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Sportmedizin 11. Mai 2010

Betrug am Sport

Steffi Graf traf er viele Jahre nach ihrer aktiven Zeit, ihre Marathon-Kollegin Eva-Maria Gradwohl hingegen völlig unerwartet: Der Dopingverdacht.

Bei Ex-Sportlerin Graf sind es alte Blutabnahmen. Die aktive Marathonläuferin stolperte vergangene Woche hingegen über eine Weigerung zum Dopingtest. Seit Jahren sorgen nationale und internationale Sportler in regelmäßigen Abständen für Dopingschlagzeilen. Die Welt Anti Doping Agentur WADA reagierte 2009 mit rigorosen Maßnahmen. Doch greifen die neuen harten whereabouts-Regeln der WADA ? Gute Lösungsmodelle aus der Dopingmisere fehlen.

 

Top-Athleten müssen seit einem Jahr täglich eine Stunde an einem festlegen Ort für Kontrolleure erreichbar sein. Diese Information haben diese für ein Quartal im Voraus anzugeben. Der harte Eingriff in die Privatssphäre sei aber nur „eine stumpfe Waffe“, so Dopingexperte Werner Pitsch im Interview über Dopingfälle, Dopingbestimmungen und die Zukunft des Spitzensports.

Erstaunen Sie die neuen Fälle in Österreich?

Pitsch: Nein, mich erstaunt nur immer wieder, wie öffentlich mit solchen Fällen umgegangen wird.

 

Warum nicht?

Pitsch: Wir haben im Bereich des Dopings zwei unterschiedliche Aspekte, die wir differenzieren müssen: Zum einen ist Doping nach dem öffentlichen Gedanken dieses moralisch negativ bewertete unfaire Suchen von Vorteilen gegenüber anderen. Das ist der eine Punkt. Der andere ist der rein regelbezogene , juristische Punk: Doping als Regelverstoß im Sport

 

Kann man sagen, dass überall dort wo die Leistungsstruktur einfach ist, gedopt wird?

Pitsch: Ja, das haben wir natürlich im Marathon, in den Leichtathletik und bei den Wurfdisziplinen, wo die Kraft eine relativ große Rolle spielt. Bei den Sprungdisziplinen sieht es vielleicht ein bisschen anders aus.

Ich habe einmal einen Arzt gefragt: kann man im Wassersport dopen? Da sagt er: Ja aber es bringt nichts und mit Wasserspringen kann man kein Geld verdienen. Man kann die einzelnen Disziplinen nicht gut über einen Kamm scheren. Aber ich würde einmal grundsätzlich sagen, dass bei Spielen und künstlerisch, kompositorischen Sportarten die Dopingwahrscheinlichkeit um einiges niedriger ist.

Sehen sie einzelne Sportler als Opfer?

Pitsch: Hatten Sie jetzt Frau Graf oder Frau Gradwohl gemeint? Grundsätzlich: die Änderungen des Welt Antidoping Codes mit den neuen „whereabouts“ führen schon zu massiven Eingriffen in die Freiheitsrechte von Sportlern und Dopingtests führen auch zu massiven Eingriffen in die Privatsphäre der Leistungssportler. Es gibt ja einige Fälle, die diskutiert werden, wo zum Beispiel ein belgischer Sportler öffentlich gesagt hat: Kinderschänder haben mehr Freiheitsrechte als wir und das stimmt auch. Er hat das nachgewiesen. Von daher ist es momentan für jeden Sportler leicht, sich als Opfer darzustellen.

 

Finden Sie sind die whereabouts der WADA gerechtfertigt, was sagen die ersten Daten?

Pitsch: Ich betrachte die jährlichen Statistiken der Welt Antidoping Agentur ziemlich genau. Ich habe festgestellt dass die Anzahl der sogenannten Adverse Analytical Findings, also die Anzahl der zumindest einem Dopingverdacht nahe liegenden Ergebnisse von Labortests - dass sich dieser Anteil an allen Proben im neuen whereabouts - System praktisch nicht verändert hat. Das kann natürlich zwei Gründe haben: Es wird genauso viel gedopt wie vorher und diese Waffe ist stumpf, oder: die Waffe ist scharf und die Abschreckung ist stärker.

 

Was vermuten Sie?

Pitsch: Also angesichts der relativ kurzen offenen Nachweisfenster bei vielen Substanzen halte ich die Verschärfung der whereabouts für eine relativ stumpfe Waffe. Ich habe jetzt gerade letzte Woche gehört, dass bei anabolen Steroiden das Nachweisfenster bei rund 24 Stunden liegt, genauso bei EPO. Meines Wissens bei Wachstumshormonen bei sechs bis sieben Stunden. Da bemerkt man die Problematik, die Athleten genau in der Zeit zu erwischen.

 

Das heißt nur ein „rund um die Uhr“ - Überwachung würde greifen.

Pitsch: Richtig, man müsste tatsächlich rund um die Uhr überwachen. Da hätten wir im Sport eine Big Brother Situation. Das ist aber in unseren Breiten mit unseren Vorstellungen von persönlicher Freiheit unverträglich.

 

Ihr Buch bietet auch Lösungsvorschläge, wie Belohnungssysteme für Nichtdoping. Wäre das ein Lösung?

Pitsch: Ich glaube nicht, weil Nichtdoping nachzuweisen genauso schwierig ist. Wenn wir die Relationen von unseren Rendomized Response Analysen mit Fenstern zwischen 12 und 38 Prozent von Dopern unter Bundesdeutschen Kaderathleten nehmen und das vergleichen mit zwei Prozent Adverse Analytical Findings der WADA , dann würde das heißen, dass der Großteil der Doper gar nicht entdeckt wird. So gesehen würden diese als Nichtdoper auch noch eine Belohnung kassieren.

 

Was wären gute und gangbare Lösungen ?

Pitsch: Ich kenne keine. Ganz ehrlich, ich kenne keine guten Wege. Ich glaube, dass das Dopingproblem über kurz oder lang als praktisch nicht lösbar wahrgenommen werden wird und dann seine Bedeutung verlieren wird. Man wird sich über Regelverstöße, Medaillienrückgaben und Testverweigerungen nicht mehr so aufregen.

Das heißt es wird bewusst eine nicht wünschenswerte Situation aufrecht erhalten, weil es keine andere Lösung gibt: Einzelne Sportler werden geopfert, um das System in dieser Form aufrecht zu erhalten?

Pitsch: Diese Sichtweise müsste eine bewusste Ansteuerung dieses Zustandes voraussetzen. Wenn Einzelne geopfert werden, müssten die, die das System im Moment betreiben ganz genau wissen was sie tun, wie viele Doper es gibt, wie hoch die Entdeckungsrate ist und so weiter. Ich glaube nicht, dass das so ist.

Denn es ist kaum möglich sichere Zahlen zu bekommen. Gerade in der Fachliteratur über Doping hat sich die Erkenntnis, dass es Methoden gibt, die Häufigkeit des Dopings im Kollektiv zu messen, wenig durchgesetzt.

 

Werden wir zur Fusßball WM mit Doping Fällen rechnen müssen?

Pitsch: Es gibt mindestens drei Gründe, warum wir bei der WM nicht mit vielen Dopingfällen rechnen müssen: Erstens ist speziell in Spielen die Ansteuerung der dort sehr komplexen sportlichen Leistung über pharmakologische Maßnahmen, seien sie nun verboten oder nicht, wesentlich schwieriger und wesentlich unsicherer hinsichtlich der Wirkung als in cgs-Sportarten mit den einfacheren Leistungsstrukturen. Dazu kommt zweitens durch den Charakter des Fußballsports als Mannschaftssportart eine zusätzliche Unsicherheit hinsichtlich der Wirkung der Leistungssteigerung einzelner Spieler auf den Erfolg der Mannschaft (die eigentliche Zielvariable), der ja auch von Gegnern und Mitspielern abhängt bei gleichzeitig hohem Risiko der Entdeckung. Und drittens sehe ich im Fußball kein großes Potential in Dopingmaßnahmen, die unmittelbar im Wettkampf wirken sondern eher die Möglichkeit, konditionelle Leistungsvoraussetzungen (z.B. die Ausdauer) im Vorfeld mit unerlaubten Mitteln zu steigern.

Damit ist also keineswegs gesagt, dass Doping im Spitzenfußball keine Rolle spielen würde - dazu wissen wir zu wenig. Wenn es aber eine Rolle spielt, dann lässt sich dies durch Wettkampfkontrollen wahrscheinlich nicht nachweisen.

 

Literaturtipp: Sport und Doping, zur Anlayse einer antagonistischen Symbiose.

 

Das Gespräch führte Andrea Niemann

Zur Person Dr. Werner Pitsch









Studium der Sportwissenschaft, Erziehungswissenschaft, Psychologie und Soziologie; 1998 Promotion; seit 2005 Mitarbeiter am Lehrstuhl für Sportökonomie und Soziologie der Universität des Saarlandes.
2009 Mitherausgeber des Buches Sport und Doping.
ISBN: 9783631594513

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