Menschen, Grenzen auszuloten. Höchstgeschwindigkeiten und Bestzeiten sind eine Einzigartigkeit, die nur wenige Menschen erleben können.

Das heißt, der Star, der Erste, der Schnellste zu sein, spielt eine ganz zentrale Rolle. Da geht es nicht nur ums Ausloten der individuellen Grenze, sondern die individuelle Grenze ist das momentan Menschenmögliche. Dieser Traum ist oft so stark, dass die Knautschzone sehr eng werden kann. Da muss die Risikobereitschaft einfach höher ausgeprägt sein.

Strobl: Gut schifahren können wir alle und auch das Material hat einen hohen Stellenwert. Aber das Entscheidende zum Sieg spielt sich bei uns im Kopf ab.

 

Nach Verletzungen wieder das Vertrauen finden – wie schwierig ist das?

Strobl: Verletzungen hat fast jeder. Man macht die Therapie und irgendwann ist man wieder dabei. Schön langsam tut nichts mehr weh, und langsam kommt auch der Erfolg zurück.

 

Prock: Für mich ist der Rennsport vor allem für die Jungen gefährlich. Im Schigymnasium in Stams sind, so wie ich das mitbekommen habe schon einmal 49 Prozent der Schirennläufer ausgefallen. Das muss man sich vorstellen: Da fällt vom Nachwuchs fast die Hälfte in einer Saison wegen Operationen und Verletzungen aus.

 

Strobl: Ich kann dazu nur sagen: Meine Kinder werden keine Schirennfahrer. Natürlich haben sich die Zeiten gerändert. Unsere Schi waren früher 2,20m lang, heute mit den Carvern werden andere Kräfte frei.

Da sind schon die Eltern gefordert, auch darauf zu achten, dass man es bei den Kindern weniger rasant angeht. Natürlich, die Technologie lässt sich nicht aufhalten, aber zumindest im Training den Druck herausnehmen, darauf können auch Eltern achten.

 

Ist der Druck wirklich schon im Kindesalter so groß?

Brandauer: Da gibt es viele Aussteiger. Wenn man Stams anschaut, da haben wir bis zu 60, 70 Prozent Abbrecher, die häufig über eine Verletzung aussteigen.

 

Strobl: Ich war in Schladming in der Schihandelsschule und würde heute auch wieder dort hingehen. Wir waren in der ersten Klasse 30 Schüler und in der vierten neun, und ich war der Einzige, der aktiv war. Also da sieht man schon: Die Auslese ist beinhart und die, die übrig bleiben, kann man an einer Hand abzählen. Und wenn man dann auch noch erfolgreich sein will, wird es noch einmal enger. Der alpine Schisport hat zwar eine breite Basis, aber nur ganz wenige schaffen es bis nach oben.

 

Prock: Ich denke, dass auch die Eltern Druck machen, sie wollen, dass ihre Kinder etwas erreichen, was sie selbst nicht geschafft haben. Deshalb glaube ich nicht, dass es so leicht ist, über die Eltern ein Umdenken zu erreichen.

 

Brandauer: Die Einstellung „Ohne Verletzung geht es nicht bis zur Spitze“, die ist bei Eltern und Trainern stark verbreitet und ich denke, das muss nicht sein. Dass es ein Verletzungsrisiko gibt, darüber braucht man nicht zu streiten, aber dass es „naturbedingt“ sein soll, das sehe ich so nicht.

Für mich ist es symptomatisch für den ÖSV und das „System Schifahrer“, dass es sozusagen dazugehört, eine Verletzung zu haben.

 

In anderen Sportarten wie zum Beispiel der Formel 1 gibt es Reglements. Würde das nicht zumindest bei der Jugend Sinn machen?

Strobl: Es gibt Reglements im Alpinsport. Bei den Kindern zum Beispiel hinsichtlich der Taillierungen und Schilängen. Ob diese allerdings tatsächlich etwas bringen, wage ich zu bezweifeln. Wie ich mein erstes Weltcuprennen gefahren bin, war das sicherheitstechnisch gesehen ein Schlaraffenland: Da waren überall Netze. Bei den Jugendrennen gab es das nicht. Das ist um einiges gefährlicher gewesen. Da könnte man in Zukunft sicher ansetzen.

Natürlich sind hier vor allem die Trainer und Ausbildner in den Schulen der Jugendlichen stark gefordert. Mit ihnen müsste man zusammen arbeiten und eine Methode entwickeln, wie man den jugendlichen Sportler schützen kann.

Von Andrea Niemann, Ärzte Woche 5 /2011

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