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Es diskutierten

Abfahrts-Olympiasieger
Fritz Strobl

Rodelweltmeister und Olympia-Medaillengewinner
Markus Prock

Speed-Skifahrer
Martin Hochrainer und
Klaus Schrottshammer

Sportpsychologe:
Dr. Thomas Brandauer

 
Sportmedizin 24. Jänner 2011

"Ohne Verletzung geht es nicht"

Die erfolgreichsten Wintersportler Österreichs diskutierten anlässlich der SportärzteWoche über immer höhere Geschwindigkeiten, die Normalität von schweren Verletzungen und über die harte Schule des Nachwuchstraining im Schirennlauf. Das Gespräch das im Dezember 2010 aufgezeichnet wurde, hat durch den Sturz von Hans Grugger in Kitzbühel traurige Aktualität erlangt.


Im Schisport ist die  Verletzungshäufigkeit im Weltcup sehr hoch.  Wohin wird das führen?

Strobl: Eine Prognose abzugeben ist schwierig. Speziell in Kitzbühel hat man in den letzten Jahren beim Zielsprung gesehen, dass gerade kurz vorm Ziel sehr schwere Stürze passieren. Matthias Lanzinger war ein Paradefall. Bei ihm hat man erlebt, wie knapp Sieg und Niederlage nebeneinander liegen. Der Matthias ist heute wieder fast topfit und hat sein Schicksal super gemeistert. Natürlich taucht die Frage auf: Bringt "immer schneller, immer gefährlicher" etwas? Nach Unfällen kommen immer diese Diskussionen auf. Mein Thema war deshalb  immer die eigene Risikobewertung: Erfolg ja, aber nicht um jeden Preis.

Und wie sieht es mit der Verantwortung der anderen  aus?

Strobl: Auch die FIS tut etwas: So werden Tempomessungen zum Beispiel nicht an den schnellsten Stellen vorgenommen, damit zwischen den Weltcup-Orten keine Konkurrenz über die Geschwindigkeit möglich ist. Zusätzlich sind die Abfahrten vorgegeben und GPS–mäßig vermessen, die werden eigentlich kaum verändert. Ich bin der Meinung: Speed und Technik lassen sich nicht aufhalten. Jeder Rennläufer, jede Firma versucht immer, neues Material zu entwickeln. Da kann man sagen: Wir versuchen jetzt etwas Langsameres, dafür aber Sicheres zu entwickeln. Der Drang nach vorne wird immer da sein, und eine gewisse Eigenverantwortung hat jeder Rennläufer.

Was macht den Reiz der Geschwindigkeit aus?

Strobl: Es ist schon so: Man lernt in der frühesten Jugend, mit der Geschwindigkeit umzugehen. Als Abfahrtsrennläufer hatte ich mein Debut mit 19 Jahren auf der Streif, und das hat mich nicht mehr losgelassen. Ich war zwar nicht erfolgreich, aber diese gesunde Mischung aus Herausforderung, Adrenalin-Kick, Nervenanspannung und dem Glücksgefühl im Ziel, das macht den Abfahrtslauf aus.

Klaus Schrottshammer, bei Euch sind es nicht 140 km/h wie auf der Streif, sondern mehr als 200 km/h.

Schrottshammer: Auch wir haben uns schon als Kinder Abfahrtsanzüge besorgt und sind wie bei den Rennen im Fernsehen unsere Rennen gefahren. Durch die Nähe zu den Rennstrecken, wie zum Beispiel zum Kulm, haben wir dann begonnen, uns mit den tatsächlichen Rennläufern zu messen, da hat mich dann der Virus erfasst.

Thomas Brandauer, "der Virus erfasst" - damit ist die Geschwindigkeit gemeint. Du hast kürzlich eine Untersuchung dazu gemacht.

Brandauer: Beim Schifahren wird als Beweggrund viel häufiger als in anderen Sportarten "Spaß" angegeben, wie zum Beispiel bei Joggern oder Läufern. Uns hat interessiert, ob man diesen „Spaß“ auch empirisch nachweisen kann. Deshalb haben wir auf der Piste mit einer Radarpistole die Geschwindigkeit von Schiläufern gemessen und den Fahrern am Lift einen Fragebogen in die Hand gedrückt. Unter anderem konnten wir nachweisen, dass das Flow-Erlebnis beim Schifahren sehr groß ist und bei höheren Geschwindigkeiten umso intensiver wird.

50 km/h und etwas schneller werden am intensivsten im Breitensport erlebt. Das heißt, das Gefühl für die Fliehkräfte braucht eine gewisse Geschwindigkeit, um das Erlebnis, das man kennt, wieder zu erleben.

Prock: Beim Rodeln ist der Druck der Fliehkräfte enorm. In manchen Kurven kann man den Kopf nicht mehr selbstständig halten. Das sieht man auch im Fernsehen: Die Rodler haben ein Band am Brustbein, ihren Kopf zu halten. Trotzdem passiert relativ wenig.

Bis alles immer schneller und schneller wurde. Bis vor Kurzem lagen die Spitzen bei 125 km/h. Bei den Olympischen Spielen gab es dann den Unfall, da hat man es übertrieben. Die Bahn hat 155 km/h ermöglicht. Auf der anderen Seite hat man aber auch gesagt: Wir Rodler sind jetzt schneller als die Schifahrer. Bei den Speedrennen geht’s hingegen nur um Geschwindigkeit.

Schrottshammer: Bei uns ist es ähnlich wie beim 100 Meter Lauf: Der Genuss ist kurz, aber dafür sehr intensiv, wobei man sagen muss: Es ist im Weltcup nicht immer das Ziel, die Höchstgeschwindigkeit herauszu- fahren. Das ist gar nicht möglich. Die ersten Läufe beginnen bei 150, 160 km/h und man achtet sehr genau darauf, was die Piste und das Wetter und die Sicht zulassen –Sicherheit geht vor Geschwindigkeit. Trotzdem gibt es immer wieder Lücken. Auch bei uns gab es in den letzten Jahren ein paar Todesfälle. Ein Restrisiko ist einfach immer da.

Hochrainer: Die Unfälle sind am Weg zur Rennstrecke passiert. Stürze gehen bei uns relativ „glimpflich“ aus. Zwei Läufer sind bei Felsen, am Weg zur Rennpiste,  abgestürzt. Direkt beim Rennen passiert sehr wenig, weil bei uns die Sturzlinie immer entlang der Fallline, also gerade hinunter auf eine freie Fläche verläuft, ohne Fangnetze oder Ähnlichem.

Risikobereitschaft ist ein Aspekt im Schirennsport, warum sind Sportler bereit dieses Risiko einzugehen? Wie siehst Du das als Psychologe?

Brandauer: Es ist schwierig, das zu generalisieren, aber ein Aspekt ist sicher der Drang des Menschen, Grenzen auszuloten. Im Leistungssport ist das natürlich gekoppelt mit einem starken Leistungsmotiv. Sportler wollen Kompetenz und Leistung auf einem sehr hohen Niveau erbringen, um aus der Masse herauszuragen. Höchstgeschwindigkeiten und Bestzeiten sind eine Einzigartigkeit, die nur wenige Menschen erleben können.

Das heißt der Star, der Erste, der Schnellste zu sein, spielt eine ganz zentrale Rolle. Da geht es nicht nur ums Ausloten der individuellen Grenze, sondern die individuelle Grenze ist das momentan Menschenmögliche. Dieser Traum ist oft so stark, dass die Knautschzone dann sehr eng werden kann. Da muss die Risikobereitschaft einfach höher ausgeprägt sein.

Strobl: Gut Schifahren können wir alle und auch das Material hat einen hohen Stellenwert. Aber das Entscheidende zum Sieg spielt sich bei uns im Kopf ab.

Nach Verletzungen wieder das Vertrauen finden - wie schwierig ist das?

Strobl: Verletzungen hat fast jeder: Ich kann mich an meine erste schwere Knieverletzung erinnern, 1991 in Kanada eine Luxation meines linken Knies. Ich habe mir gedacht: "Na bravo, jetzt bin ich ein Jahr dabei und mein Knie ist hin."  Dann wurde mir gesagt: "Mach dir nichts daraus,  fast jeder hat ein Plastikbandl." Dann dauert es. Man macht die Therapie und irgendwann ist man wieder dabei. Schön langsam tut nichts mehr weh, und langsam kommt auch der Erfolg zurück.

Prock: Für mich ist der Rennsport vor allem in der Jugend gefährlich. Im Schigymnasium in Stams, wie ich das mitbekommen habe sind 49 Prozent der Schirennläufer ausgefallen. Das muss man sich vorstellen: Da fällt vom Nachwuchs fast die Hälfte in einer Saison wegen Operationen und Verletzungen aus.

Strobl: Ich kann dazu nur sagen: Meine Kinder werden keine Schirennfahrer. Natürlich haben sich die Zeiten gerändert. Unsere Schi waren früher 2,20m lang, heute mit den Carvern werden andere Kräfte frei.

Da sind schon die Eltern gefordert, auch darauf zu achten, dass man es bei den Kindern weniger rasant angeht. Natürlich, die Technologie lässt sich nicht aufhalten, aber zumindest im Training den Druck herausnehmen, darauf können die Eltern achten.

Ist der Druck wirklich schon im Kindesalter so groß, Du arbeitest ja auch mit Kindern und Trainern?

Brandauer: Da gibt es viele Aussteiger. Wenn man Stams anschaut, da haben wir bis zu 60, 70 Prozent Abbrecher, die hüfig über eine Verletzung aussteigen.

Strobl: Ich war in Schladming in der Schihandelsschule und würde heute auch wieder dort hingehen. Wir waren in der ersten Klasse 30 Schüler und in der vierten 9, und ich war der Einzige, der aktiv war. Also da sieht man schon: Die Auslese ist beinhart und die, die übrig bleiben, kann man an einer Hand abzählen. Und wenn man dann auch noch erfolgreich sein will, wird es noch einmal enger. Der alpine Schisport hat zwar eine breite Basis, aber nur ganz wenige schaffen es bis nach oben.

Prock: Ich glaube aber, dass auch die Eltern Druck machen, sie wollen, dass ihre Kinder etwas erreichen, was sieselbst nicht geschafft haben. Deshalb  glaube ich nicht, dass es so leicht ist, über die Eltern ein Umdenken zu erreichen.

Brandauer: Die Einstellung: "Ohne Verletzung geht es nicht bis zur Spitze" die ist bei Eltern und Trainern stark verbreitet und ich denke, das muss nicht sein. Dass es ein Verletzungsrisiko gibt, darüber braucht man nicht zu streiten, aber, dass naturbedingt so ist, das sehe ich so nicht.

Für mich ist es symptomatisch für den ÖSV und das "System Schifahrer", dass es sozusagen dazugehört, eine Verletzung zu haben.

Teilnehmer der SportärzteWoche: In Stams ist es zum Beispiel so: Wenn Du eine Verletzung hast, musst du gehen. Da bist du kein Abbrecher, sondern wirst quasi rausgeschmissen.

Strobl: So gesehen hab ich Glück gehabt: Ich war bei meiner Verletzung  19 und im Team. Also ich hatte einen gewissen Status. Der bringt auch eine Sicherheit. Zumindest einmal für zwei Jahre, bis man wieder fit ist. Vorher gibt es eine beinharte Auslese, wo sicher auch einige von den Besten auf der Strecke bleiben, das wird man nicht so leicht ändern können. Aber ich glaube, wir sollten gar nicht so negativ reden, sonst haben wir in Zukunft keine Schifahrer mehr.

In anderen Sportarten wie zum Beispiel der Formel 1 gibt es Reglements. Würde das  nicht zumindest bei der Jugend, die gerade in der Entwicklung steckt, Sinn machen? Schließlich sollten  auch die, die nicht an die Spitze kommen, gesundheitlich geschützt sein, damit sie ohne Schäden aussteigen können.

Strobl: Es gibt Reglements im Alpinsport. Bei den Kindern zum Beispiel die Taillierungen und die Schilängen. Ob diese allerdings tatsächlich etwas bringen, wage ich zu bezweifeln. Wie ich mein ersten Weltcuprennen gefahren bin, war das sicherheitstechnisch gesehen ein Schlaraffenland: Da waren überall Netze. Bei den Jugendrennen gab es das nicht. Das ist um einiges gefährlicher gewesen. Da könnte man in Zukunft sicher ansetzen.

Natürlich sind hier vor allem die Trainer und Ausbildner in den Schulen der Jugendlichen stark gefordert. Mit ihnen müsste man zusammen arbeiten und eine Methode entwickeln, wie man den jugendlichen Sportler schützen kann.

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