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Vitzthum

Mag. Karin Vitzthum,
Abteilungen Pneumologie und Sportmedizin des Instituts für Arbeitsmedizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin  

 
Sportmedizin 16. August 2010

Strategien zur Dopingbekämpfung

Der Dopingprozess gegen Ex-Sportmanager Stefan Matschiner sorgte letzte Woche für Empörung: Vor Gericht behauptete er, der Spitzensport sei eine scheinheilige Welt, wo Doping "auf der Tagesordnung steht, wie das Frühstück". Der Hausarzt spielt in der Dopingprävention eine wichtige Rolle, stellt Karin Vitzthum von der Charité Berlin in ihrem Artikel zu den interdisziplinären Strategien der Dopingbekämpfung fest:  Wir bringen auf SpringerMedizin.at eine Zusammenfassung aus der aktuellen Publikation in der Wiener Klinischen Wochenschrift:

Doping im Sport ist in den letzten Jahren durch spektakuläre Enthüllungen in den Fokus des öffentlichen Bewusstseins gerückt. Ein hohes wissenschaftliches Interesse lässt sich anhand von steigenden Publikationszahlen beobachten (Abb. 1 und 2) und hat auch inzwischen dazu beigetragen, dass die Dopingproblematik im deutschsprachigen Raum von der öffentlichen Hand sehr ernst genommen wird [14].

Präventive Initiativen

Diverse präventive Initiativen werden besonders im Bereich des Nachwuchssports gefördert. Problematisch ist die Tatsache, dass es jedoch immer wieder zu Schwierigkeiten der Abgrenzung zwischen Doping und Drogen- oder Medikamentenmissbrauch im Leistungs-und Breitensport kommt. Dies muss im Rahmen der Prävention eine noch differenziertere Betrachtung erfahren. Kritisch zu bewerten ist, dass selten ein ganzheitliches Präventionskonzept durchgeführt wird. Es genügt nicht nur Trainer und Betreuer in die Dopingprävention einzubeziehen.

Mögliche Multiplikatoren

Die Beteiligung weiterer Berufsgruppen und Multiplikatoren, die einen Einfluss auf den Athleten haben, könnte eine Effektivierung der Prävention bewirken. Lehrer, Eltern und betreuende Kinder- und Hausärzte, neben den niedergelassenen Sportärzten, könnten diese Funktion übernehmen. Diese werden in den derzeitigen Präventionsprogrammen nicht berücksichtigt, obwohl ihre Aufgabe hinsichtlich der sportethischen Prägung gleichsam bedeutend ist.

Bedeutende Rolle des Hausarztes

Doping wird als ein Problem der öffentlichen Gesundheit wahrgenommen, aber die behandelnden Ärzte fühlen sich gleichzeitig nicht ausreichend informiert [57–59]. Die Bedeutung von Ärzten (vor allem des "Hausarztes“) hinsichtlich der Dopingproblematik ist aus zweierlei Gründen bedeutend: 

1. Niedergelassene Ärzte kennen Kinder und Jugendliche bereits bevor sie nationalen Kaderstrukturen angehören. Sie könnten potentiell Gefährdete oder Dopingeinsteiger schnell identifizieren und entsprechend weiterbehandeln und sind selbst vom Sportsystem finanziell unabhängig.

2. Niedergelassene Ärzte wurden hinsichtlich der Beschaffung von Dopingmitteln über den "Schwarzmarkt" (heute vorwiegend über das Internet) als Hauptbezugsquelle identifiziert [60].

Weitere Forschungsarbeiten sollten die fachliche Kompetenz von niedergelassenen Ärzten, insbesondere von Kinderärzten, Sportmedizinern und Hausärzten erheben und gegebenenfalls Aus- und Fortbildungscurricula modifizieren.

Doppelmoral durch Werbung

In der Werbung ist der Begriff "Doping" zum Teil durchaus positiv besetzt und meint eher eine Unterstützung in Zeiten hoher Belastung für "moderne" Menschen. Die öffentliche Doppelmoral wird besonders deutlich, wenn man Vergleiche heranzieht. So wird der verbreitete Konsum von Beta-Blockern bei Berufsmusikern allgemein akzeptiert, während dies im Sport ein Dopingvergehen darstellt [61].

Der Sport repräsentiert dabei zunehmend die gesellschaftlichen "Werte" und verliert sein idealistisches Image in der Gesellschaft [10, 62]. Es wäre also ergänzend sinnvoll, gegen dieses mangelnde Unrechtsbewusstsein zu wirken. Paradoxe Ansätze, warum einzelne Athleten nicht dopen, könnten der weiteren Exploration dieses Forschungsfeldes dienlich sein. Internationale Studien resümieren, dass die Dopingproblematik nur durch eine Kombination von:

• regelmäßigen Dopingtests (vor allem im Training)

• weiteren medizinischen Kontrollen (z. B. "Blutpass“)

• Prävention auf Primär,- Sekundär- und Tertiärebene

• dem Aufbewahren von Dopingproben für spätere Untersuchungen (verbunden mit einer möglichen Sanktionierung)

• keine Verjährung bei Dopingvergehen

• und härteren Strafen bei Erst- und Wiederholungstätern eingeschränkt werden kann [63].

Fehlende Nachweisverfahren

Wenn Kontrollen und Strafmaß ein nicht mehr abwägbares Risiko für den Athleten und seine Betreuer darstellen, könnte sich etwas an der Dopingthematik im Leistungssport ändern. Für einen jungen Athleten bedeutet eine Höchststrafe von 2 Jahren Sperre (z. B. Blutdoping) nicht unbedingt das Karriereende. Besonders die Entwicklungen im Radsport haben gezeigt, dass jahrelanger Dopingmittelmissbrauch wie z. B. von EPO durch ein fehlendes Nachweisverfahren und mangelnde Sanktionsmöglichkeiten bis zum Jahr 2000 begünstigt wurde [64].

Internationale Vereinheitlichung 

Ein weiteres Hindernis hinsichtlich eines dopingfreien Sports besteht in der fehlenden internationalen Vereinheitlichung der Anti- Dopingrichtlinien und deren Durchsetzung, die auch von der Europäischen Union und der UNESCO gefordert wird. Die meisten Nationen erkennen den WADA-Code an und unterhalten Nationale Anti-Doping Agenturen, jedoch bleibt die Durchsetzung und Kontrolle der Athleten größtenteils in nationaler Hand. Es wäre künftig sinnvoll, die Starts von Sportlern bei internationalen Wettkämpfen eng an den Nachweis von unabhängig kontrollierten Trainingsproben zu binden [2, 65].

Einheitliche rechtliche Basis schaffen

Hier sind internationale Sportjuristen gefordert, eine einheitliche rechtliche Basis zu schaffen. Der Leistungssport hat eine starke Vorbildwirkung auf Verhaltensweisen im Breitensport. Während man im Leistungssport versucht, mit immer häufigeren und besseren Kontrollen das Doping einzuschränken, ist dies im Breitensport aufgrund rechtlicher und finanzieller Aspekte nur bedingt möglich.

Sinnvolle Prävention muss also frühzeitig beginnen, bevor ein erster Kontakt mit Dopingsubstanzen stattfindet. Entscheidend für den Erfolg dieser Maßnahmen ist, alle Beteiligten aus dem sportlichen Umfeld und nicht nur den Athleten selbst einzubinden. Zahlreiche Studien nennen diese Aspekte, jedoch fehlt bislang die Bereitschaft zur Finanzierung einer flächendeckenden Umsetzung und einer entsprechenden personellen Ausstattung.

An manchen Stellen im System sind inzwischen "Ermüdungserscheinungen" zu bemerken, und es wäre fatal, wenn diese Haltung weiter um sich greift [66]. Darüber hinaus muss angemerkt werden, dass eine subtile, sportinterne Abwehrhaltung gegen eine effektive Prävention mitunter besteht, da diese voraussichtlich mit Leistungseinbußen verbunden wäre. Öffentliche Mittel werden nach wie vor auf Grund von Erfolgen bei internationalen Großereignissen an die Sportverbände verteilt.

Abbildung 1

Abb. 1. Gesamtzahl der Publikationen zu den Schlagwörtern "Doping" und "Sports" im Zeitraum von 1955–2007 im Rahmen einer PubMed, Recherche am 12.5.2009

Abbildung 2

Abb. 2. Gesamtzahl der Publikationen zu den Schlagwörtern
"Doping" und "Sports" im Zeitraum von 1955–2007 im Rahmen einerPubMed Recherche am 12.5.2009 unterteilt nach Altersgruppen

Volltext

Die Arbeit ist im Volltext auf SpringerLink abrufbar 
Quelle: Wiener Klinische Wochenschrift (2010) 122: 325–333

Literatur

2. Fraser AD (2004) Doping control from a global and national perspective. Ther Drug Monit 26: 171–4

10. De Rose EH (2008) Doping in athletes–an update. Clin Sports Med 27: 107–30, viii–ix

14. Kamber M, Mullis PE (2007) Doping in adolescence. Ther Umsch 64: 83–9

57. Woods CB, Moynihan A (2009) General practitioners knowledge,practice and training requirements in relation to doping in sport. Ir Med J 102: 8–10

58. Peters C, Selg P-J, Michna H (2005) Doping: Ärzte zu wenig informiert. Bundesaerzteblatt 102: A-266

59. Laure P, Binsinger C, Lecerf T (2003) General practitioners and doping in sport: attitudes and experience. Br J Sports Med 37: 335–8; discussion 338

60. Laure P (1997) General practitioners and doping in sports: knowledge and attitudes. Sante Publique 9: 145–56

61. Brantigan CO, Brantigan TA, Joseph N (1982) Eff ect of beta blockade and beta stimulation on stage fright. Am J Med 72: 88–94

62. Petroczi A (2007) Attitudes and doping: a structural equation analysis of the relationship between athletes’ attitudes, sport orientation and doping behaviour. Subst Abuse Treat Prev Policy 2: 34

63. Sjoqvist F, Garle M, Rane A (2008) Use of doping agents, particularly anabolic steroids, in sports and society. Lancet 371: 1872–82

64. Jelkmann W (2000) Use of recombinant human erythropoietin as an antianemic and performance enhancing drug. Curr Pharm Biotechnol 1: 11–31

65. Striegel H, Rossner D, Simon P, Niess AM (2005) Th e World Anti-Doping Code 2003 – consequences for physicians associated with elite athletes. Int J Sports Med 26: 238–43

66. dpa (2009) Heike Henkel genervt vom Anti-Doping-Kampf http://www.dnews.de/leichtathletik-wm/99390/

 Hintergründe

Der Wunsch, die eigene Leistungsfähigkeit durch Substanzen zu steigern, ist wahrscheinlich so alt wie der Wettkampfsport an sich. In der Mitte des 20. Jahrhunderts kam es u. a. mit der Einführung des Berufssportler-Status, aber auch bedingt durch die technologischen Möglichkeiten, zu einem starken Anstieg des Dopings.

Doping wurde ein integraler Aspekt des Leistungssports so wie die Trainingssteuerung und/oder Materialforschung [1]. Anfangs wurden vorwiegend Stimulanzien wie Strychnin und Kokain eingesetzt, seit den 1950-er Jahren zusätzlich Glukokortikoide und Anabolika, seit den 1960-ern zudem Blutdoping.

Seit Ende der 1980-er Jahre werden rekombinante Hormone verwendet und bereits seit einigen Jahren wird von Gen-Doping gesprochen [2]. Die ersten systematischen Dopingkontrollen wurden jedoch erst 1968 während der Olympischen Spiele in Mexiko durchgeführt [2]. Präventionsprogramme haben erst in diesem Jahrtausend auf breiter Ebene eingesetzt.

Literatur

1. Dunn WR, George MS, Churchill L, Spindler KP (2007) Ethics in sports medicine. Am J Sports Med 35: 840–4

2. Fraser AD (2004) Doping control from a global and national perspective. Th er Drug Monit 26: 171–4

Karin Vitzthum, Stefanie Mache, David Quarcoo, David A. Groneberg, Norman Schöffel

Abteilungen Pneumologie und Sportmedizin des Instituts für Arbeitsmedizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin,
Freie Universität Berlin und Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin-Dahlem, Deutschland

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